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Die Ära Stosch

Autor: Dirk Sieg
Titel: Die Ära Stosch
Untertitel: Die Marine im Spannungsfeld der deutschen Politik 1872-1883; Kleine Schriftenreihe zur Militär- und Marinegeschichte Bd. 11
Seiten: 565
Verlag: Winkler-Verlag
Ort, Jahr: Bochum, 2005
ISBN 3-89911-039-0

In den üblichen "gut informierten Kreisen" war das Erscheinen dieser Dissertation bereits seit längerem mit Spannung erwartet worden, erhoffte man von ihr doch einen wichtigen Beitrag zur Schließung einer der beiden letzten gewaltigen Lücken in der deutschen Marineliteratur - der Aufarbeitung eben jener im Titel herausgestellten "Ära Stosch". Diese für die künftige Entwicklung der Marine so prägenden 11 Jahre fanden ihren Niederschlag bisher nur in mehr oder minder Marginalien der Gesamtgeschichte deutscher Marinen. Von Darstellungen einzelner Episoden jener Tage in der "Marine Rundschau", welche bereits um die Jahrhundertwende eher unter dem Nostalgieaspekt gesehen wurden, über die späteren Erinnerungen hochrangiger Marineoffiziere, Tirpitz an der Spitze, den unzähligen "Geschichte[n] der Deutschen Marine" bis zu Darstellungen aus den späten Jahren des 20. Jh. zieht sich der rote Faden, diese Zeit allenfalls als Präliminarie der "Ära Tirpitz" zu sehen. - Woran jener bekanntlich nicht ganz schuldlos war.

Eine einzige Biographie von Stosch erschien Mitte des vorigen Jahrhunderts, bezeichnenderweise verfaßt von einem amerikanischen Autor, so wie bekanntlich inzwischen der überwiegende Teil der Publikationen zur Kaiserlichen Marine dem angelsächsischen Sprachraum entspringt. Der Fokus dieser Arbeit lag aber wohl in der Betrachtung des "politischen Stosch", dem zumindest Bismarck eine Anwartschaft auf seine eigene Nachfolge zusprach.

So verwundert es auch wenig, daß am Anfang der vorliegenden Arbeit eine Quellenübersicht und -kritik steht, welche das bisher Erschienene wertet und einordnet. Anschließend formuliert der Autor seine Zielsetzung, zunächst das in der Sekundärliteratur vermittelte Bild der Ära Stosch anhand des in den einschlägigen Archiven reichlich vorhandenen Quellenmaterials kritisch zu hinterfragen und gleichzeitig zu versuchen, die bisherigen Facetten in einer Arbeit zu verbinden. Aufgrund des weiten Spektrums, welches die reichhaltigen Quellen auch aus jener Zeit noch liefern, mußte die Arbeit in ihrer Zielsetzung allerdings gleich wieder beschränkt werden, auf das im Untertitel genannte Teilgebiet.

Neben der genannten Einleitung findet der Leser drei große Segmente, wobei auch diese Betrachtung nicht den "politischen Stosch" ausklammert/ausklammern kann, war doch - nicht zuletzt aufgrund der sehr unglücklichen Unterstellung des Chefs der Admiralität - kaum ein interner Machtkampf in den ersten Jahren des Deutschen Reiches so heftig wie jener zwischen Stosch und seinem anteiligen Chef Bismarck. Dies leitet nahtlos in das zweite große Segment der Arbeit über, betitelt "Die Marineführung und die Außenpolitik Bismarcks". Jene seinerzeit viel Sprengstoff enthaltende Thematik gipfelte in den Vorkommnissen am Rande der bürgerkriegsähnlichen Zustände des Spanien zum Beginn der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts. Nicht ganz zu Unrecht sah Bismarck in den vorkommenden Eigenmächtigkeiten der hohen Seeoffiziere eine ernste Gefahr für den nach außen hin verkündeten Saturationsanspruch des Deutschen Reiches nach den Einigungskriegen. Es bedurfte schließlich einer "A.C.O", einer "Allerhöchsten Cabinetts-Ordre" vom 28.12.1875, betitelt, "Ergänzung des 12 MVBl. zur Instruction für den Commandanten", um der Marine die in Bismarcks Augen gefährlichen Eigenmächtigkeiten abzugewöhnen.

Der dritte und größte Abschnitt steht unter dem Titel, "Handelsverträge, Überseestationen und koloniale Tendenzen in der Marineführung". In ihm wird zum Einen die lang andauernde Schwäche der Marine thematisiert, aufgrund letztlich der fehlenden Mittel eine ausreichende überseeische Präsenz aufzubauen, um den Handel unter deutscher Flagge vor allem in Ostasien wirksam schützen zu können. Es ist dabei bezeichnend, daß die Reeder der Hansestädte noch lange Zeit ihren Schutz lieber der allgegenwärtigen Royal Navy anvertrauten, denn der Kaiserlichen Marine.

Als ein Lösungsweg die mangelnden Präsenz zu kompensieren, tauchte - wenig überraschend - innerhalb der Marine sehr bald der Ruf nach überseeischen Stützpunkten auf, was sich, einer nachvollziehbaren Logik folgend, in dem Ruf nach eigenen Kolonien verstärkte. Und erneut war der Konflikt mit dem Reichskanzler die Folge, sah jener Deutschland doch vor allem Kontinental orientiert. Dennoch gelangen bereits in der "Ära Stosch", vor allem auf Betreiben der Marine, einige Abschlüsse von Handelsverträgen, wovon jener mit dem Königreich Tonga als erster und somit ältester diesbezüglicher Vertrag des Deutschen Reiches in die Geschichte einging. Die freundschaftliche Verbindung besteht noch heute, wobei der König von Tonga heutzutage sicherlich gute Gründe hätte, sie zu hinterfragen.

Der letzte Teil jenes langen dritten Abschnitts befaßt sich zum einen mit dem vergeblichen Bemühen Stoschs um den Aufbau einer (Reichs-)Oberseebehörde und dem daraus letztlich erwachsenden Minimalziel, der Gründung des "Hydrographischen Büros der Admiralität" sowie der deutschen Seewarte. Zum anderen steht jener letzte Teil unter dem Schlagwort, "(D)er Flottengründungsplan und die Förderung der Industrie". Immerhin ist es Stosch hoch anzurechnen, daß er den Bau der Schiffe und ihrer Ausrüstung der heimischen Industrie übertrug, wohl um die anfänglichen Defizite der noch jungen deutschen Schwerindustrie wissend. Letztlich entwickelte sich das Produktmerkmal "Made in Germany" dann aber so überzeugend, daß die Marine der erste und nicht der schwächste Werbeträger für die deutsche Industrie in der Welt wurde.

Es bleibt das Fazit: Ohne Frage ist die vorliegende Arbeit ein sehr wichtiger Baustein zur deutschen Marinegeschichte. Diese Aussage steht ohne Wenn und Aber. Der Autor hatte es eingedenk der einleitenden Bemerkungen sicherlich dabei einfacher, Neuland zu erschließen, als wenn er eine vergleichsweise "ausgelatschte" Thematik hätte behandeln sollen. Dennoch ist das zusammengetragene Material beeindruckend - es mußte ja schließlich auch die strengen Anforderungen zur Erlangung eines akademischen Grades erfüllen. Und hierin liegt - nach ganz persönlicher Ansicht und vor allem Vorliebe des Rezensenten - eine gewisse Schwäche des Werkes. Es ist leider eine Tatsache, daß rein marine- oder gar technikgeschichtlich orientierte Promotionen in Deutschland kaum möglich sind, vor allem natürlich wenn es um die Erlangung des "Dr. phil." geht.

Dementsprechend verwundert es kaum, daß die Untersuchung sich auf die Marine im politischen Umfeld bezieht, und Technik allenfalls im wirtschaftsgeographischen Kontext vorkommt. Somit bleibt eine Untersuchung der "Ära Stosch" unter militärisch-technischen Gesichtspunkten weiterhin ein Desiderat, denn auch die strategisch-taktischen Aspekte wurden in jüngster Vergangenheit unter neuem Licht betrachtet - allerdings wieder einmal im angelsächsischen Sprachraum. Letztere Bemerkungen sollen aber den Wert der vorliegenden Arbeit in keiner Weise schmälern, sondern eher zur weiteren Beschäftigung mit jener Zeit anregen.

Dirk Nottelmann (2006)


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