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Der Seekrieg in der Ostsee 1914 - 1918

Autor: Lutz Bengelsdorf
Titel: Der Seekrieg in der Ostsee 1914 - 1918
Seiten: 182
s/w-Fotos: 34
Karten: 6
Verlag: H.M. Hauschild GmbH
Ort, Jahr: Bremen, 2008
ISBN 978-3-89757-404-5

Mit diesem Band bringt unser Schiffahrtsverlag Nr. 1 erstmalig ein für seine Verhältnisse untypisches Buch auf dem Markt, nämlich aus dem Bereich der operativen Marinegeschichtsschreibung. Dieser Vorgang ist unbedingt zu begrüßen, da die Paarung „hochwertige Produktionsqualität - Marinegeschichtsschreibung“ ansonsten in Deutschland zur Zeit brachliegt. Wobei man der eigenen Courage wohl noch nicht ganz traut, wie ist es sonst zu erklären, daß das Werk nicht in den Verlagskatalog aufgenommen wurde? Ob es allerdings glücklich genannt werden kann, mit diesem Buch gestartet zu sein, das sollen die folgenden Gedanken beleuchten.

Zunächst einmal gilt der Glaubenssatz des Rezensenten: Ein neu veröffentlichtes Buch zum Thema Marinegeschichte des Ersten Weltkriegs ist grundsätzlich zu begrüßen, starren wir hier doch weitgehend noch immer auf leere Regale, bzw. fremdsprachliche Titel. Und wie soll ohne ein Angebot Interesse geweckt werden? Interessant ist somit auch die Auswahl des Autors, mit einem weitgehend unbekannten Kriegsschauplatz begonnen zu haben, wurde doch der Ostseekrieg, trotz seiner für Deutschland überlebenswichtigen Relevanz, bislang kaum thematisiert. Dementsprechend steht dem Buch auch die einleitende Aussage des Autors voran: „Eigentlich wollte ich dieses Buch nicht schreiben, sondern einfach nur kaufen und lesen.“

Also nahm er sich im wesentlichen die drei Bände des deutschen Admiralstabswerkes zur Hand und fertigte eine komprimierte Chronologie dieses Kriegsschauplatzes, wobei der Konsistenz des Erzählstranges sicherlich zu Gute kam, daß es in der Ostsee - abgesehen von der Landung auf den baltischen Inseln - kaum parallel laufende, sondern überwiegend zusammengehörige „erzählbare“ Operationen gab. Dementsprechend nimmt auch diese Großaktion einen Schwerpunkt in der Darstellung ein. Ansonsten gab es viel „klein, klein“, soll heißen Konvoioperationen, U-Bootjagd, und vor allem Minensuchen - war das Auslegen von Minensperren doch nahezu die einzige offensive Tätigkeit, welche die russische Baltische Flotte ausübte. Ob die Thematik und die Erzählweise fesseln können, mag der Rezensent nicht entscheiden; hier spielen die Vorkenntnisse sicherlich eine entscheidende Rolle. Gleiches gilt für die - sparsamen - Illustrationen. Die Karten sind ansprechend sauber gezeichnet, die Fotos einigen bekannt, den meisten wohl nicht. Dies ist die eine Seite der Medaille...!

In der Einleitung nimmt der Autor leider eine wesentliche Einschränkung vor: „Dieses Buch ist keine wissenschaftliche Arbeit und enthält keine neuen Erkenntnisse.“(!) Letzteres läßt immerhin aufhorchen, stellt er sich damit doch freiwillig auf einen Erkenntnisstand von vor rd. 80 (40 s.u.) Jahren. Auch die dazugehörige Erklärung, die als Grundlage genommenen drei Bände des Seekriegswerkes wären aufgrund der Frakturschrift kaum lesbar, und außerdem kaum mehr erhältlich, eine modern geschriebene Zusammenfassung dementsprechend quasi ein Desiderat, steht auf dünnem Eis. Wer sich ernsthaft für das Thema interessiert, für den stellt Fraktur kein Hindernis dar, außerdem gehören die Bände „Ostsee Bd. 1“ und „Ostsee Bd. 2“ sicherlich zu den verbreitetsten des gesamten Seekriegswerks. Einzig der Band 3, 1965 erschienen, ist schwieriger zu bekommen.

Mit dieser Einschränkung beraubt er sich aber auch noch ganz anderer Möglichkeiten, denn er bleibt nahezu sämtliche Hintergrundinformationen zu wesentlichen Themen schuldig. Auch ohne gleich „wissenschaftlichen Anspruch“ erheben zu wollen, kann beispielsweise ein Besuch in einem Archiv für die Beantwortung einiger Fragen sehr sinnvoll sein. Und Fragen bleiben aufgrund der engen Quellenauswahl allemal. Vor allem aber gibt es seit der Edition des Band 3 vor gut 40 Jahren eine Anzahl Veröffentlichungen von Seiten der beiden Gegner in der Ostsee, England und vor allem Rußland. Die gegnerische Sicht der Dinge fehlt hier jedoch komplett. Und ein weiteres Manko muß zwingend angesprochen werden, da es den Nutzen des Bandes weiter einschränkt: das Fehlen eines Registers. Dem Rezensenten ist nur zu gut bekannt, welche Arbeit allein in der sinnvollen Beschränkung eines solchen liegt, doch zumindest die Schiffsnamen hätten registriert werden müssen, um mit dem Band wirklich arbeiten zu können.

So verbleibt als Resümee ein gemischtes Gefühl. Auf der einen Seite eine durchaus begrüßenswerte Veröffentlichung zu einem weitgehend unbekannten Thema der deutschen Marinegeschichte, und das auch noch zu einem moderaten Preis. Auf der anderen Seite kann die Empfehlung nur lauten, daß jener, der sich tiefergehend mit dem Thema beschäftigen möchte, trotzdem zumindest an dem antiquarischen Erwerb des Admiralstabswerks nicht vorbei kommt. Sollte der Autor - wie angekündigt - noch weitere Bände zu bestimmten Kriegsschauplätzen folgen lassen, kann ihm nur geraten werden, sie auf eine breitere und modernere Quellenbasis zu stellen, was zugegeben nicht immer einfach ist, den Nutzwert aber beträchtlich erhöht.

Dirk Nottelmann (2009)


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