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Die deutsche Seekriegsleitung im Ersten Weltkrieg

Autor: Gerhard Granier
Titel: Die deutsche Seekriegsleitung im Ersten Weltkrieg
Untertitel: Band 1 u. 2, Materialien aus dem Bundesarchiv – Heft 9
Seiten: Band 1: 454; Band 2: 336
Verlag: Bundesarchiv
Ort, Jahr: Band 1: Koblenz, 1999; Band 2: Koblenz, 2000
ISBN Band 1: 3-89192-083-0; Band 2: 3-89192-088-1

Nahezu unbemerkt, außer vielleicht in Fachkreisen, begann das Bundesarchiv 1999 mit der Herausgabe dieser auf 4 Bände angelegten Publikation, von der die ersten beiden jetzt vorliegen. Es handelt sich dabei nicht um "Lesestoff" in klassischer Weise, sondern um kommentierte Originaldokumente.

Das Problem bei der Zusammenstellung der ausgewählten Dokumente bestand vor allem darin, daß es eine "Deutsche Seekriegsleitung" aufgrund der bekannten Immediatstellung der verschiedenen Kommandobehörden nur sehr kurzzeitig, zum Ende des Krieges hin, gab. Sollte also dem 68bändigen Kriegstagebuch der Seekriegsleitung des 2.Krieges ein Pendant geschaffen werden, und eben dies war die Intention des Autors, so mußte die Suche unter einer Vielzahl von Akten erfolgen, die von so illustren Personen und Organisationen wie der Umgebung des Kaiser selbst, dem Marinekabinett, dem Reichs-Marine-Amt, dem Admiralstab, dem Kommando der Hochseeflotte, dem Oberbefehlshaber der Ostseestreitkräfte u.v.a.m. geführt wurden.

Der Aufbau der vorliegenden Bände ähnelt sich im Prinzip, nur ist der einleitende Band etwas breiter gefächert: Anschließend an die allgemein gehaltene Einführung in das Werk bietet jener von allgemeinen Befehlen zum Ausbruch des Krieges über die einzeln behandelten Kriegsschauplätze, die Führung des Seekrieges im allgemeinen, bis hin zu den Streiks und Meutereien 158 Einzeldokumente, denen der Autor eine übergeordnete Relevanz zumißt. Jeder Abschnitt wird zusätzlich mit einem einführenden Kommentar versehen. Der zweite Band knüpft an diesem Aufbau nahtlos an, beschränkt sich aber auf den "nördlichen Kriegsschauplatz", und geht im Bereich der Nordseekriegführung dafür mehr in die Tiefe. Hier besteht die große Gliederung darin, die Vorkommnisse unter den insgesamt vier Flottenführern einzeln zu beleuchten, ergänzt mit Dokumenten zum Marinekorps, zur Luftkriegführung u.a.m.

Als Zwischenbilanz kann man bereits an dieser Stelle festhalten, daß es sich bei dem Gesamtwerk um eine unverzichtbare Fundgrube handeln wird, soviel ist nach zwei Bänden klar. Die Detektivarbeit des Verfassers trägt Früchte, wenn auch das deutlich herauszulesende Resultat jedem "Fan" deutscher Marinegeschichte ein gewisses Magendrücken verursachen dürfte: Die Frage drängt sich förmlich auf, wie bei dem dokumentierten Chaos überhaupt ein halbwegs erfolgreicher Seekrieg geführt werden konnte! So finden wir die berühmt-berüchtigten Dokumente im originalen Wortlaut vor, welche der Flotte äußerste Zurückhaltung auferlegten, da sie ja für den kommenden Frieden als Faustpfand aufgespart werden sollte, ebenso wie die durchaus nervösen schriftlichen Debatten darüber, was denn das Offizierskorps von der obersten Führung anläßlich dieser Zurückhaltung wohl hielte. Mit Deutlichkeit zeigen andere Dokumente die bis auf das letzte angespannte Personalfrage der Marine, was sich an der Häufigkeit von Außerdienststellungen festmachen läßt, ebenso wie die mangels genügend Werftarbeitern immer schleppender ausgeführten Reparaturen an den Schiffen. Diese Liste ließe sich bei derzeit 295 vorliegenden Dokumenten beliebig fortsetzen.

Ein interessanter Aspekt dabei ist auch die durchgehend gute Verläßlichkeit des Seekriegswerks der Deutschen Marine, "Der Krieg zur See". Viele der in vorliegender Veröffentlichung zitierten Quellen finden sich, teilweise in gekürzter Form, in jenem Werk wieder; man liegt also nicht so furchtbar falsch, wenn man dieses recht betagte Werk mit aller gebotenen Distanz als Basis bei eigenen Arbeiten verwendet.

Hingewiesen werden soll aber noch auf ein, zwei Punkte, hinsichtlich der vollen Nutzbarkeit des dargebotenen Inhalts: Es empfiehlt sich, über mehr als oberflächliche Kenntnisse zu dem Kriegsverlauf zur See 14–18 zu verfügen, eine Grundkenntnis des Admiralstabswerks sollte vorhanden sein, da operative Abläufe hier nicht geschildert werden, sondern die Dokumente allenfalls auf die Ereignisse Bezug nehmen. Hinsichtlich der ausgewählten Quellen stellt sich sicherlich auch gelegentlich die Frage, ob es zu dem einen oder anderen Ereignis nicht noch mehr Interessantes gegeben hätte, wofür anderes vielleicht hätte entfallen können – aber diese Fragestellung kann eigentlich erst nach Vorlage des Gesamtwerks schlüssig beantwortet werden.

Für den Rezensenten ein Anlaß zum Schmunzeln, wenn auch für die Wertung ohne Belang, ist die schon häufiger festgestellte Tatsache, daß die Marinetechnik und deren Begrifflichkeiten für Historiker einige Fußangeln bereithalten; hier stolpern sie manches Mal, und auch Gerhard Granier macht da keine Ausnahme: So ist die Fußnote 14 im Dokument Nr. 169 selbstverständlich "nonsense", wenn er behauptet, BLÜCHER wäre auf eine Geschwindigkeit von 25,8 kn ausgelegt gewesen, also nicht weniger als DERFFLINGER auch. Hier werden wieder einmal Konstruktions- und Probefahrtswerte durcheinander gebracht, wobei jene der DERFFLINGER nur deshalb so gering ausfielen, weil das Schiff seine Meilenfahrten im flachen Wasser absolvieren mußte. Von der Konstruktion her lagen 2,5 kn zwischen den beiden Schiffen. Nett ist auch der folgende kleine fauxpas, wo er die in einem Bericht des Admiralstabes an den Kaiser erwähnten britischen "scouts", ein wenig zu sehr am "dictionary" klebend mit der Fußnote, "Erkundungsfahrzeuge", versieht. Um die Beckmesserei damit zu beenden, nur noch der kleine Hinweis zum Kommentar einer weiteren Fußnote, er hätte den im Dokument genannten Kreuzer "C" nicht identifizieren können: Hierbei handelt es sich nicht um den Kreuzer "C", sondern um den Minendampfer "C", den später so genannten Kreuzer Brummer.

Aber, man mag es an der Wortwahl ermessen, für den Rezensenten sind diese gelegentlich auftretenden Nicklichkeiten angesichts des sonstigen Inhalts ohne Belang. Unter den genannten Voraussetzungen gehört diese Serie zum künftig unverzichtbaren Inventar jedes Bücherschranks; hoffentlich folgen alsbald die verbleibenden Bände!

Dirk Nottelmann (2000)


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