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Die Brandenburg-Klasse

Autor: Dirk Nottelmann
Titel: Die Brandenburg-Klasse
Untertitel: Höhepunkt des deutschen Panzerschiffbaus.
Seiten: 222
Abbildungen: 107
Zeichnungen,
Karten,
Skizzen:
59
Planseiten: 11
Verlag: E.S. Mittler & Sohn
Ort, Jahr: Hamburg, 2002
ISBN 3-81320740-4

Mit der "Brandenburg-Klasse" hat Dirk Nottelmann, Mitautor des Buches "Halbmond und Kaiseradler", ein Werk vorgelegt, das zwangsläufig den Vergleich mit dem vor einiger Zeit bei Bernard & Graefe erschienenen "Die Linienschiffe der Brandenburg- bis Deutschland-Klasse" von Gerhard Koop und Klaus-Peter Schmolke herausfordert. Freilich widmen letztere nur einen kleinen Teil ihres Buches einem Thema mit dem Nottelmann mühelos 222 Seiten füllt. Doch bereits beim Anblick und grober Durchsicht wird der auch in sonstiger Hinsicht unterschiedliche Anspruch deutlich. Während der Band von Koop/Schmolke in biederer Aufmachung daherkommt, besticht das bei Mittler erschienene Werk von Nottelmann bereits durch sein ungewohntes A4-quer-Format und ein modernes und gefälliges Layout, in dem die Vielzahl von Bildern, Plänen, Karten etc. zu ihrem Vorteil präsentiert werden. Einziger kleiner Wehrmutstropfen hier: die Digitalisierung einiger Bilder ging etwas zu Lasten der Bildqualität. Von der Gliederung her, geht Nottelmann ebenfalls einen eigenständigen Weg, wenn auch in starker Anlehnung an "Halbmond und Kaiseradler". Eine schematische Darstellung wird vermieden, statt dessen lockern Exkurse den Text auf, der dann allerdings mehr auf Lesbarkeit denn auf übersichtlichkeit ausgelegt ist.

"Die Brandenburg-Klasse" ist in drei Teile unterteilt: Geschichte, Schiffsbiographie (tatsächlich handelt es sich hierbei um taktisch/technisch/seemännische Abhandlungen) und der Planteil. Drei Exkurse (Gefechtsanleitungen, Boxeraufstand, Verkauf an das osmanische Reich) erweitern den baugeschichtlichen ersten Teil; der 4. Exkurs, ein (virtueller) Gang durch das Schiff, erweckt jene Details zum Leben, die in allzu technischen Abhandlungen sonst gerne vergessen oder nur oberflächlich behandelt werden und beschließen den zweiten Teil vor der Schlußbetrachtung. Wer allerdings meint, hier würden nur Detailfetischisten bedient, liegt daneben. Das Buch ist ansprechend und unterhaltsam geschrieben. Mit den zwar teilweise sehr langen, aber gut ausgewählten und präsentierten Zitaten, vermittelt Nottelmann ein lebendiges Bild der Epoche, das auch Leser ansprechen dürfte, die sich nicht unmittelbar mit dem Thema "Panzerschiffe"/Brandenburg-Klasse auseinandersetzen wollen.

Nottelmann unterwirft sich in seinem akribisch recherchierten Buch weder einem "Zeitgeist" noch einem "Forschungsstand", wenngleich er letzteren zweifelsohne vor Augen hat. Bei der Erschließung der Quellen wird dabei häufiger über den deutschen Tellerrand geblickt. Während sich Koop/Schmolke in ihrem übersichtswerk beispielsweise mit dem lapidaren Hinweis, die Brandenburg-Klasse sei "bis auf wenige Ausnahmen eine völlig deutsche Eigenkonstruktion" begnügen eine Aussage, die weder vom Umfang noch vom Inhalt her den tatsächlichen Umständen Rechnung trägt ordnet Nottelmann Entwicklung und Bau der Panzerschiffe in den internationalen Kontext der ausgehenden "Era of Uncertainty" im Kriegsschiffbau ein. Hierbei werden nicht nur die durchaus relevanten wechselseitigen Einflüsse im Kriegsschiffbau sichtbar, sondern es erklärt auch in nachvollziehbarer Weise, warum der Autor den Status der Brandenburg-Klasse trotz ihrer späteren Umklassifizierung zu Linienschiffen mit Vehemenz als "Höhepunkt, aber gleichzeitig [...] auch als Endpunkt" der Panzerschiffsära unterstreicht.

Selbstverständlich war die Brandenburg-Klasse hinsichtlich ihrer Anforderungen als auch der Realisierung in starkem Maße von spezifisch deutschen militärischen Bedürfnissen, Vorstellungen, schiffbaulichen Fähigkeiten und politischen Beschränkungen geprägt. Nottelmann schildert hier sehr differenziert das Ringen der Marine mit sich selbst (da man sich nur schwer von Gewohntem lösen konnte) und mit den knapp bemessenen Haushaltsmitteln. Durch die Auswahl der Quellen wird dem Leser hier eindrucksvoll vor Augen geführt, daß sich die grundsätzliche Problematik der Beschaffung von Seekriegsmitteln in den letzten 110 Jahren für Deutschland nicht substantiell verändert hat!

Jenseits der Baugeschichte, dürfte auch der einsatzgeschichtliche, sowie der taktisch-technische Teil des Buches in Bezug auf die Behandlung der vier Panzerschiffe der Brandenburg-Klasse seinesgleichen suchen. Hier setzt das Buch Maßstäbe, sowohl in der Detailfülle und -genauigkeit wie auch in der Präsentation! Besonders hervorzuheben ist hierbei die ausführliche Schilderung des Verkaufs von zwei Schiffen (Kurfürst Friedrich Wilhelm und Weissenburg) an das Osmanische Reich, ihr Einsatz in den Balkankriegen, dem Ersten Weltkrieg bis hin zur Verschrottung der Torgud Reis (ex Weissenburg) im Jahre 1956. Die ausführliche Nutzung osmanischer und türkischer Quellen ist zweifellos ein Vermächtnis von Nottelmanns Befassung mit dem Thema in "Halbmond und Kaiseradler" sowie seiner Zusammenarbeit mit Bernd Langensiepen. Der Autor bietet so eine differenzierte längst überfällige Ergänzung des ansonsten sehr durch die englischsprachige und deutsche "vor 1945"-Literatur geprägten Stoffes.

Zuletzt bleibt der Hinweis auf den 11-seitigen Zeichnungsteil des Bandes. Seiten- und Decksansichten sowie Querschnitte aus Nottelmanns Feder in erstklassiger Qualität machen das Werk, in Verbindung mit der reichhaltigen Illustration, zu einem unverzichtbaren Hilfsmittel für Modellbauer.

Zusammenfassend läßt sich das Buch "Die Brandenburg-Klasse" von Dirk Nottelmann als durch und durch gelungen bezeichnen. Seine Anschaffung kann man vor allem auch all denjenigen an der Kaiserlichen Marine Interessierten ans Herz legen, die an der wichtigen Phase des überganges von der Caprivi- zur Tirpitz-ära interessiert sind sowohl in technischer als auch in marinepolitischer Hinsicht. Das Buch ist auch ein großer Schritt in Richtung Qualitätsverbesserung in der deutschen Marineliteratur. Wie auch schon bei "Halbmond und Kaiseradler" geht der Trend in der Marinegeschichtsschreibung weg sowohl von der unkritischen Verherrlichungsliteratur vergangener Tage als auch vom oftmals zwanghaft akademischen und selbstgefälligen (aber völlig ungenießbaren) Stil gegenwärtiger deutscher Fachliteratur. Man kann im positivsten Sinne von einer "Anglisierung" oder "Amerikanisierung" in der Darstellung sowohl inhaltlich als auch optisch sprechen. Es bleibt zu wünschen, daß sich dieser frische und gute Stil der Marinegeschichtsschreibung und -präsentation in Deutschland mehr durchsetzt und so ein größeres Publikum erschließt.

Dirk Steffen


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