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Die deutschen Marinen im Minenkrieg

Autor: Dr. Peter Schubert, Eberhard Weddige, Horst Sohst, Paul Kurze, Egon Wirth
Titel: Die deutschen Marinen im Minenkrieg
Untertitel: Band 1
Seiten: 428
Abbildungen: durchgängig bebildert mit s/w- und Farbabbildungen
Verlag: Books on Demand
Ort, Jahr: Norderstedt, 2006
ISBN 3-8334-5483-0

Mit dieser auf insgesamt drei Bände konzipierten Veröffentlichung nimmt sich erstmals nach langer Zeit im deutschen Sprachraum ein Autor(enteam) des Themas der Seemine und ihrer Verwendung an. Diese lange Vernachlässigung ist um so erstaunlicher, als die Mine seit ihrer massenhaften Verwendung in den Seekriegen des 20. Jh. zu einer wichtigen, für den Ersten Weltkrieg darf man im Gebiet der Nordsee und ihrer Zugänge schon fast sagen: kriegsentscheidenden Waffe geworden ist. Kurz zuvor erst, anläßlich der Besprechung des Minenlegers Nautilus im Hamburger Rundbrief 206, hatte der Rezensent das Fehlen derartig spezialisierter Betrachtungen angemahnt - ohne zu ahnen, daß ein diesbezügliches Werk bereits im Entstehen wäre. Umso größer war die Spannung, zumal angesichts des angekündigten Umfangs. Außerdem waren alle fünf Autoren in der Volksmarine mehr oder minder intensiv mit der Sperrwaffe befaßt.

Nicht minder spannend war die Frage nach der Aufmachung des Buches, scheint doch der Weg über ein semi-selbstproduziertes Buch la "Books on Demand" zur heutigen Zeit der einzige Weg zu sein, ein Thema außerhalb des scheinbar unerschöpflichen "WW II-Kanons" zu publizieren. Wissenschaftliche Werke seien hier bewußt als nicht marktorientiert ausgeklammert. Bedenklich stimmt dabei weiterhin, daß sich diese Tendenz international durchzusetzen scheint - sogar aus Japan gibt es mittlerweile dementsprechende Berichte.

Gegliedert ist dieser erste Band in fünf Hauptabschnitte: "Die historische Entwicklung der Sperrwaffe", "Der Mineneinsatz in einigen Kriegen vor 1914", "Der Entwicklungsstand [...] zu Beginn des I. Weltkrieges [...]", "Die Minenwaffe im I. Weltkrieg" und "Die Minenwaffe zur Zeit der Reichsmarine".

Im ersten Kapitel findet der Leser einen kompakten Abriß über die Geschichte der Mine an sich, sowie über jene ersten rudimentären Entwicklungen zum Schutz der Schiffe, bzw. zur Entfernung der Minenstände. Wohltuend fällt hier z.B. auf, daß nach langer Zeit erstmalig wieder in einer deutschen Publikation begründeter Zweifel an dem ersten offensiven "Mineneinsatz" der Geschichte, dem Angriff der Turtle im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, geübt wird. Das zweite Kapitel widmet sich dann einigen Kriegen vor 1914, wobei bezüglich der Verwendung von Minen der nordamerikanische Bürgerkrieg und der russisch-japanische Krieg Quantensprünge der Entwicklung darstellten. Das dritte Kapitel befaßt sich mit dem Stand der Technik des Minenwesens zu Beginn des "Großen Krieges" bei einigen großen Marinen, während, vornehmlich für die deutsche Marine, die technische Entwicklung bis zum Ende des Krieges fortgeschrieben wird.

Die folgenden 280 Seiten sind der Schilderung der Ereignisse des I. Weltkriegs vorbehalten, während das abschließende Kapitel sich allein aus deutscher Sicht der Zeit von 1919 bis 1935 widmet. Dies als grobe Übersicht - doch wie ist das Material zu werten?

Beginnen wir mit der Frage nach der Aufmachung: Diese kann durchaus überzeugen, wenn man bereit ist, die Randbedingungen mit in die Gesamtbetrachtung einzubeziehen. Man ist (war) es von mehr oder minder renommierten Verlagen gewohnt, für einen vergleichbar hohen Preis - wir sprechen hier von einem Preis oberhalb der berühmt-berüchtigten 50 €- (ehemals 100,- DM-) Grenze - ein gebundenes Buch mit Schutzumschlag und hochwertiger Papierqualität zu erhalten, wobei insbesondere letzter Punkt ein Garant für die hochwertige Reproduktion von Abbildungen jeder Qualität darstellte, wenn nicht sogar zusätzliche Fotoseiten auf Glanzpapier eingefügt waren. Dieser Standard kann nicht ganz gehalten werden, wobei die Papierqualität durchaus gut, allerdings nicht dem angesprochenen Standard vergleichbar genannt werden kann. Auf die Qualität der Abbildungen hat dies allerdings weniger Einfluß als befürchtet - schlechte Vorlagen bleiben in der Wiedergabe schlecht, gute Vorlagen hingegen gut. Die gesamte Bandbreite dessen findet man übrigens in dieser Veröffentlichung, wobei ein weiteres Mal mehr Sorgfalt hinsichtlich der Bildbeschriftungen wünschenswert wäre. Ein großes Manko der gewählten Veröffentlichungsform findet man allerdings an anderer Stelle, und das leitet direkt über auch zur inhaltlichen Bewertung.

In vorliegendem Fall deutet alles darauf hin, daß aus dem umfangreichen Betreuungsangebot des Verlages eine Variante ohne lektorielle Betreuung gewählt wurde. Dieser Verlag bietet nämlich dem angehenden Autor sogenannte Servicepakete an, welche, abhängig vom Preis für die Herausgabe des Buches, eine Betreuung der Edition bis hin zum "rundum-sorglos-Paket" bieten. So eben auch einen Lektoriatsservice. Zwar wären die meisten "normalen Lektoren" mit der inhaltlichen Betreuung eines Fachbuches dieser Art überfordert, doch findet sich hier eine gewisse Anzahl rein grammatikalischer Fehler, welche jener genannten Spezies sicher aufgefallen wäre. Eine fachliche Betreuung - oder auch nur ein Gegenlesen unter den Autoren - fand aber offenbar ebenfalls nicht statt, denn die Anzahl der sachlich-fachlichen Fehler ist Legion. Dies wiederum ist angesichts der sicherlich unzweifelhaften Fachkenntnis aller Autoren etwas erstaunlich, leitet aber in letzter Konsequenz über zu dem "Hauptnegativum" des gesamten Bandes.

Die Fehler finden sich nicht in den technischen Ausführungen zu Minentypen, dem Minenlegen oder -suchen. Sie treten vor allem in den allgemeinen seekriegshistorischen Schilderungen auf - und mit diesen ist das Buch leider überbordet. Wenn sich das Autorenquintett auf die Darstellung jener Thematik entsprechend des gewählten Buchtitels beschränkt, und beispielsweise den gegen Ende des Krieges immer aussichtsloser und dramatischer werdenden Kampf der Minensucher in der Nordsee in detaillierter Form vorgenommen hätte, wäre vermutlich ein spannendes, innovatives, am Thema orientiertes Buch dabei herausgekommen. Doch von diesen Attributen ist es weit entfernt.

Der Leser findet hier eine Darstellung des I. Weltkrieges, welche nicht einmal nur auf die Geschehnisse zur See beschränkt ist, mithin also stellenweise sogar das Thema vollständig verfehlt. In Breite wird ansonsten nahezu jedes größere Ereignis des Seekrieges angegangen, selbst wenn es von einer Verwendung der Mine wahrlich meilenweit entfernt ist. Die Fahrt der Emden, Graf Spees Kreuzfahrt, die Schlacht bei Helgoland und bei der Doggerbank stellen die Spitze des Eisbergs dar, mehr oder minder abgestuft folgen noch ungezählte weitere Ereignisse, welche nicht alle aufgezählt werden brauchen. Wenn es nach der inhaltlichen Gewichtung ginge, hätten die Autoren gut auf den minenspezifischen Teil des Buches verzichten, und eine moderne Seekriegsgeschichte des I. Weltkriegs in deutscher Sprache vorlegen können - welche nebenbei bemerkt noch immer fehlt. Der Titel hätte somit ungleich treffender, "Die deutschen Marinen im Seekrieg" lauten dürfen. Dann aber hätte auch die Quellenlage erheblich breiter und vor allem moderner sein müssen.

Wem aber soll diese Veröffentlichung in vorliegender Form zugute kommen? Die Geschichte der deutschen Sperrwaffe (vor 1933) ist es noch immer nicht, der Inhalt gibt fachspezifisch nur wenig mehr her als eine Kombination der Veröffentlichungen von "Ledebur" und "Cowie", läßt aber erhellende frühe Spezialliteratur wie beispielsweise das "Handbuch für das Minensuchgeräth C/1900" völlig außen vor. Und solange eine moderne deutsche Seekriegsgeschichte des I. Weltkrieges noch nicht geschrieben worden ist, darf man sich hinsichtlich der Operationsgeschichte weiterhin lieber auf den "Krieg zur See" verlassen. Hier ist sicherlich in guter Absicht eine Menge Arbeit investiert worden, welche mehr zielorientiert Gutes hätte hervorbringen können. So aber bleibt man ratlos davor sitzen und fragt, was wohl der folgende Band ändern wird.

Dirk Nottelmann (2006)


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