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Die U-Boote des Kaisers

Autor: Joachim Schröder
Titel: Die U-Boote des Kaisers
Untertitel: Die Geschichte des deutschen U-Boot-Krieges gegen Großbritannien im Ersten Weltkrieg
Seiten: 504
Verlag: Europaforum-Verlag (Reihe: Subsidia Academica)
Ort, Jahr: Lauf a.d. Pegnitz, 2000
ISBN 3-931070-20-4

Was für eine Werk! Mahnte der Rezensent noch zu Jahresfrist eine quellenbasierte moderne Geschichte des deutschen U-Bootskrieges des Ersten Weltkriegs als Desiderat an, so stand jene in Wahrheit bereits kurz vor der Veröffentlichung! Und, man mag es der einleitenden Sentenz entnehmen, der Rezensent ist begeistert es gibt derzeit nichts vergleichbares. Dabei macht es einem der Autor dieser ursprünglich reinen philosophischen Dissertation keineswegs leicht, denn viele der liebgewordenen Standardfakten der Deutschen Marinegeschichte zu dem Thema kommen auf den Prüfstand und werden mit gewichtigen Argumenten korrigiert. Zu den "Opfern" gehört u. a. auch der "Baumeister" der deutschen Flotte, dem hier nach Kriegsausbruch nur noch eine tragische Rolle zugebilligt wird. Mag diese vielleicht auch in Nuancen überzeichnet sein gewisse Aussagen lassen sich halt durchaus ambivalent deuten so überwiegt doch die kritische Sicht; insbesondere wenn sie dermaßen fundiert verteidigt wird.

Der Aufbau der Arbeit ist chronologisch, wobei den Jahren bis zum Kriegseintritt der USA deutlich mehr Raum gegeben wird. Dadurch wirkt die Schilderung der letzten Kriegsjahre, die ja so entscheidend das Scheitern des Konzeptes des uneingeschränkten U-Bootskrieges verdeutlichen würden, ein wenig, als ob dem Autor "die Puste ausgegangen" wäre. Nehmen wir also an, sein Doktorvater hat zur Beschränkung der Arbeit gemahnt. Überhaupt bietet das ewige für und wieder jenes oben genannten Konzeptes seitens der militärisch verantwortlichen als Allheilmittel beschworen Überraschendes: Anhand der minutiösen Auswertung beider extremen Spielarten, also der warnungslosen Versenkung auf der einen, dem Handelskrieg nach Prisenordnung auf der anderen Seite, weist Schröder schlüssig nach, daß letzterer nur marginal weniger erfolgreich geführt werden konnte allerdings ohne die im ersteren Konzept implizierten politischen Risiken. Seine Kernaussage lautet demnach, daß die Marineführung (später auch die OHL), trotz besseren Wissens und mit allen propagandistischen Mitteln, bei der Reichsleitung den uneingeschränkten U-Bootskrieg durch"boxte", welcher durch den mehrfach angedrohten und daher zwangsläufig auch erfolgenden Eintritt der USA in den Krieg das Reich letztlich in den Abgrund führte. Dieser Ansatz, die Verteidigung des offenbar nicht minder erfolgreichen Krieges nach Prisenordnung, dessen stärkste Befürworter der Reichskanzler Bethmann-Hollweg, der Kaiser und letztlich sogar einige der erfolgreichen Kommandanten selbst waren, ist neu und originär zumindest nach Kenntnisstand des Rezensenten.

Weil der Autor aber so deutlich Position bezogen hat, macht er seine Thesen zwangsläufig zum Ausgangspunkt von Diskussionen ob in der gelehrten Fachwelt, entzieht sich der Kenntnis des Rezensenten, auf jeden Fall haben sie auf der Ebene der interessierten Laien bereits begonnen. Da ist zuvorderst die Schilderung der Person des Kaisers: Dessen spätestens seit "Röhl" nur zu bekannten und analysierten Schwächen in der Wahrnehmung der Realität, finden kaum Eingang in die vorliegende Arbeit; er wird vielmehr im Vollbesitz seiner Kräfte dargestellt. Zwangsläufig muß aber vor allem die Kernthese einer Überprüfung standhalten. Nochmals, vereinfacht gesagt: Durch den Wechsel der Strategie im Februar 1917, von dem Handelskrieg nach Prisenordnung hin zum uneingeschränkten U-Bootkrieg, seien die USA erst offen zum Beitritt zur Allianz gegen Deutschland bewogen worden, deren ökonomisches und militärisches Gewicht selbst durch die zusätzlich erzielten Versenkungen nicht mehr kompensiert werden konnte. Diese Sicht impliziert allerdings, daß die Vereinigten Staaten bis dato streng neutral gewesen wären (was Schröder auf den vorhergehenden Seiten allerdings selbstverständlich nicht einmal versucht zu beweisen die Realität sah bekanntlich ganz anders aus) und von einer Niederlage vor allem Großbritanniens nicht mehr zu befürchten hatten, als von einer Niederlage Deutschlands.

Militärisch diskutabel wird sein Standpunkt weiterhin in dem Moment den Kriegseintritt der USA einmal außer acht gelassen , wenn man die Einführung des Konvoisystems als den Zeitpunkt der Niederlage Deutschlands zur See betrachtet. Jenes hätte den Handelskrieg nach Prisenordnung noch illusorischer werden lassen, als die "brutalere" Variante des Seekriegs. Spätestens also 9 Monate nach der tatsächlich erfolgten Einführung der warnungslosen Versenkung hätte dem Reich ohnehin keine andere Alternative mehr offengestanden!

Weiterhin finden sich noch kleinere Detailfehler, die angesichts der sonst an den Tag gelegten Akribie sicherlich vermeidbar gewesen wären, allerdings am Gesamtbild nichts Entscheidendes ändern: So schreibt der Autor das alliierte Scheitern in der Dardanellenschlacht wesentlich dem Wirken deutscher U-Boote zu, was dann doch ein wenig zuviel der Ehre darstellt. Auch mit dem "Lusitania-Fall" hat er gewisse Schwierigkeiten, da in der Schilderung der Chronologie der Ereignisse die Kernfrage ein wenig untergeht, ob Kapitänleutnant Schwieger im Recht war, auf das Schiff zu schießen oder nicht. In der Straffung der Schilderung des Jahres 1918 geht weiterhin die für das Verhalten Wilsons im Oktober 1918 so wichtige "Leinster-Affäre" völlig unter, was gleichermaßen einer letzten Anmerkung bedarf: Das Werk stützt sich, trotz einer beeindruckenden Quellen- und Literaturauswahl, zumindest hinsichtlich seiner statistischen Daten zu den U-Boot-Erfolgen die immerhin hinsichtlich seiner Schlußfolgerungen von einiger Bedeutung sind auf deutsches Material. Dieses aber, ob KTB oder "Krieg zur See", steht nicht mehr auf der Höhe heutiger Erkenntnisse, da viele beschriebene Erfolge nur vermutet wurden oder, wenn tatsächlich erfolgt, mit einer falschen Tonnage Eingang in die Geschichtsschreibung gefunden haben. Und weil der "Krieg zur See Handelskrieg mit U-Booten Bd. 5" insbesondere für das Jahr 1918 sehr unscharf und spekulativ genannt werden muß, anderes Material aber wohl nicht zur Verfügung stand, bleibt auch die eminent wichtige "Leinster-Affäre" nicht mehr als eine Marginalie.

Trotz der vorstehenden Bemerkungen steht der Rezensent voll zu seiner anfangs gemachten Aussage: Ein vergleichbares Buch hat es bisher noch nicht gegeben! Dazu trägt nicht zuletzt auch die Ausgewogenheit seiner Darstellung bei, welche auf keiner Seite Verfehlungen beschönigt, sondern beim Namen nennt. Das mag für den einen oder anderen Patrioten schmerzlich sein, ist aber insbesondere auch für die deutsche Seite längst überfällig wenn auch in der Gewichtung durchaus variabel gewesen. Das größte Manko des Buches hingegen ist sein geringer Bekanntheitsgrad und die mindestens ebenso schwierige Beschaffung, welche einer weiten Verbreitung entgegenstehen. Und die Verbreitung kann überhaupt nicht weit genug gehen; jeder geschichtlich Interessierte sollte es lesen!

Dirk Nottelmann (2000)


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