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Death in the Irish Sea

Autor: Roy Stokes
Titel: Death in the Irish Sea
Untertitel: The Sinking of the RMS Leinster
Seiten: 154
Verlag: The Collins Press
Ort, Jahr: Cork, 1998
ISBN 1-898256-52-7

Vor einiger Zeit erschien nahezu unbemerkt dieses Buch auf dem Markt, das hinter dem zwar ein wenig reißerischen, sonst aber eher unverdächtigen Titel geschichtlichen Sprengstoff enthält. Die Versenkung des "Royal Mail Steamers" Leinster am 10. Oktober 1918 ist in ihren Dimensionen gut und gerne mit jener der Lusitania dreieinhalb Jahre zuvor zu vergleichen

Bevor jetzt die meisten Leser mit dem Kopf schütteln und zu Recht bemerken, von dem Ereignis noch nie etwas gehört zu haben – sogar das deutsche Admiralstabswerk widmet ihm nur einen marginalen Hinweis – soll die Aufklärung auf dem Fuße folgen: Die Leinster war mit ihren drei Schwesterschiffen der sogenannten "Provinz-Klasse", Ulster, Munster, und Connaught, betrieben durch die "Royal Mail Line", auf der traditionsreichen Fährverbindung zwischen Holyhead in Wales und Kingstown, dem heutigen Dun Laoghaire, im Stadtbezirk von Dublin, eingesetzt. Diese Fährverbindung wurde auch im Kriege weiter betrieben – unter der Oberaufsicht der Admiralty –, erhielt ab dem Jahre 1916 sogar noch eine zusätzliche Bedeutung im Rahmen der irischen Unruhen. Die Schiffe waren allerdings aufgrund ihrer hohen Reisegeschwindigkeit von mehr als 20kn gerngesehene Aushilfen auch für andere Tätigkeiten, und bekamen daher – sehr zum Mißvergnügen ihrer Eigner – bereits 1915 eine Bewaffnung, später auch noch einen Tarnanstrich. Nach unbestätigter und eher zweifelhafter Aussage des Autors wären sie zu einem bevorzugten Ziel der deutschen U-Boote erklärt worden, und sollen einem Torpedotreffer mehrmals nur knapp entgangen sein.

Das Schwesterschiff Connaught ging bereits am 3. März 1917 im Kanal verloren, allerdings in der Funktion als Aushilfs-Truppentransporter, durch Torpedoschuß von U 48. Die Wichtigkeit der drei verbliebenen Schwestern nahm 1917 noch zu, als amerikanische Soldaten auf dem Weg zur Westfront in Irland zwischenstationiert wurden, bevor sie per Fährboot nach Südengland weitergeleitet wurden. Es ist also unzweifelhaft, daß die Schiffe den Rang von Truppentransportern hatten – wichtig im Lichte der späteren Ereignisse.

Der Höhepunkt der Geschichte ist schnell erzählt: Das am 26.09.1918 aus Helgoland zu seiner 2. Feindfahrt ausgelaufene UB 123 sichtete am 10.10. morgens vor der Dubliner Bucht die aus Kingstown auslaufende Leinster, griff sie mit zwei Torpedos an – beide trafen –, und sandte unter dem Eindruck eines vermeintlich ablaufenden Zieles einen dritten Torpedo hinterher, welcher den Untergang beschleunigte. UB 123 ging auf der Heimreise verloren, so daß es keine deutsche Version der Ereignisse gibt; insbesondere die diskutierte Frage, ob Kaptlt. Ramm nach den ersten Treffern nicht erkannte, daß die Boote ausgeschwungen wurden, und somit den dritten Schuß auf ein wehrloses Opfer abgab, kann niemals geklärt werden. Der Untergang wurde zum schwersten irischen Schiffsunglück, 501 der 780 Personen konnten nicht mehr gerettet werden, damit verloren prozentual mehr Passagiere ihr Leben als auf der Lusitania.

Die Reaktion in Großbritannien war vorhersehbar, hatte aber eine andere Qualität als noch 1915, schließlich war kurz zuvor der erste Notenwechsel hinsichtlich eines Waffenstillstands zwischen Präsident Wilson und dem Deutschen Reich erfolgt. Ohne an dieser Stelle auf die vielen geschilderten Facetten hinsichtlich der Presseveröffentlichungen weiter eingehen zu wollen, ragt eine Tatsache aus der Schilderung heraus: Die britische Regierung sah eine einmalige Chance für einen letzten großen Propagandaerfolg und nutzte ihn kaltblütig aus. Ihr Außenminister, Balfour, erklärte sowohl öffentlich als auch gegenüber Anfragen von amerikanischer Seite, "die Leinster beförderte keine militärischen Güter und diente keinem militärischen Zweck". Damit war der Fall für Wilson klar: Die Deutschen torpedierten trotz der Friedensangebote weiterhin mit Frauen und Kindern besetzte Schiffe; die folgenden Noten fielen dementsprechend aus, das Ende ist bekannt!

Wohl nur selten hat eine Lüge angesichts ihrer Auswirkungen größeren Erfolg gezeigt als jene Balfour’s, dem unterstellt werden darf, um die 67 Offiziere und 425 Mann Militärpersonal an Bord gewußt zu haben, von denen 328 ertranken. Noch heute finden sich übrigens in britischen Büchern Verlustzahlen von nur 176 "passengers"! Lassen wir die Frage, ob Ramm mit seinem Angriff politisch klug handelte, offen – es ist zu sehr eine Frage, wieviel er von den politischen Vorgängen und Absichten in der Heimat wußte; militärisch ist ihm sicherlich wenig vorzuwerfen: Er schoß seine Torpedos auf ein Schiff ab, auf dem die an Bord befindlichen Zivilisten als Schutzschild benutzt wurden, um im Falle einer Versenkung als flammende Anklage dienen zu können.

80 Jahre nach den geschilderten Ereignissen wurde es höchste Zeit für ihre weitgehende Aufklärung, wenn es sicherlich auch schwerfällt, einen direkten Nutzen für heute daraus zu ziehen. Doch jenen, die sich auch noch in der aktuellen Berichterstattung ein wenig auskennen, und zu der fragwürdigen offiziellen Berichterstattung zum Golfkrieg oder dem jüngeren Beispiel, dem "Hufeisenplan" Serbiens, gewisse Parallelen sehen, die sich also nicht damit zufriedengeben, dem Diktat einer in bestimmte Formen gezwungenen Geschichtsschreibung unterlegen zu sein, denen sei das Buch wärmstens empfohlen.

Dirk Nottelmann


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