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Der Krieg zur See 1914-1918 - Der Krieg in der Nordsee Bd. 7

Herausgeber: Gerhard P. Groß
Titel: Der Krieg zur See 1914-1918 - Der Krieg in der Nordsee Bd. 7
Untertitel: Vom Sommer 1917 bis zum Kriegsende 1918
Seiten: 486
Karten: 14 Karten in separatem Schuber
Verlag: Verlag E.S. Mittler & Sohn GmbH
Ort, Jahr: Hamburg, 2006
ISBN 3-8132-0855-9

Lange war in den sprichwörtlichen "interessierten Kreisen" über eine Neuauflage des aufgrund seiner Rarität legendär zu nennenden "Nordsee Bd. 7" erst generell diskutiert, später dann - nach der Information bezüglich der tatsächlich aufgenommenen Arbeit - über seine endliche Erscheinungsform spekuliert worden. Das hatte mehrere Gründe. Zum einen gilt das 22bändige Admiralstabswerk über die Taten der Deutschen Marine im Ersten Weltkrieg noch immer als die wohl umfangreichste Darstellung von Seekriegshandlungen überhaupt, zum anderen ist es wegen der gewundenen Geschichte Deutschlands nach 1918 gleichermaßen hinsichtlich seiner Darstellungsweise umstritten. Drittens bürgte der Name des ausgewählten Bearbeiters für Kompetenz: - dazu weiter unten.

Aufgrund seiner nahezu 45jährigen Entstehungsgeschichte war es für den einzelnen Interessenten von 1920 an - abgesehen von öffentlichen Sammlungen und Bibliotheken - nahezu unmöglich gewesen, das Werk vollständig zu besitzen. Hinzu kam der - wie in der Einleitung sehr interessant dargelegt wird - prohibitive Preis der drei in den 60er Jahren abschließend veröffentlichten Bände. Und zu diesen die Serie abschließenden Raritäten gehörte eben auch Bd. 7 - Nordsee. Ein besonderer Reiz für jene, die ihn nicht kannten, bestand beispielsweise in der Hoffnung auf die Sicht der Marine zu den Ereignissen im Oktober/November 1918 - noch immer ein Reizthema.

Um es vorweg zu nehmen, der Rezensent wird sich nur am Rande mit einer Inhaltsangabe des Bandes beschäftigen; der im Untertitel genannte Zeitraum ist dafür selbsterklärend und die potentiellen Interessenten kennen die damaligen Vorgänge. Nein, hier sollen die Umstände der Wiederveröffentlichung im Vordergrund stehen und sein Wert in den Kontext der heutigen Zeit gestellt werden. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Die 1965 vorgelegte Originaledition barg, wie sich in den darauf folgenden Jahren herausgestellt hatte, eine immanente Schwäche. Der damalige Bearbeiter, Walther Hubatsch - wahrlich kein leichtgewichtiger Name unter den deutschen Marinehistorikern -, hatte sich auf einen Vorabzug aus dem Jahre 1941 gestützt. Immer klarer wurde aber mit der Zeit, daß dies keinesfalls die zur Veröffentlichung freigegebene Fassung gewesen wäre. Bis 1944 wurden von den noch lebenden Zeitzeugen Richtigstellungen und Ergänzungen eingeholt und eingereicht, welche zwingend in eine finale Form integriert werden sollten. Das Kriegsende beendete auch dieses Vorhaben, doch die Korrekturfahnen jener Änderungsvorschläge hatten überlebt - wurden allerdings vom Bearbeiter aus welchen Beweggründen auch immer nicht mehr eingearbeitet.

Mit der geplanten Fortführung der noch fehlenden Ausgaben beschäftigte sich Hubatsch dann ab Mitte der 50er Jahre, nicht zufällig mit der Gründung der Bundesmarine zusammenfallend. Es wurde ein Politikum ersten Ranges daraus, mit verhärteten Fronten zwischen den "Hütern der reinen Lehre", den Vertretern des "Militärgeschichtlichen Forschungsamtes" sowie teilweise auch des Bundesarchivs, und den hochrangigen Offizieren der neuen Bundesmarine, Admiral Ruge als ehemals kaiserlicher Seeoffizier sei hier als bedeutender Vertreter letzterer genannt. Der Stein des Anstoßes war vor allem die (Nicht-)/Behandlung der Ereignisse im Oktober/November 1918. Mit Schaudern liest man jedenfalls als Nachgeborener, daß mehr als fünfzig Jahre Bundesrepublik Deutschland offenbar an den Grundhaltungen beider hier angeführter Schulen nichts wesentliches verändert haben. Die hier angeführten Argumente beider Seiten lassen sich auf unendlich viele kleine und größere historische Diskussionen der vergangenen Jahre in diesem unserem Lande übertragen. Auf der einen Seite standen und stehen jene, die "das Ehrenschild des deutschen Soldaten nicht befleckt sehen wollen", auf der anderen Seite Vertreter jener Kaste, aus welcher Exponenten wortwörtlich behaupten, in anderen Ländern außerhalb Deutschlands könne keiner Geschichte schreiben(!). Dennoch kam es letztlich mit der Unterstützung vor allem der Bundesmarine zur Veröffentlichung.

Bezeichnend für den Zustand Deutschlands in den 60er Jahren war aber die Rezeption des Werkes in der Öffentlichkeit - sie fand wohl nicht statt! Man befand sich auf dem Höhepunkt der mittlerweile zum Glück überwundenen "Fischer-Kontroverse", zu welcher nach sicherlich richtiger Einschätzung des heutigen Bearbeiters das durchaus antiquierte Admiralstabswerk nichts wesentliches beitragen konnte. Ohne als Nestbeschmutzer zu gelten, darf man auch der damaligen Einschätzung des Schweizer Historikers Jürg Meister zustimmen, welcher in einer Rezension feststellte, wer die 22 Bände durchgearbeitet habe, müsse zum Schluß fragen, warum Deutschland eigentlich den Krieg verloren hätte.

Paradoxerweise stehen wir jetzt, vierzig Jahre weiter, vor einer vergleichbaren Situation. Auch die vorliegende "kritische" Neuedition wird in "der Öffentlichkeit" nicht wahrgenommen werden. Dies bedarf keiner großen Prophetie. Wenn auch vielleicht zarte Tendenzen zu erkennen sind, neben den alles überstrahlenden Themata des II. Weltkriegs das eine oder andere auch zum I. Weltkrieg zu publizieren - wohlgemerkt, wir sprechen hier nur von Deutschland; anderenorts war der I. Weltkrieg immer ein Thema -, so findet dies außerhalb der "offiziellen" Geschichtsschreibung statt. Die ist für die kommenden Jahre dem Vernehmen nach mit der Geschichte von fünfzig Jahren Bundeswehr "überlastet". So sind es heutzutage auch nur Wenige, die wirklich auf die vorliegende Ausgabe gewartet haben. Und diese zerfallen noch in zwei Gruppen.

Als erste Gruppe seien jene genannt, welche noch nie den Band in der Hand hatten. Für diese stellt die Edition sicherlich den größten Gewinn dar, weil viele Unternehmungen und Ereignisse jetzt erstmals in Länge nachgelesen werden können. Die zweite Gruppe sind jene, die - wie der Rezensent - einfach nur zwischen dem Original und der Neuedition vergleichen wollen. Aus letzterer Sicht sei also nachfolgendes Urteil gefällt, wozu noch einmal auf die Eingangssentenzen zurückzukommen ist:

Als klar war, wer der Bearbeiter des neuen Werkes sein würde, wünschten sich viele, er würde an seine 1989 vorgelegte Dissertation anknüpfen und eine neue, modernisierte Ausgabe, zwar auf Basis des bestehenden, doch mit den neuesten Erkenntnissen ergänzt, editieren. Dieser Wunsch hat sich leider nicht erfüllt. Ohne beide Varianten bis ins kleinste verglichen zu haben, nur Anhand von Stichproben, wagt der Rezensent die Aussage, daß für den Besitzer der Erstausgabe die neue keinen echten Gewinn bringt. Die als Fußnoten angebrachten Stellungnahmen der damals befragten Zeitzeugen ändern keinesfalls etwas am Gesamtbild, sondern sind höchstens Marginalien, kleine Rädchen am riesigen Rad der Geschichte. Die Ereignisse im Herbst 1918 sind weiterhin nicht integriert, sondern in Form einzelner Stellungnahmen angefügt, was insgesamt kein geschlossenes Gesamtbild ergibt. Wir sind aber in der Forschung, wenn auch überwiegend zu Teilaspekten, mehr als sechzig Jahre weiter, so daß über dem Gesamtprojekt ein leicht antiquierter Hauch weht, woran auch die bewußt in einen Gegensatz zur bisherigen Optik gesetzte Erscheinungsform nichts ändert. Soweit die Stellungnahme aus "Gruppe 2".

Ein Exponent aus der ersten Gruppe käme fraglos zu einem differenzierten Urteil hinsichtlich des Wertes dieser Neuauflage - und hätte damit ebenfalls recht. Unstrittig ist sicherlich zweierlei: Zum einen bietet die Neuauflage mit attachiertem Kartenband etwas "für das Auge", ist aufwendig produziert. Zum anderen läßt sich immer wieder feststellen, daß die geschilderten Aktionen und Unternehmungen - zumindest im Stichprobencheck - sich immer nahe an den vorliegenden KTB orientieren, also für eine rein operative Betrachtung der Vorgänge, ohne ihre Bewertung, immer noch von hoher Relevanz sind.

Ein jeder Interessent möge sich nun entsprechend seiner Gruppenzugehörigkeit die Frage nach dem Sinn des Erwerbs von "Nordsee Bd. 7" stellen, der Rezensent entzieht sich ihrer.

Bernd Langensiepen


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