Symbol des AK Krieg zur See 1914-1918 Das Buchschapp

Hauptseite
Arbeitskreis
Nachrichtenblatt
Buchschapp
Buchbesprechungen
Impressum

Das Deutschlandbild in der britischen Presse 1912-1919

Autor: Martin Schramm
Titel: Das Deutschlandbild in der britischen Presse 1912-1919
Seiten: 598
Abbildungen: 61
Verlag: Akademie Verlag
Ort, Jahr: Berlin, 2007
ISBN 978-3-05-004422-4

Diese im Jahre 2005 von der Universität Bamberg als Dissertation angenommene Arbeit sollte Licht in ein erstaunlicherweise bislang nur unvollkommen betrachtetes, bzw. im deutschen Sprachraum auch gleich wieder stark polarisiertes Thema bringen, die Rezeption Deutschlands auf der britischen Insel, vor, während und unmittelbar nach dem I. Weltkrieg. Gemeinhin spielt die britische Presse in der Betrachtung der (vermeintlichen?) deutsch-britischen Antagonie sowohl in der ersten Dekade des 20. Jh., als auch in den Jahren direkt vor Ausbruch des Krieges eine durchaus maßgebliche Rolle - die "navy scare" von 1908/09 ist dafür ein schlagendes Beispiel.

Der Autor ging für seine Arbeit die sprichwörtliche "Ochsentour" und wertete die Archive von nicht weniger als 33 der wichtigsten britischen Presseorgane aus, welche gleichzeitig auch das politische Spektrum repräsentativ vertreten. Er begründet die getroffene Auswahl schlüssig mit der Auflagenstärke, welche zwar nicht zwingend mit der Anzahl der wirklichen Leser im Zusammenhang stehen muß, aber doch einen starken Anhalt bietet. Man darf also seine gezogenen Schlüsse getrost als ein recht treffendes Abbild der damaligen britischen Gesellschaft werten, insbesondere auch aus dem Grund, da die britischen Zeitungen sich traditionell dem Medium Leserbrief verschrieben haben und diese in ungewöhnlicher Freiheit wiedergeben.

Seine Ergebnisse sind dabei teilweise sehr erstaunlich und bedeuten in Konsequenz nichts weniger als einen weiteren Sargnagel für das ab den 60er Jahren in Deutschland gepflogene Geschichtsbild. Insgesamt zeigt sich das Deutschlandbild der britischen Presse in zwei nahezu diametral entgegengesetzte Richtungen polarisiert, deren Wendepunkt sich an einem einzigen Tag festmachen lassen - im Prinzip dem Wendepunkt der europäischen Geschichte, wenn nicht der Weltgeschichte.

Der überraschende Teil ist dabei die Entwicklung von 1912 bis 1914. Erinnern wir uns: 1911 war das Jahr der Marokkokrise gewesen, 1912 brachte die gemeinhin als gescheitert betrachtete "Haldane-Mission" und deutscherseits eine neue Flottennovelle, ebenso wie den Ausbruch des ersten Balkankrieges. Alles außenpolitische Hypotheken, welche pro forma nicht dazu angetan waren, das Klima zwischen den beiden europäischen Großmächten zu verbessern. Doch genau dieses trat in überraschendem Maße ein. Einen ersten Höhepunkt in der neu erwachten Freundschaft bildeten die Feierlichkeiten anläßlich der Hochzeit der Kaisertochter 1913, welche auch noch zeitlich nahe am silbernen Thronjubiläum des Kaisers lagen. Sehr positiv auf die Pressemeldungen wirkte sich der sehr herzliche Empfang des britischen Königspaares besonders auch durch die deutsche Bevölkerung aus. Im Zusammenhang mit dem Thronjubiläum fielen dann - absolut ernstgemeint - Ausdrücke wie, "peace emperor" oder "prince of peace". Noch erstaunlicher: "probably the best friend that England has among the rulers of Europe."[!]

Selbstverständlich darf auch die Marinepolitik in der Betrachtung nicht fehlen. Dabei zeigt sich, daß die britischen Zeitungen sogar über vermeintliche geringfügige Vorgänge innerhalb der Kaiserlichen Marine wohl informiert waren, was interessante Schlüsse über die Tätigkeit der Nachritendienste zuläßt. Auch wenn Teile der Presse permanent versicherten, der Tirpitzplan sei eine "dangerous doctrine", welche keinesfalls zu einem besseren Verhältnis zwischen den beiden Staaten führen könne, vermeldete beispielsweise der "Guardian" im März 1912, das deutsche Flottengesetz insgesamt sei moderat und bislang kein Grund zur Beunruhigung gewesen. Ähnlich nüchtern sah im Nachgang zur Reichstagsrede Tirpitz' 1913 der "Daily Express" dessen Angebot zu einer permanenten 16 : 10 Festschreibung des Stärkeverhältnisses bei Großkampfschiffen: "The hope of wearing down the naval resistance of the British Empire was obviously illusory." Die letzte Konsequenz daraus zog im September 1913 der konservative "Daily Telegraph", es gebe, "no longer any question as to the superior strenght of our Navy in comparison with that of Germany" .

Der Autor zieht folgerichtig aus der Summe aller Pressestimmen jener Jahre einen deutlichen Schluß, wobei er gleichzeitig die Absurdität der propagandabasierten Geschichtsschreibung aufzeigt: "Folgerichtig wurden die britischen Pressestimmen gegenüber Deutschland erst dann freundlicher, als sie sich sicher waren, das Flottenwettrüsten für sich entschieden zu haben. Derartige Stimmen sind bereits für Anfang 1912 nachzuweisen. Nach der Reichtagsrede Tirpitz' Anfang 1913 war man sich sicher. Diejenigen Zeitungen, die weiterhin für eine Verstärkung der Aufrüstung zur See plädierten, begründeten dies meist mit anderweitigen Verpflichtungen Großbritanniens auf der gesamten Welt, nicht mehr mit der Bedrohung durch Deutschland."

Um es mit anderen Worten nochmals deutlicher zu sagen, die Deutsche Flotte stellte keinen Grund dar in den Krieg einzutreten, ja, schlimmer noch, sie stellte eben auch in keiner Weise ein Abschreckungspotential dar, zu ungleich waren die Kräfteverhältnisse aus britischer Sicht!

Mitten in diese stetig sich verbessernden Beziehungen, wir haben bekanntlich auch aus der deutschen navalen Erinnerungsliteratur eine Menge Beispiele über den freundschaftlichen Umgang miteinander, platzte die Juli-Krise 1914. Das interessante aus der Sicht der britischen Zeitungen ist die Tatsache, daß sie bis zum Ende des Monats nicht als eine solche gesehen wurde. Die nordirische Frage stand weit eher im Vordergrund, Österreich wurde jedes Recht zugestanden von "dem Schurkenstaat" Serbien Satisfaktion zu verlangen. Von vornherein galt als sicher und ebenso rechtmäßig, daß Deutschland seinem Bundesgenossen beistehen werde, wobei keiner an eine große militärische Lösung glaubte. Im Gegenteil, der deutsche Friedenskaiser würde schon für eine friedliche Lösung sorgen. Die bisherigen Balkankrisen waren dementsprechend als weitaus gefährlicher für den Frieden empfunden worden.

Für eine gewisse Irritation sorgte aus dem Grund das als weitaus zu hart empfundene Ultimatum Österreichs, das demokratisch geschulte Volksempfinden der Briten empfand die geforderten Eingriffe in die serbische Souveränität als zu weitgehend. Dennoch war das Empfinden so, daß man auch jetzt noch mit einer großen diplomatischen Lösung der entstandenen Krise beikommen könne - Sorgen bereitete nur die Haltung Rußlands. Die Parole lautete demnach, die Entscheidung über Krieg und Frieden läge in St. Petersburg, wobei den Russen offen die Berechtigung der Argumentation mit einer panslawistischen Idee als vorgeschoben abgesprochen wurde. Im Zweifelsfalle würde auf jeden Fall Rußland als Aggressor dastehen, im Falle einer russischen Mobilisation könne Deutschland als der Angegriffene nicht anders, als ebenfalls zu mobilisieren. Noch immer kein Wort von einem kriegstreibenden Deutschland, im Gegenteil, noch immer sah man im Kaiser den Friedensstifter in womöglich letzter Sekunde.

Man darf bei all diesen Betrachtungen nicht übersehen, daß Großbritannien sich bislang als interessierter Zuschauer fühlen konnte. Es gab keinerlei Beistandsverpflichtungen, die Entente wurde mitnichten als eine feste Bindung an Frankreich gesehen. Heute wissen wir natürlich, daß die britische Regierung - im offenen oder geheimen Gegensatz zu einem Großteil der Bevölkerung - längst über die Entente hinausgehende Geheimabsprachen für den Kriegsfall getroffen hatte, die so in der veröffentlichten Meinung nicht ihren Niederschlag finden konnten. Als aber, trotz aller Gegenstimmen zum Kriegseintritt - der offizielle Grund, die Unterstützung des unberechtigt überfallenen Belgien, wurde bereits damals als mehr als fadenscheinig angesehen -, der Entschluß durch einen kleinen Kreis der Regierungspolitiker gefaßt worden war, geschah etwas erstaunliches, vielleicht einmalig britisches:

Ab dem 3. August 1914 schwenkte nahezu vollständig die gesamte Presse auf Kriegskurs ein - ohne dazu beauftragt worden zu sein. Was im deutschen Reichstag die Sozialdemokraten unter Schmerzen vollzogen, praktizierte hier ein ganzes Land. Niemals wieder gab es eine derartige Ausformung von "right or wrong, my country", ohne dazu getrieben worden zu sein. Innerhalb eines Tages schwenkte die Meinung über Deutschland von Friedens- zu Schurkenstaat um, während Serbien plötzlich zur "peaceloving Nation" mutierte. Ein Treppenwitz der Geschichte, wenn seine Auswirkungen nicht bis heute spürbar wären. Die Büchse der Pandora war geöffnet worden, und bis heute konnte niemand sie wieder schließen.

Insofern ist der Abschnitt über die Pressearbeit während des Krieges müßig zu besprechen - es genügt die Aussage des "Größten Feldherren aller Zeiten": "An dieser feindlichen Kriegspropaganda habe auch ich unendlich gelernt" . Wir alle kennen die Schlagworte, die uns teilweise bis heute verfolgen. Dabei ging es vordringlich zunächst einmal darum, eine kriegsunwillige Bevölkerung durch bewußte Übertreibungen deutscher Greuel kriegsbereit zu machen, bzw. genügend Freiwillige zu den Fahnen zu bekommen, da Großbritannien keine Wehrpflicht kannte. Diese Übertreibungen entwickelten allerdings rasch eine Eigendynamik auch im Hinblick auf die Meinung der Weltöffentlichkeit, so daß man sich hütete, sie zurückzuschrauben.

Die vier klassischen, gern zitierten Fälle dazu waren der Brand von Louvain, die Lusitania, die Erschießung der Krankenschwester Edith Cavell sowie der Fall des Kapitäns Charles Fryatt. Sie konnten immer wieder zu Propagandazwecken hervorgeholt werden, wohingegen eine deutsche Auslandspresse kaum noch existierte. Die Wirkung zeigte sich dann nach Kriegsende, anläßlich Versailles, wobei der Autor anhand entsprechender Presseartikel schlüssig nachweist, daß die dortige britische Haltung längst festgeschrieben war. Forderungen nach "unconditional surrender", wie sie letztlich erst zum Ende des II. Weltkrieges manifestiert wurden, finden sich bereits 1915 im gängigen Sprachgebrauch. Im Umkehrschluß läßt sich daran wiederum erkennen, daß der U-Bootskrieg ab 1917 keine weitere Verschärfung der Sprache und der Ansichten bedeutete - die dazugehörigen Phrasen waren längst "gedroschen".

Insgesamt haben wir es hier also mit einer eminent wichtigen Arbeit zu tun, wobei der Autor hinsichtlich der Schilderung der Pressehaltung während des Krieges nur offene Türen einzurennen brauchte. Nur allzu gut sind die Auswüchse der Propaganda in jenem Zeitraum bekannt geworden. Der weitaus interessantere und auch wichtigere Teil ist, wie bereits erwähnt, die Schilderung der Vorkriegszeit, bzw. die Analyse des großen Meinungsumschwunges zum Ausbruch des Krieges. Hier finden wir echtes Neuland, welches gleichzeitig die bisherige Geschichtsschreibung ein Stück weit relativiert. Was will man mehr? Trotz, oder gerade wegen, seines erheblichen Umfangs sei das Buch zum Studium empfohlen.

Dirk Nottelmann (2007)


free counters