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Die Torpedos der deutschen U-Boote

Autor: Eberhard Rössler
Titel: Die Torpedos der deutschen U-Boote (2. Auflage)
Seiten: 292
Abbildungen: 110 s/w- und 47 Farb-Abbildungen
Verlag: Verlag E.S. Mittler & Sohn GmbH
Ort, Jahr: Hamburg, 2005
ISBN 3-8132-0842-7

Bedarf es für dieses Buch überhaupt einer Vorstellung, da es sich ja "nur" um eine 2. Auflage handelt? Die Antwort kann nur "ja" lauten, denn die erste Auflage datiert von 1984 und war dem Vernehmen nach bereits Anfang der 90er Jahre vergriffen. Außerdem handelt es sich bei dem Torpedo bekanntlich mitnichten um eine Waffengattung mit abgeschlossener Entwicklung, so daß die vergangenen Jahre so manches Neue hervorgebracht haben, was - wenn nicht noch unter die Geheimhaltung fallend - mit eingearbeitet werden konnte. Ein weiterer Punkt, der dem Verlag seinerzeit einige Kritik eingebracht hatte, der Manuskriptsatz des gesamten Buches, wurde mit der vorliegenden Auflage ebenfalls behoben, was zu einer deutlich gefälligeren Optik beiträgt.

Doch allein der Optik wegen kauft man sich nur selten ein textdominiertes Buch - was findet der Interessent inhaltlich vor? Nicht mehr und nicht weniger als eine umfassende Geschichte der deutschen Torpedoentwicklung, wobei der Buchtitel insofern irreführend war und ist, als die Torpedos bekanntlich nicht nur die Waffe der U-Boote waren. So hatte bei der Indienststellung des ersten deutschen U-Bootes vor genau 100 Jahren, am 04.08.1906, der Torpedo bereits eine 33jährige Entwicklungsgeschichte in der Kaiserlichen Marine hinter sich. Aber hinsichtlich der Rezeptanz des Buches in der Öffentlichkeit ist der gewählte Titel und Schwerpunkt sicherlich verständlich: U-Boote "ziehen" halt mehr.

Wie generell in Übersichtswerken zu marinegeschichtlichen Themen üblich, gliedert sich der Inhalt in drei unterschiedlich gewichtige Bereiche: Die Entwicklung bis 1918, die Entwicklung bis 1945 sowie jene nach dem Wiederaufbau der Streitkräfte, wobei man sich mit einigem Staunen klarmacht, daß die letzte Periode inzwischen die längste ist. Aber sechzig Jahre Frieden bedeuten ja bekanntlich nicht sechzig Jahre ohne Waffenentwicklung.

Der erste Abschnitt sieht dementsprechend zunächst die Lösung vom "Weißkopf" - Whitehead-Torpedo, hin zur Entwicklung und Verbesserung eigener Konstruktionen, wobei der ausführende Lieferant - Treppenwitz der Geschichte - sinnigerweise jetzt Schwartzkopff hieß. Die dezidiert eigene Entwicklung wird am besten in der Tatsache dokumentiert, daß deutsche Torpedos nach metrischem Maß klassifiziert wurden, im Gegensatz zur nahezu kompletten übrigen Welt - inkl. Frankreich [!] -, welche dem britischen Maß zugetan war. Am Ende der regulären Entwicklung - unabhängig von Kriegsnotlagen und -bedürfnissen - stand der H/8-Schlachtschifftorpedo, mit 600 mm Durchmesser. Von diesem "Monster" gelangten allerdings nur noch wenige an Bord, und keiner mehr zum scharfen Einsatz.

Wichtig für die künftige Weiterentwicklung in der Reichsmarine sollte dann der 1913 frontreif gewordene G/7-Torpedo werden, dessen Durchmesser beim G 7a schlußendlich mit 533 mm ebenfalls internationalisiert wurde. Er war dann in den verschiedensten Varianten der Standardtorpedo des Zweiten Weltkriegs. Hier sowie bei den Projekten bis zum Ende des Krieges konnte aufgrund der inzwischen wesentlich verbesserten Quellenlage seitens des Autors eine substantielle Erweiterung des vorgelegten Materials vorgenommen werden. Sowohl der Entwicklung der fremdgelenkten und lageunabhängigen Torpedos, als auch solcher Exoten wie Torpedos mit Walter-Antrieb und Raketen-Torpedos wird gebührender Raum gewidmet.

Gleiches gilt für die Ära der Bundesmarine, welche seinerzeit wiederum mit einem britischen Torpedo startete, bevor ihn eigene Produktionen ablösten. Die neueren Unterwasserprojektile zeichnen sich allesamt durch zwei Charakteristika aus, nämlich den blasenfreien Lauf und die Lenkbarkeit via Kabel. Inzwischen ist die jetzt so genannte Deutsche Marine bei der zweiten eigenen Torpedogeneration angekommen und steht an der Schwelle zur dritten Generation. Über diese wird allerdings, wohl aus Geheimhaltungsgründen, hier noch nichts gesagt. Doch wird gemunkelt, daß die Entwicklung auf den in einer Kavitationsblase laufenden Hochgeschwindigkeitstorpedo hinausläuft, und deutsche Firmen - nach Rußland - den zweiten Platz in der Entwicklung innehaben. Es bleibt also noch genug Raum für eine etwaige dritte Auflage dieses Werks in den kommenden Jahren.

Wenn man überhaupt etwas kritisches über dieses vom ausgewiesenen Fachmann stammende Buch sagen möchte, kann es nur darauf hinauslaufen, daß es eben keine Geschichte der deutschen Torpedoentwicklung ist, sondern expressis verbis den Fokus auf die Entwicklung ab 1906, vornehmlich aber erst ab 1919 legt. Die durchaus spannenden ersten 33 Jahre erfahren einen Durchlauf im Schnelldurchgang, und der speziell an der Kaiserlichen Marine interessierte Leser kommt deutlich zu kurz.

Ansonsten aber ist das Werk, wie sein Vorgänger auch, uneingeschränkt zu empfehlen, als das Standardwerk zum Thema. Jeder Interessierte kommt an seiner Anschaffung nicht vorbei und sogar die Besitzer der ersten Auflage sollten ob der eingearbeiteten Ergänzungen seine Anschaffung in Erwägung ziehen.

Dirk Nottelmann (2006)


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