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Die Lusitania

Autor: Patrick O'Sullivan
Titel: Die Lusitania
Untertitel: Mythos und Wirklichkeit
Seiten: 141
Abbildungen: 109
Verlag: Verlag Mittler & Sohn GmbH
Ort, Jahr: Hamburg, 1999
ISBN 3-8132-0681-5

Die Aussage, mit vorliegendem Buch so seine Schwierigkeiten zu haben, fällt dem Rezensenten nicht eben leicht, denn vordergründig betrachtet ist jedes Buch uneingeschränkt zu begrüßen, daß sich die Enttarnung lange gepflegter Legenden auf die Fahne geschrieben hat. Um so mehr wäre es zu begrüßen gewesen, als es sich bei dieser Ausgabe um eine lizensierte Übersetzung eines englischsprachigen Originals handelt, der Autor also aus jenem Sprachraum stammt, dem hier so einiges in "das Gebetbuch geschrieben werden soll". Doch da beginnt die erste Einschränkung, der erste feine aber wichtige Unterschied: Der Autor ist irischer Abstammung - daher auch durch überlieferte Erzählungen von Jugend an mit dem beschriebenen Ereignis vor Irlands "Haustür" vertraut gemacht worden. Doch aus eben diesem Grund ist es auch nicht die zu wünschende "neue Offenheit" britischer Historiker, bzw. offizieller Stellen, die auch 84 Jahre nach dem geschilderten Ereignis ganz offensichtlich mit der Anerkennung mittlerweile unwiderlegbarer Tatsachen ihre Schwierigkeiten haben. Ein exemplarisches Beispiel für diese Schwierigkeiten zeigt das Bestseller-Buch von "Ballard" zu diesem Thema, dessen simplifizierende, teilweise bewußt verharmlosende Analyse der Tragödie erst dann erklärlich ist, wenn man sich die britischen Sponsoren seiner Tauchgänge ansieht.

Dagegen dieses Buch: Voll von Fakten, welche die Ursachen für den Untergang entmystifizieren - aber von einem Außenseiter geschrieben, so daß eine offizielle britische Stellungnahme, aus den Akten gearbeitet, nach wie vor aussteht. Um mit den positiven Aspekten zu beginnen: Der Autor zieht Gewinn aus seiner langjährigen Bekanntschaft mit dem - seiner Aussage nach - umfassendst informierten Lusitania-Forscher überhaupt, dem mittlerweile verstorbenen John Light, der mit Besessenheit jeder auch noch so kleinen Spur nachgegangen sein, und die britischen Archive auf den sprichwörtlichen Kopf gestellt haben soll. Dessen umfangreiches Privatarchiv stand ihm weiterzur Verfügung, und diente als Ausgangspunkt für die weitere, eigene Suche in den verschiedensten Archiven, Publikationen sowie Dokumenten.

Doch was er aus diesen umfangreichen konsultierten Quellen letztlich macht, ist leider recht dünn. Nicht erwähnt wird von ihm, ob er aus Gründen der Rücksichtnahme auf (eine?) weitere Publikation verpflichtet wurde, nicht alle Erkenntnisse preiszugeben, denn einzelne Passagen, z. B. die dem Untergang nachfolgende Seegerichtsverhandlung, werden sogar bei "Ballard" ausführlicher geschildert. Der Spannungsbogen der Handlung steigt sehr rasch auf die neuen, originären Erkenntnisse des Autors über die berühmt-berüchtigte 2. Explosion nach dem Torpedotreffer an, um dann ebenso schnell wieder abzufallen. Noch prägnanter und pointierter ausgedrückt: Das Buch ist dann gut, wenn es um das zentrale Thema geht, doch es verliert diese Güte, sobald der Autor vom Thema abschweift, und sich der allgemeinen Geschichte und Analyse des I. Weltkriegs widmet - ganz zu schweigen von der regelrecht überflüssigen, vierseitigen Kurzbiographie Churchills. Sicher war jener eine der Schlüsselfiguren in dem Lusitania-Desaster, doch eine ausführliche Darstellung seiner Handlungen und Unterlassungen in der hier relevanten Zeit hätte ausgereicht.

Die Intention dabei ist deutlich, und auch nicht zu verdammen: Mit dem Buch soll der breiten Leserschaft eine möglichst breit angelegte, mit Hintergrundinformationen verfeinerte Darstellung gegeben werden - dies schließt übrigens auch eine ausgezeichnete visuelle Ausstattung mit ein -, so daß es jene, nach der Lektüre vermeintlich umfassend informiert, aus der Hand legen kann. Doch dabei gehen ein paar Facetten verloren: Mit kurzen Worten verweist er z. B. eine sogenannte "Verschwörung" über das Schiff in den Bereich der Fabel, nach der maßgebende Stellen die Lusitania bewußt geopfert hätten, um die USA zum Eintritt in den Krieg zu zwingen. 100 Jahre nach der "Maine", 58 Jahre nach "Pearl Harbor" und nicht zuletzt 9 Jahre nach "Kuwait" sollten wir gelernt haben, daß es eine absolute Negation von Geheimdiplomatie in diesen Fällen einer Regierung leicht macht, der Öffentlichkeit ihre eigene Version zu präsentieren.

Und das führt auf eine ganz eigene Qualität bei der Beschäftigung mit dem Thema Lusitania hinaus. Insbesondere uns Deutschen kann dieses Ereignis nicht ganz egal sein, denn nach diesem 7. Mai 1915 war die Geschichtsschreibung nie mehr, wie sie vorher war; Deutsche = böse Deutsche wurden zu Hunnen, Kindermördern und schlimmerem, und bei diesem Geschichtsbild ist es, wenn nötig, bis heute geblieben - Europa hin oder her. Wo aber in dieser bis heute leicht zu demütigenden Nation ist der Mut, dieser Meinung entgegen zu treten? Bedarf es wirklich erst eines irischen Autors, der die Geschichtsfälschungen und Vertuschungen zumindest beim Namen nennt? Ist es ein Zufall, daß die BBC die Ausstrahlung eines Teils der mit dem SDR-Stuttgart in Kooperation produzierten Serie über die Geschichte der U-Boote verweigerte, jenes Teils, in dem kritisch neutral über die Lusitania berichtet wurde? Nennen wir es wie Mr. O'Sullivan ruhig beim Namen: Die Frage, was letztlich das Schiff zum sinken brachte, ist nur noch akademischer Natur, die eigentliche Frage ist vielmehr, durfte Kaptlt. Schwieger ein vermeintliches harmloses Handelsschiff torpedieren, oder traf er ein militärisches Hilfsschiff?

Die Antwort ist einfach, schon mehrmals gegeben, und wird auch in vorliegendem Buch nicht verhehlt: Die Lusitania - und nicht nur sie - transportierte Kriegsmaterial und wurde damit zum Kombattanten; ihre unglücklichen Passagiere wurden mit vollem Wissen der maßgebenden Stellen zu lebenden Schutzschilden - oder Anklagen wenn etwas schief ging. Die unglaubliche Nachlässigkeit, mit der man das Schiff behandelte - jeder alte Kreuzer war wichtiger(!) -, und das im Wissen um die Anwesenheit von U 20 vor der Südküste Irlands, ließe auf einen Grad von Unfähigkeit im Kriegsministerium, der Admiralität und sonstigen Stellen schließen, der schon nicht mehr menschlich genannt werden könnte, wobei das tatsächliche Begegnen der beiden Schiffe - und das auch noch auf Torpedoschußweite - einem ebenso unglaublichen Zufall gleichkommt. Ist es da ein Wunder, wenn Verschwörungsgerüchte aufkommen?

Man kann die Fakten sogar noch weitergehender auslegen, und das Bild vom "Mörder Schwieger" in ein völlig anderes Licht stellen: Dadurch, daß er erwiesenermaßen nur einen Torpedo abschoß, zeigte er sich eher als Humanist, denn als "Schlächter". Legitim wäre es gewesen, wenn er angesichts der Bedeutung seines Zieles so viele Torpedos als möglich abgeschossen hätte, in der Hoffnung, daß wenigstens einer träfe. Wie hätte er vor seinen Vorgesetzten gestanden, mit dem Eingeständnis einen großen Passagierdampfer/Hilfskreuzer vor den Rohren gehabt, und seine Hoffnung auf einen einzigen Torpedo gesetzt zu haben, wenn dieser gefehlt hätte. Kaum einer dürfte mehr erstaunt über die Wirkung dieses einen Torpedos gewesen sein, als Schwieger selbst. Dabei hatte dieser auch noch an einer ungünstigen Stelle für einen möglichen Erfolg getroffen, nämlich im Laderaum Nr. 2. Unter allen denkbaren Umständen hätte das Schiff einen Torpedo an dieser Stelle vertragen, ohne mehr als einen vorlichen Trimm einzunehmen.

Bisher wurde allerdings in allen Veröffentlichungen - auch in vorliegender - von einem Treffer unterhalb der Brücke ausgegangen, denn dort wurde die Wassersäule gesehen. Dabei wird interessanterweise immer übersehen, daß es sich bei diesem Vorgang um eine Kette von zusammenhängenden dynamischen Abläufen handelt: Das Schiff fuhr mit ~ 20 kn Geschwindigkeit, der Torpedo vom Typ G6 lief im Nahschuß mit ~ 35 kn Geschwindigkeit, in einer Tiefe von ~ 3 m. Jetzt kommen noch zwei interessante Faktoren hinzu: Die Zeit, welche Luftblasen brauchen um an die Oberfläche zu steigen, und eine Spur zu erzeugen, sowie die Zeit, die eine Wassersäule braucht - immerhin Tonnen von Wasser - um sich zu entwickeln. Aus den angeführten Daten ergibt sich zum einen der Effekt, daß der Torpedo bei einer Tiefe von 3 m mindestens 100 m seiner sichtbaren Spur voraus ist, zum anderen, unter der Prämisse, daß die Wassersäule mindestens 1 s zur vollen Entwicklung braucht, der Sprengpunkt mindestens 10 m vor der Brücke gelegen hat - eher mehr, als weniger. Die Blasenbahn dagegen vereinigte sich mit der dann bereits zusammenfallenden Wassersäule erst weitere 50 m achteraus. Dies nur als kleine Anregung über die noch immer umstrittene Lage des Treffers einmal nachzudenken.

In den nachfolgenden Prozessen wurde zum einen die Schuld auf Kapitän Turner geschoben - mit erwiesenermaßen nachträglich gefälschten Segelanweisungen -, die Hauptlast aber klar den "barbarischen" deutschen U-Booten gegeben. Daß im Gegenzug dazu die Anweisung auch an Handelsschiffe - also rechtlich Nicht-Kombattanten - bestand, deutsche Boote zu rammen, und somit zu Partisanen zu werden, die auf keinen Schutz durch das Völkerrecht mehr hoffen dürfen, daß ebenfalls die Anweisung an die Schiffe bestand, unter neutraler, möglichst US-amerikanischer Flagge zu fahren, und last but not least, daß eigene U-Boote mit dem wortwörtlichen Auftrag zum uneingeschränkten U-Bootskrieg , "to run amok in the Sea of Marmora", im türkischen Marmarameer Schiffe versenkten, war eben ein zu vernachlässigender Schönheitsfehler.

Ziehen wir also ein Fazit des Buches: Für den Interessenten, der sich einen ersten Zugang zu dem komplexen Thema Lusitania verschaffen will, ist es unverzichtbar, und durch die Fundiertheit seiner Aussagen bei weitem jenem oben genannten Bestseller vorzuziehen. Der Interessent mit gewissen Vorkenntnissen mag sich von der Aufmachung angesprochen fühlen, obwohl letztlich nicht allzuviel neue Erkenntnisse auf ihn warten (- dies unter der oben beschriebenen Prämisse des Rezensenten, daß die ominöse zweite Explosion, die letztlich erst den Untergang bewirkte, für die Bewertung des gesamten Vorfalls eigentlich ohne Belang ist). Nur jener, um auf die einleitenden Sätze dieser Rezension zurückzukommen, der auf das vielleicht definitive Buch zum Thema hoffte, wird wahrscheinlich ein wenig enttäuscht werden, zu viel Kraft und Raum wird auf "Nebenkriegsschauplätzen" verbraucht, die mit dem Thema nur marginal verbunden sind, deren Formulierungen so manches Mal auf fehlendes Wissen hindeuten. Abschließend noch ein Wort zur Übersetzung, oftmals in der Vergangenheit ein - unnötiger - Kritikpunkt. Hier erscheint sie gelungen, dem Rezensenten sind keine Fehler aufgefallen, die Sätze sind in sich stimmig und schlüssig, ebenso wie die Begriffe.

So viel zu einem Buch, dem eigentlich nur eine große Verbreitung gewünscht werden kann, trugen seine beschriebenen Ereignisse doch ein Gutteil zur deutschen Urkatastrophe des Jahrhunderts bei. Am Ende dieses Jahrhunderts tut eine differenzierte Reflektion dazu bitter not.

Dirk Nottelmann (1999)


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