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Albert Hopman Das ereignisreiche Leben eines "Wilhelminers"

Herausgeber: Michael Epkenhans
Titel: Albert Hopman Das ereignisreiche Leben eines "Wilhelminers"
Untertitel: Tagebücher, Briefe, Aufzeichnungen 1901 bis 1920
Seiten: 1234
Verlag: Oldenbourg Wissenschaftsverlag
Ort, Jahr: München, 2004
ISBN: 3-486-56840-X

Hier wird dem geneigten Leser wahrhaft "schwere Kost" verabreicht, denn ein Buch von mehr als 1.200 Seiten liest sich allein aus Gewichtsgründen wahrlich nicht beiläufig, geschweige denn in dem sprichwörtlichen "einen Rutsch". Wer aber war der Mann, dessen Aufzeichnungen das Hauptmotiv dieser Veröffentlichung von deren bevorstehendem Erscheinen man in der Fachwelt schon lange munkelte bilden, und der sogar in der mehr oder minder interessierten Öffentlichkeit ein eher unbeschriebenes Blatt ist.

Nun, Albert Hopman war zum Kriegsende 1918 einer der ranghöchsten deutschen Admiräle, wenn auch seine Laufbahn auf den ersten Blick in vergleichsweise unspektakulären Bahnen verlaufen ist. So lautete beispielsweise seine Dienstbezeichnung im Jahre 1918 für den minder Eingeweihten auch eher kryptisch "Chef der NATEKO", also der Nautisch-Technischen-Kommission im besetzten Teil Rußlands, bzw. der neu gegründeten Ukraine. Besieht man sich Hopmanns Laufbahn allerdings näher, so muß man feststellen, daß seine Karriere ihn beinahe durchweg auf Spitzenposten sah, wenn auch meistens nie "ganz oben". Aber als einer der Ersten das Kommando über einen der brandneuen deutschen Dreadnoughts die Rheinland erhalten zu haben, stellt sicher nicht das schlechteste Zeugnis für seine Reputation aus.

Weitere bemerkenswerte Verwendungen in dem beschriebenen Zeitraum waren: Navigationsoffizier auf der Brandenburg während der Ausreise nach Fernost, Beobachter bei der russischen Flotte während des russisch-japanischen Krieges, langjähriger Chef der Zentralabteilung des Reichs-Marine-Amtes also direkt Tirpitz unterstellt , Führer der Aufklärungsstreitkräfte der Ostsee und als ein unerfreuliches Intermezzo Berater im osmanischen Marineministerium. Seine Erlebnisse von der Fähnrichszeit bis zum Ende des Krieges hat er selbst zu Beginn der 20er Jahre in zwei Büchern niedergelegt, deren Inhalt bislang zu den wahrhaftigsten Schilderungen in der beinahe unüberschaubaren Flut der Nachkriegsliteratur galt was nach der Edition und Auswertung des vorliegenden Buches wohl auch weiterhin Bestand haben wird.

Für den Herausgeber bestand das Glück, daß neben dem umfangreichen dienstlichen Nachlaß Hopmanns im Bundesarchiv-Militärarchiv, der auch die Grundlage zur Abfassung seiner Erinnerungen bildete, zufällig auch der nicht minder umfangreiche private Schriftverkehr mit seiner Familie im Privatbesitz auftauchte, welcher von ihm bei der Veröffentlichung seiner Erinnerungen nicht herangezogen worden war. Die von Hopmann intensiv geschriebenen persönlichen, aber auch dienstlichen Tagebücher bildeten/bilden dabei eine perfekte Grundlage, um die Ereignisse jener Jahre nachträglich Revue passieren zu lassen anders als beispielsweise die Memoiren von Vizeadmiral William Michaelis, dessen Erinnerung ihn bei deren Abfassung einige Male im Stich gelassen hat, was stichprobenartig belegbar ist. Nein, hier empfindet der Rezensent es so manches Mal als bedauerlich, daß im Zuge der vorgenommenen und notwendigen Textstraffung einige Passagen der Schere des Herausgebers zum Opfer gefallen sind aber sie sind ja nicht verloren, man muß nur selbst wieder einmal nach Freiburg fahren.

Angesichts des vorgelegten Materials fragt man sich, wie es in der Historiographie jemals zu einer Verfemung von persönlichen Erinnerungen kommen konnte. Selbstverständlich müssen diese bei einer Veröffentlichung mehr oder minder behutsam editoriell begleitet werden, doch dann erschließt sich einem ein unmittelbares Bild damaliger Ereignisse, bzw. auch handelnder Personen. Es konnte dementsprechend hier nicht ausbleiben, daß auch der Kaiser mit seiner Entourage zum Subjekt im privaten Schriftverkehr Hopmanns werden mußte. Und diese Beobachtungen werfen ein deutliches Schlaglicht auf die Verhältnisse in der politischen, aber auch militärischen Führung des Reiches zur Zeit des ersten Dekadenwechsels im 20. Jahrhundert. Der Herausgeber spricht nicht zu Unrecht vom politischen Chaos jener Jahre. Selbiges setzt sich dann mit dem Ausbruch des Krieges munter fort, und mehr als einmal zitiert Hopmann aus Gesprächen im Kameradenkreis die Einschätzung, wie stümperhaft Deutschland in diesen Krieg geführt worden sei und wie furchtbar schlecht das Land auf dessen Führung und seine Auswirkungen vorbereitet gewesen wäre. Bedenkenswerte Kommentare, welche insbesondere im Hinblick auf die Kriegsschuldfrage von einigen Dogmatikern einmal gelesen werden sollten.

Man könnte noch unendlich vieles mehr zitieren und analysieren, doch sollte diese Zeit von dem Leser dieser Zeilen lieber genutzt werden, um bei sich den benötigten Platz im Bücherschrank zu schaffen, eine der gewinnbringendsten Veröffentlichungen der letzten Jahre zu integrieren. "When will they ever learn", war einst die Zeile eines Protestsongs, welche an dieser Stelle all jenen vorgehalten werden soll, die weiterhin der Meinung sind, die deutsche Geschichte begänne im Februar 1933. Veröffentlichungen in dieser Art erinnern uns immer wieder daran, daß es eine immens spannende Zeit vor dem "Urknall" gab, ohne deren Geschehnisse und Auswirkungen dieser Urknall nicht erklärbar ist.

Dirk Nottelmann (2004)