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Deutsche Marineluftschiffe - 1912-1918

Autor: Douglas H. Robinson
Titel: Deutsche Marineluftschiffe - 1912-1918
Seiten: 416
Abbildungen: 312
Karten: 19
Verlag: Verlag E.S. Mittler & Sohn GmbH
Ort, Jahr: Hamburg, 2005
ISBN 3-8132-0786-2

Mit der Herausgabe dieses Buches verbunden ist nur ein Wort: "Endlich"! Nachdem es in seinem Originalformat und -titel, "The Zeppelin in Combat", seit einigen Jahren mehrere Auflagen erlebte und in interessierten Kreisen ohne Zweifel als das definitive Referenzwerk ausgemacht wurde, erscheint jetzt die erste deutschsprachige Auflage - unter einem vergleichsweise nichtssagenden Titel. Ist doch die Geschichte der Zeppeline, bis auf vergleichsweise wenige zivile Schiffe, ein Produkt des Ersten Weltkriegs mit den entsprechenden "Kampfeinsätzen".

Hoffentlich erfolgte aber, angesichts unserer "geschichtslosen" Zeit, die Veröffentlichung hinsichtlich einer breiten Wirkung nicht zu spät. Ein Erfolg wäre dem Verlag, der immerhin die Bedeutung des Werkes erkannte und sich mit Dr. Grießmer einen der renommiertesten Kenner der Zeit als Übersetzer sicherte, zu wünschen

Was läßt den Rezensenten aber bereits vorab so ins Schwärmen geraten? Es ist einfach die Fülle und Authentizität des seitens des Autors gesammelten und präsentierten Materials. Er hatte dabei das doppelte Glück, in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, zu Beginn seiner Recherchen, noch mit den Überlebenden dieser damals bereits lange vergangenen Zunft der Militärluftschiffer sprechen und ihre Dokumente und Erinnerungen einsehen zu können, was später durch die Verbindung zur sehr rührigen, allerdings inzwischen nachgeborenen Luftschiffer-Kameradschaft fortgesetzt wurde. Zum anderen standen ihm seinerzeit erstmals die Mikrofilme der deutschen Marineakten in Washington zur Verfügung, so daß auch an dieser Stelle die Quellenlage mehr als gut genannt werden muß. Über die selbstverständlich vorgenommene Auswertung der alliierten, vor allem natürlich britischen Akten braucht hier wohl nicht weiter referiert zu werden.

Das Buch beginnt mit einem wahren Paukenschlag, welcher die Essenz der marineseitigen Zeppelinverwendung im Kriege - als strategischer Bomber über englischen Städten und Ortschaften - überdeutlich beleuchtet: Der Schilderung eines Großangriffs am 23./24. September 1916. Von den drei auf London angesetzten Schiffen beispielsweise - insgesamt waren sogar zwölf Zeppeline auf verschiedene englische Ziele angesetzt - kehrte nur eines zurück! Dieses wurde dann eine Woche später abgeschossen. Eines der drei Schiffe, L 33, stellte insofern eine Besonderheit dar, als es nach den im schweren Abwehrfeuer erlittenen Schäden nicht bereits in der Luft in Flammen aufging, sondern in Südengland strandete, was seine Besatzung zu den einzigen deutschen Soldaten machte, die während des Krieges in England "landeten". Die zweite Besatzung hingegen war nicht so glücklich und starb im brennend abgeschossenen Schiff. Es war der "typische Querschnitt" eines Angriffs, mit einigen auf London geworfenen Bomben, gegenüber mindestens einem, meistens aber mehrerer verlorener Schiffe und ihrer Besatzungen.

Nach dieser Ouvertüre schaltet der Autor erst einmal "einen Gang zurück", um in einigen konzentrierten Kapiteln die Entwicklung des Starrluftschiffes an sich sowie den Aufbau der deutschen Marine-Luftschiffahrt bis zum Kriege zu schildern. Von da an erfolgt in insgesamt zwanzig weiteren Kapiteln eine mehr oder minder chronologische Abfolge der Ereignisse. Zusätzlich finden wichtige Eckpunkte darin eingebettet die ihnen gebührende Aufmerksamkeit, so wie beispielsweise der Entschluß, von dem ursprünglich gedachten Einsatzprofil der Zeppeline als reine Aufklärer der Flotte abzugehen, und sie zu strategischen Bombern umzufunktionieren. Diese völkerrechtlich zumindest problematische Einsatzform sollte dann auch, vergleichbar dem uneingeschränkten U-Bootskrieg, zu einer propagandistischen Niederlage des Deutschen Reiches werden, wobei Begriffe wie "baby killers" zum täglichen Sprachgebrauch wurden. Und die deutsche Seite konnte dem wenig entgegensetzen, denn es war und blieb eines der größten Defizite dieser Waffe, daß die Positionsbestimmung für einen gezielten Bombenwurf extrem ungenau war. Somit landeten die meisten Projektile, welche eigentlich gegen erlaubte militärische Ziele gerichtet waren, auf zivilem Boden - wenn auch dieser zivile Boden oftmals auch nur ein Acker war.

Eines der größten Verdienste von Robinson ist es dementsprechend auch, nahezu jede Angriffsfahrt minutiös zu verfolgen und mit den Angaben im deutschen Seekriegswerk zu vergleichen. Die Ergebnisse sind gleichermaßen erschreckend, wie - allein aufgrund der navigatorischen Schwierigkeiten - wenig überraschend. Kaum ein Angriff gelangte an sein vorbestimmtes Ziel. In diese Problematik spielte selbstverständlich auch hinein, daß die Zeppeline aufgrund der Verstärkung der Abwehrwaffen gezwungen wurden, aus immer größeren Höhen anzugreifen. Neben der Schwierigkeit aus dieser Höhe überhaupt etwas zu erkennen - geschweige denn im Dunkel der Nacht -, hatte es, wenn überhaupt, nur rudimentäre Versuche hinsichtlich der Ballistik von Abwurfwaffen gegeben. Bei all diesem sollte man immer im Hinterkopf behalten, daß wir von einer "makeshift-Waffe" sprechen, immerhin hatte sich der erste Zeppelin erst 15 Jahre zuvor überhaupt erst in die Luft erhoben.

Nicht vergessen darf man auch, daß diese Defizite durchaus gesehen wurden und ein intensives politisches Ringen dem Bombeneinsatz voranging - mit dem Kaiser als höchster ablehnender Institution. Letztlich kam man aber zu der - fatalen, aber modernen - Erkenntnis, daß im Krieg, dem, wie man richtig erkannt hatte, Existenzkampf des Deutschen Reiches, der Zweck die Mittel heiligt.

Aber auch in der Rolle als Aufklärer spielten die Luftschiffe keine besonders rühmliche Rolle, wenngleich dies von den Führern des Seekrieges und den übrigen Zeitgenossen so nicht gesehen wurde/gesehen werden konnte. Das Musterbeispiel dafür ist die Skagerrakschlacht. Vizeadmiral Scheer verließ sich in unterlegener Position sehr stark auf die Aufklärungsergebnisse seiner Luftkreuzer, der neuen Augen der Flotte. Der Vorstoß in das Skagerrak ist ja bekanntlich auch nur unternommen worden, weil in Richtung des eigentlich gedachten Zieles aufgrund schlechten Wetters keine Luftaufklärung geflogen werden konnte. Als dann nach dem Beginn der Schlacht einige Schiffe doch noch in die Luft beordert worden waren, trugen ihre Aufklärungsergebnisse mit einer Ausnahme mehr zur Verwirrung bei, denn von irgendwelchem praktischen Nutzen gewesen zu sein. Am berühmtesten ist dabei die Meldung von L 24 über in der Jammerbucht gesichtete Einheiten geworden - von welcher bis heute nicht feststeht, was für "Geisterschiffe" dort eigentlich gesehen wurden. Fest steht nur daß es keinesfalls britische Einheiten waren und Vizeadmiral Scheer durch diese Sichtung insofern auch aus keiner "Falle" gerettet worden ist.

Somit wurden sie wieder primär zur "Verzweiflungswaffe" - einfach, weil man neben den U-Booten nichts hatte, womit England direkt zu bedrohen war. Und wenn der "Führer der Luftschiffe" am 10. August 1916 an Scheer schrieb, er wäre der festen Überzeugung, "[...] daß England mittels der Luftschiffe bezwungen werden wird [...]", dann war dies nur ein Ausdruck des nahezu spirituellen Glaubens an seine Waffe, hatte aber mit der Realität wenig zu tun. Vielleicht bedurfte es aber erst eines weiteren Weltkrieges, um den Glauben an die eine entscheidende Waffe konventioneller Art zu erschüttern. Die verbleibenden zwei Jahre waren jedenfalls ein immer verzweifelterer Kampf gegen die erstarkenden Abwehrwaffen, zu denen, neben einer immer weiter perfektionierten Flak und landgestützten Flugzeugen, gegen Ende des Krieges auch bereits die ersten bordgestützten Abfangjäger traten. Und es war auch sicherlich kein Zufall, daß der letzte Zeppelinangriff auf England mit dem Tod des F.d.L. - der immer noch treibenden Kraft - terminierte.

All dieses und noch viel mehr - so z.B. eine ausführliche Beschreibung der Afrikafahrt des L 59, der fliegerischen Höchstleistung des Krieges - finden wir in diesem Buch. Zu seiner Qualität trägt weiterhin die vergleichsweise äußerst großzügige Ausstattung mit Abbildungen statt, welche auch von der Reproduktionsgüte her wenig zu wünschen übrig lassen. Hier hat man sich zum Glück von den Originalausgaben inspirieren lassen. Aus diesem Grund fallen auch kleinere Pannen - so kommt beispielsweise eine Aufnahme des Heeresluftschiffes Z XII als Doublette auf den Seiten 89 und 103 vor - nicht ins Gewicht. Man wünschte sich nur, daß das Buch eine adäquate Ergänzung im Hinblick auf Operationen an anderen Fronten als der primär behandelten Nordseefront erfahren würde, doch da der Autor nicht mehr unter den Lebenden weilt, bleibt es wohl für immer bei diesem Wunsch. Von einem Nachfolger ist jedenfalls noch nichts zu hören.

Jeder der sich nur halbwegs für die Geschichte des Ersten Weltkrieges interessiert - sei es zu Wasser, oder in der Luft - darf an diesem Standardwerk nicht vorbeigehen.

Dirk Nottelmann (2006)


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