Symbol des AK Krieg zur See 1914-1918 Das Buchschapp

Hauptseite
Arbeitskreis
Nachrichtenblatt
Buchschapp
Buchbesprechungen
Impressum

Die Linienschiffe der Brandenburg- bis Deutschland-Klasse

Autor: Gerhard Koop, Klaus-Peter Schmolke
Titel: Die Linienschiffe der Brandenburg- bis Deutschland-Klasse
Seiten: 262
Fotos: 120
Skizzen: 72
Verlag: Bernard & Graefe Verlag
Ort, Jahr: Bonn, 2001
ISBN 3-7637-6211-6
Autor: Gerhard Koop, Klaus-Peter Schmolke
Titel: Vom Original zum Modell: Die Linienschiffe der Brandenburg- bis Deutschland-Klasse
Seiten: 56
Fotos: 32
Skizzen und Tabellen: zahlreich
Verlag: Bernard & Graefe Verlag
Ort, Jahr: Bonn, 2001
ISBN 3-7637-6212-4

Ohne jede Frage ist die Kaiserlichen Marine der Vor-Dreadnought-Ära in der jüngeren Literatur ein weitgehend unbeschriebenes Blatt, was sich für die Zeit vor der Amtsübernahme Tirpitz' nochmals verstärkt. Die Gründe dafür sind mannigfaltig und ihre Behandlung würde den Rahmen dieser Rezension bei weitem sprengen. Insofern gebührt jedem Autoren zunächst einmal Dank, daß er sich in jene dunklen Gewässer wagt, die am Boden aber so viele Schätze bereithalten. Die Erwartungshaltung war dementsprechend hoch, denn seit Jahren liegt das Hauptinteresse des Rezensenten in der Marinegeschichte eben jener Zeit, welche durch das vorliegende Buch-Heft-Gespann nach oben hin begrenzt wird.

Kommen wir zunächst zum Aufbau des Buches (Das Heft findet, als Extrakt des Buches, am Schluß dieser Zeilen Berücksichtigung). Es wird eingeleitet mit einer Übersicht über die ersten 40 Jahre des Baues und der Ausrüstung von Panzerschiffen, in Kapiteln wie, "Schiffbau und Panzerung", "Die Waffenanlagen" oder "Die Antriebsanlagen". Daran anschließend wird dann, beginnend mit der Brandenburg-Klasse, auf die 5 behandelten Schiffsklassen eingegangen, wobei die Trennung durch den jeweiligen Fototeil zu den vorstehend behandelten Schiffen vorgenommen wird. Der logische chronologische Abschluß erfolgt also durch Schleswig-Holstein und Schlesien. Zu jeder behandelten Klasse findet sich ein Tabellarium mit den Baudaten, den technisch-taktischen Daten sowie anschließend eine Auflistung bestimmter technische Parameter. Abschließend finden wir eine kurze Lebensgeschichte jedes Schiffes.

Wie in vielen der bisherigen Bände findet sich im Kontext der Einleitung allerdings ein Kapitel, daß nur marginal mit dem behandelten Generalthema harmoniert, in diesem Fall eine komprimierte Geschichte des "Marine-Ingenieurs-Korps". Dessen Geschichte war bereits Thema einer selbständigen Publikation (Bräckow, Die Geschichte des Marine-Ingenieur-Offizierkorps, Oldenburg, 1974), welche naturgemäß dort viel ausführlicher geschildert werden konnte und - das sich auch im Literaturverzeichnis des vorliegenden Buches findet. Nicht das die Geschichte jener Branche uninteressant wäre, doch in vorliegendem Rahmen beschleicht einen unweigerlich das Gefühl der "Textstreckung".

All jene, die mit einer groben Übersicht über die damaligen Geschehnisse und einem komprimierten Datensatz der dazugehörigen Schiffe in Wort und Bild zufrieden sind - der Rezensent verhehlt nicht, daß er entsprechende Wertungen einzelner bereits zu hören bekommen hat, die selbstverständlich zu respektieren sind -, können die weiteren Ausführungen überspringen. Jene aber, die auf tiefergehende Informationen, gestützt auf Auswertung entsprechender Quellen Wert legen, sollten weiter lesen:

Das Erstaunen des Rezensenten begann bereits im Vorwort: Auf die Zeichnung einer Planrolle - sonst immer in dem Gesamtpaket, Buch-Heft-Planrolle, enthalten - sei verzichtet worden, kann man da lesen, weil trotz intensiven Suchens keine Pläne zu den Schiffen aufzutreiben gewesen wären! Dazu wäre zu bemerken, daß es hinsichtlich drei der 5 Schiffsklassen umfangreiche Planeditionen auf dem freien Markt gibt, die in Qualität und Ausführlichkeit auch höchsten Ansprüchen genügen dürften. Darüber hinaus gibt es den Bestand des Bundesarchivs in Freiburg, wo ebenfalls mindestens ein Schiff pro Klasse als ausführlicher Original-Plansatz vorhanden ist. Daher ist die zitierte Bemerkung schlicht und einfach nicht nachvollziehbar. Weiter können wir lesen, als Ausgleich für die fehlenden Zeichnungen sei zumindest das Fotomaterial einmalig(!) Unbestritten, einige der Fotos können zumindest "selten" genannt werden, doch worin die Einmaligkeit von Fotos liegt, deren Reproduktion aus Büchern durch den von der Rückseite her durchscheinenden Text erkennbar wird, sei ebenfalls hinterfragt.

Noch einen dritten Fallstrick bietet die Einleitung, der leider auch wörtlich in die Presseveröffentlichungen übernommen wurde: Die Entwicklung der Schiffe sei kontinuierlich gewesen! Vordergründig gesehen sicherlich kein Satz der Aufsehen erregt, folgten die Schiffe doch - sogar gesetzmäßig chronologisch - aufeinander. Doch eine chronologische Abfolge kann etwas vollständig anderes als eine Kontinuität bedeuten; so eben auch hier! Innerhalb der 5 Klassen fand ein fundamentaler Bruch in der Konzeption der deutschen Schiffe statt, radikaler als der Übergang zum Dreadnought-Bau - und hier ist nicht der Übergang vom 24 cm- zum 28 cm-Geschützkaliber gemeint - welcher den Autoren völlig entgangen ist.

Beim Weiterlesen kam dem Rezensenten dann, mit einem abgewandelten Versteil, der unvergängliche Wilhelm Busch in den Sinn: "Und das Gesicht ward lang und länger ..."! Auch Einsteiger in die Materie, und das dürften bei dem behandelten Zeitraum eben die meisten sein, sollten keine Sätze vorgelegt bekommen, wie jenen (S. 13): "Das am 10. April 1898 im Reichsgesetzblatt verkündete Flottengesetz wurde in Großbritannien kaum zur Kenntnis genommen. Die Royal Navy hatte mit ihrem eigenen Flottenplan von 1889 genug zu tun. Dann aber erkannte man die angebliche Bedrohung und reagierte schnell (...). John Fisher reagierte sofort, auf seine Initiative entstand die DREADNOUGHT."

Was soll man von so einem "nonsense" ohne Zusammenhang halten, bei dem es kein Wunder ist, daß noch heute der deutsche Flottenbau (so sehr er hinterfragt werden kann und muß) in der deutschen Öffentlichkeit überwiegend polarisierend bewußt oder unbewußt verzeichnet wird? Auf S. 34 finden sich Ausführungen zu Schiffbau und Panzerung, die daran zweifeln lassen, ob der Autor sich überhaupt mit der behandelten Zeit beschäftigt hat: "So gab es bei der Formgebung des Schiffskörpers einen starken französischen Einfluß. (...) Die deutschen Konstrukteure waren etwas zurückhaltender, bis auf die Küstenpanzer folgte man nicht dieser Bauart." [Und die Brandenburg-Klasse?]. Weiter heißt es: " Schiffbaulich kam (...) der Rammsteven in Mode. Die Franzosen, vor allem aber die Russen, bauten in der Folge eine ganze Reihe von Kriegsschiffen mit einem stark ausgeprägten, pflugartigen Rammsteven. (...) Die deutschen Konstrukteure sind diesem Extrem nie gefolgt (...)." [???] Man braucht nur das Standardwerk über den deutschen Dreadnought-Bau, den "Grießmer", zu bemühen, verbunden mit archivierten Gefechtsanleitungen aus den letzten beiden Dekaden des 19. Jh.: Noch in den 90er Jahren sah die deutsche Marine die Ramme als Hauptwaffe ihrer Schiffe an, und bis ca. 1910 spielte sie in den Überlegungen von Tirpitz bei der Konstruktion seiner Großkampfschiffe eine wesentliche Rolle!

Weiter findet sich in dem Kapitel über die Antriebsanlagen wörtlich der Satz (S.47): "So erhielten die Panzer-/Linienschiffe der Brandenburg-Klasse sowohl Zylinder- als auch Wasserrohrkessel (...)." In den wenige Seiten später folgenden schiffstechnischen Tabellen steht dann aber plötzlich die korrekte Angabe von 12 Zylinderkesseln. An dieser Stelle muß dann ganz deutlich die Frage auch nach dem Lektorat gestellt werden.

Dies sind Exzerpte, sie ließen sich beliebig fortsetzen! Ein Wort aber nochmals zu den enthaltenen Skizzen der Schiffe und anderer Anlagen. Insbesondere erstere sind sogar noch weit unter dem Standard der vorherigen Bände anzusiedeln. Auf Seite 110 ist gleich eine ganze Zeichnung im Druck zerrissen und wurde so belassen. Auch die etwas umfangreicheren Zeichnungen der Deutschland, entnommen dem Werk, "Neudeck/Schulz/Dr. Blochmann: Der moderne Schiffbau" [nicht im Literaturverzeichnis angeführt] wären besser im Original eingesetzt worden, so wie es offensichtlich mit den reproduzierten Fotos ja möglich war.

Bei dem Heft "Vom Original zum Modell" handelt es sich wie gewöhnlich um eine [auch qualitätsmäßig] nochmals abgespeckte Version des Buches, dessen zusätzlichen Erwerb man sich überlegen sollte. Das textliche "Highlight", welches eigentlich alles über die gebotene Qualität sagt, ist hier eine Unterschrift zu einem Bild der Brandenburg [aufgenommen am 23. November 1893]: "Die Brandenburg vor Anker liegend. Eine Bb-Aufnahme. Das Schiff hat einen dunkelgrauen Anstrich über alles. Vermutlich entstand das Foto kurz nach Kriegsausbruch 1914."[!] Ein Foto im Buch hingegen, am selben Tag aufgenommen, verlegt das Ereignis immerhin noch auf den März 1895.

Das Fazit fällt kurz und knapp aus: Das Autorenteam hat seine ganz große Chance vertan, beinahe erstmals in deutscher Sprache einen Zipfel des Schleiers, der über den Aufbaujahren der Deutschen Flotte liegt, zu lüften. Das ist prinzipiell um so bedauerlicher, als ein qualitativ hochstehendes Buch über die Schiffe jener Epoche, sieht man einmal von jenem vor einigen Jahren erschienenen über die Schleswig-Holstein ab, noch immer fehlt. Mit gutem Gewissen kann das hier vorgestellte für eine tiefergehend interessierte Klientel jedenfalls nicht empfohlen werden.

Dirk Nottelmann (2001)


free counters