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Deutsche Marinen im Wandel

Herausgeber: Werner Rahn
Titel: Deutsche Marinen im Wandel
Untertitel: Vom Symbol nationaler Einheit zum Instrument internationaler Sicherheit
Seiten: 736
s/w-Abbildungen: 90
Verlag: Oldenbourg Wissenschaftsverlag
Ort, Jahr: München, 2005
ISBN 3-486-56840-X

Dieser großvolumige Band, erschienen in der Schriftenreihe des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes (MGFA), ist von der Intention her angelegt als Festschrift zur am 1. Dezember 2004 erfolgten Verabschiedung des langjährigen Amtschefs des MGFA, Dr. Jörg Duppler. Ausdrücklich sollte sich dessen Interessensbandbreite in der Vielfalt der zusammengefaßten Beiträge dieses Bandes widerspiegeln, was - als erstes Resümee - ohne Frage gelungen ist. In Schlaglichtern bekommt der Leser einen Überblick über 150 Jahre deutscher Marinegeschichte, wobei - das ist bei 31 Einzelbeiträgen unterschiedlicher Autoren nicht weiter verwunderlich - hier und da Überschneidungen vorkommen. Aber auch solche Überschneidungen können durchaus belebend wirken, vor allem wenn sie durch unterschiedliche Sichtweisen der Autoren gekennzeichnet sind. Insgesamt halten sich diese unterschiedlichen Sichtweisen natürlich überwiegend in den durch "political correctness (pc)" und Lehrmeinung vorgegebenen Grenzen, was - je nach Standpunkt - nachteilig oder vorteilhaft genannt werden kann. Gemein ist weiterhin allen Beiträgen, daß sie mindestens in einer weiteren, früheren Publikation bereits einmal veröffentlicht worden sind.

Gegliedert ist der vorliegende Sammelband in fünf, wenn man die Schlußbetrachtung mitzählt sechs übergeordnete Themenblöcke: "Historische Wurzeln" - "Von der ersten deutschen Flotte zur Kaiserlichen Marine" - "Die Zeit der Weltkriege" - "Die Zeit des Kalten Krieges, 1946-1990" - "Vor neuen Herausforderungen, 1991-2004". Nicht wirklich verwunderlich ist, daß der mittlere Block - Deutschlands nach wie vor unbewältigte Zeit - den größten Raum einnimmt, geht von dieser Zeit offenbar doch mehr Faszination aus, als von fünfzig Jahren Friedensdienst der Bundesmarine/Deutschen Marine, doch der Reihe nach:

In den "Historischen Wurzeln" wird der Blick zunächst einmal sehr weit zurück über den genannten Rahmen von 150 Jahren hinaus geworfen. Die Betrachtung beginnt mit der Hanse und leitet über Wallenstein sowie den Großen Kurfürsten hin zu den Reflexionen Friedrichs des Großen über Seemacht, maritime Bündnisse und deren Bedeutung für Preußen. Insbesondere letztere sind bisher nur sehr selten untersucht worden, und der Beitrag besitzt somit eine hohe Originalität. Dann aber - im folgenden Abschnitt "Von der ersten deutschen Flotte zur Kaiserlichen Marine" - betreten die Autoren wieder ausgetretenere Pfade.

Zwei Beiträge behandeln die '48er Flotte, bevor die Kaiserliche Marine mit Teilen ihrer unendlichen Facetten und auch Nachwirkungen bis 1945 das zentrale Thema wird. Von der engen Bindung an Großbritannien in den Aufbaujahren - ein Exzerpt aus Dupplers eigenem Werk, vorgelegt von ihm selbst - über den Zweiklang von Flottenbau und Propaganda, Betrachtungen der seestrategischen Grundlagen, Erfahrungen im Kriege, bis hin zu den weit reichenden Nachwirkungen sowohl in strategischen Fragen und Traditionen, als auch im Nachkriegsschrifttum reicht die Bandbreite. Jene Nachwirkungen leiten quasi nahtlos über in die Zeit der "Kriegsmarine", so wie eben auch deren Oberbefehlshaber bis 1943 durch und durch in der Tradition der Kaiserlichen Marine dachte.

Selbstverständlich kommt man in einem derartigen Band nicht um die Beschäftigung mit der Person Dönitz' herum, ebensowenig wie heutzutage die Thematik "Widerstand" ausgeklammert werden kann, wenn auch letztere sich nach wie vor eines Nischendaseins "erfreut". Weiter - im Kapitel "Die Zeit des Kalten Krieges, 1946-1990" - lernen wir, daß der vermeintliche Bruch zwischen Kriegsmarine und Bundesmarine kein so großer war, wie er vielleicht aus heutiger Sicht erscheinen mag. Dafür sorgte schon die Kontinuität des Führungspersonals, was im deutlichen Gegensatz zur Volksmarine der DDR stand, deren Aufbau tatsächlich nahezu bei Null begann. Interessant ist dabei die Problematik zu sehen, jener Marine eine Tradition mittels historischer Vorbilder zu geben. Die "Revolutionäre" von 1917/18 taugten eben nur sehr bedingt dazu. Selbstverständlich fehlen auch Beiträge nicht, die sich mit den Aufgaben der beiden Bündnismarinen beschäftigen, bis sie, ab 1990 zur "Deutschen Marine" vereinigt, sich völlig neuen Herausforderungen der heutigen Zeit gegenüber sahen und sehen.

Aus dem Kaleidoskop dieser 31 Beiträge unterschiedlichster Art eine allgemein gültige Wertung zu formulieren kann nicht gelingen, weil allein die Interessenlage jedes potentiellen Lesers ein wenig anders ist, ganz zu schweigen von dem weitgefächerten wissenschaftlichen und soziologischen "background", welchen das föderale System unseres heutigen Staates dem Einzelnen bietet. Der Rezensent möchte aus seiner Sicht deshalb nur zwei Extrema benennen, innerhalb derer sich die Qualität der vorgelegten Beiträge bewegt.

Für ihn steht nach wie vor (siehe auch die diesbezügliche Rezension) Rolf Hobson als leuchtendes Vorbild unangepaßter Beschäftigung mit einer deutschen Marine an der Spitze heutiger Geschichtsschreibung. Dessen Beitrag "Die Besonderheiten des wilhelminischen Navalismus", destilliert aus seinem Werk "Imperialism at Sea", führt sogar viele der Thesen anderer Autoren in diesem Sammelband regelrecht vor, indem er schlüssig nachweist, daß es eben keinen deutschen Sonderweg in jener Zeit gegeben hat. Wie auf so vielen weiteren Gebieten der Forschung zur deutschen Geschichte auch, bedurfte es offenbar tatsächlich eines Ausländers, um verkrustete Denkmodelle aufzubrechen. Es ist leider eine unbestreitbare Tatsache, daß ein Großteil der ernstzunehmenden Forschung - und entsprechender Publikationen - der letzten Jahre zum Thema Kaiserliche Marine außerhalb des deutschen Sprachraumes stattgefunden hat. Haben wir das wirklich nötig???

Offenbar ja, denn das untere Ende der Wertschätzungsskala der Beiträge wird durch einen Beitrag über eine vermeintliche Kontinuität in den machtpolitischen Zielsetzungen von Tirpitz zu Dönitz markiert, welcher ein Musterbeispiel der eben genannten Verkrustung deutscher Geschichtsschreibung darstellt. Der Autor stellt sich dabei mit Verve auf den Boden der in den 60er Jahren in Teilen der Historikerschaft in Mode gewesenen Theorien Fritz Fischers, welche aber international - vielleicht mit Ausnahme einer kleinen verschworenen Gemeinschaft deutscher Historiker - inzwischen auf dem sprichwörtlichen Müllhaufen der Geschichte entsorgt worden sind. Besonders unangenehm fällt daran noch auf, daß, anläßlich der Überarbeitung des Manuskriptes seitens des Autors, ausgerechnet der eben genannte "Hobson" in den Quellenkanon mit aufgenommen wurde, welcher mit seinen Aussagen einem guten Teil der vorgestellten Theorien die Grundlagen entzieht. Warum sich mit Federn schmücken, die zu dem Kleid nicht passen?

Insgesamt stellt dieser Beitrag aber eher eine Ausnahme dar, gegenüber weiteren Perlen, wie dem bislang nahezu unbekannt gebliebenen Beitrag des bereits 1948 verstorbenen Vizeadmirals William Michaelis über Tirpitz' strategisches Wirken vor und während des Krieges. Dessen hochinteressante wenn auch nicht immer präzise Erinnerungen sollen dem Vernehmen nach ohnehin in Zukunft einmal editiert werden - ein Gedanke, welcher nebenbei bemerkt auch dem Rezensenten nach ihrer Lektüre bereits gekommen ist. Auch die Affäre "Paschen", ein wegen "Wehrkraftzersetzung" 1943 hingerichteter, im Ruhestand befindlicher Kapitän zur See der Kaiserlichen Marine, verdient uneingeschränkte Beachtung, weil bislang wohl kaum bekannt. Gleiches gilt über die Winterarbeit eines Offiziers der Bundesmarine zu sagen, betreffend den Einfluß der Personalsteuerung auf die Seekriegsführung 1914-18.

Versuchen wir, im Rahmen dessen dennoch eine Empfehlung auszusprechen. Zwar verhehlt der Rezensent nicht, auch bereits Ansichten gehört zu haben, unter dem (plakativen) Tenor: "Was aus dem MGFA kommt lese ich nicht, den Inhalt kenne ich sowieso", doch kann der Rezensent nach lesen der Beiträge dem so nicht zustimmen. Zwar unterliegt ein Teil der Beiträge, wie eingangs bereits erwähnt, ohne Frage der "pc", doch darf man sich dadurch nicht gleich abschrecken lassen. Keiner zwingt einen dazu die veröffentlichte Meinung kritiklos zu akzeptieren, und mit ein wenig eigenen Kenntnissen ist man durchaus in der Lage die Spreu vom Weizen zu trennen. Darüber hinaus lassen sich aber auch die besagten Perlen sowie eine Anzahl weiterer lesenswerter Beiträge finden. In diesem Kontext ist auch der sonst eher gefährlich lange Betrachtungszeitraum zu sehen, eigentlich sollte jeder einen für ihn interessanten Beitrag finden - und dann ist der weiterbildende Blick über den Tellerrand auch nicht mehr weit

Dirk Nottelmann (2005)


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