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Die englisch-russische Marinekonvention

Autor: Stephen Schröder
Titel: Die englisch-russische Marinekonvention
Untertitel: Das Deutsche Reich und die Flottenverhandlungen der Tripelentente am Vorabend des Ersten Weltkrieges
Seiten: 790
Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht GmbH
Ort, Jahr: Göttingen, 2006
ISBN 978-3-525-36069-9

Hier liegt ein wahrhaft gewichtiges Werk dem interessierten Leser vor, welches wieder einmal das Resultat einer philosophischen Dissertation - in diesem Falle an der Universität Bonn angenommen - darstellt. Leider ist ja bekanntlich die deutsche Forschung mit nachfolgender Veröffentlichung der Ergebnisse zum größten Teil auf diese klassischen Kanäle zurückgefahren worden, weil nur auf diesem Wege ein Verlag auch für vermeintliche Randthemen gewonnen werden kann. Aber diese Problematik ist bereits öfter thematisiert worden, sie läßt sich halt nicht ändern. Sie stellt hier auch mitnichten einen Nachteil dar.

"Welt, was hast Du Dich verändert" ist man geneigt zu sagen, wenn man ein gutes halbes Jahrzehnt zurückdenkt an den Tag, an dem der Rezensent im Lesesaal des Bundesarchivs/Militärarchivs in Freiburg auf einen Herrn Schröder traf, welcher erzählte, er hätte als Thema seiner Dissertation die englisch-russische Marinekonvention von 1914 erhalten (oder gewählt); ob darüber in der Marineforschung näheres bekannt sei? Zwischen diesen ersten vorsichtigen Anfängen und der Präsentation der Arbeit im Wintersemester 2003/4 liegt eine nahezu detektivische Spürarbeit auf breitester Quellenbasis, welche dem Autor zu Beginn so wahrscheinlich selbst nicht vorgeschwebt hat.

Worum geht es aber im Einzelnen bei dem Begriff "englisch-russische Marinekonvention", von welcher auch der Rezensent vor dem Lesen des Buches nur rudimentäre Vorstellungen hatte? Nun, es geht um nichts weniger als eine der Schlüsselursachen für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Jahre 1914! Die Fakten:

Wie bereits anläßlich der Rezension des Buches "Das Deutschlandbild in der britischen Presse 1912-1919" angedeutet, hatten sich die Beziehungen zwischen Großbritannien und dem Deutschen Reich zu Beginn des Jahres 1914 vergleichsweise positiv entwickelt. Das kam nicht von ungefähr. Großbritannien hatte auf dem Gebiet der Marinerüstung seinen Rivalen deutlich in die Schranken gewiesen und wußte dies auch, fühlte sich also nicht mehr herausgefordert oder gar bedroht. Auf der anderen Seite waren die führenden Männer der deutschen Außenpolitik, an der Spitze der Reichskanzler Theobald v. Bethmann-Hollweg, angetreten, um durch die Annäherung an Großbritannien die einzige politische Handlungsalternative zu probieren, die dem Deutschen Reich noch verblieben war. Schließlich erschien zu Beginn der zweiten Dekade des 20.Jh. die europäische Welt in zwei Blöcke aufgeteilt, den Dreibund Deutschland-Österreich-Ungarn-Italien sowie den Zweibund Rußland-Frankreich mit der entente cordiale zwischen Frankreich und Großbritannien in der Hinterhand. Festgefügt stellte sich dabei allerdings nur die Achse St. Petersburg - Paris dar, der Dreibund litt grundsätzlich an der latenten Gegnerschaft zwischen Wien und Rom sowie an der besorgniserregenden Perspektive des Vielvölkerstaates Österreich-Ungarn als Großmacht.

Niemand wußte dies besser als die leitenden Herren der Reichspolitik, und so sah man sich rechtzeitig nach einem "Partner" um, der die machtpolitische Schwäche der Partner in der Zukunft kompensieren könnte. Eine Sprengung des Zweibundes hingegen galt aus den verschiedensten Gründen als wenig wahrscheinlich.

Der umworbene "Bündnispartner" hingegen hatte eigene Sorgen und Vorstellungen. Sicherlich war ein entspanntes Verhältnis zur derzeit führenden Kontinentalmacht durchaus wünschenswert, doch Großbritannien war ein Empire, mit Problemen an jenen Extremitäten des Gebietes, die durch eine Verständigung mit dem Deutschen Reich nicht gelöst werden konnten. Der Schlüssel dazu lag in St. Petersburg. Die dortigen Verantwortlichen hatten ebenfalls ein Ziel, sie wollten - als Bündnispartner Frankreichs über dessen Abmachungen mit dem Inselreich gut informiert - eine Vereinbarung entsprechend der geheimen Konvention über die Dislokation der jeweiligen Flotten im Kriegsfall. Auf diesem Wege sollte Großbritannien dem Zweibund engstens verbunden werden, die bestehende Entente letztlich zur Tripelentente ausgebaut werden. Es versteht sich von selbst, daß Frankreich keine Einwände gegen ein solches Vorhaben hatte, ja sogar als Katalysator funktionierte, da es argwöhnte, über kurz oder lang könnten sich die Beziehungen zwischen Rußland und dem Deutschen Reich wieder entscheidend verbessern. Rußland scheute sich auch nicht, recht unverblümt auf die Konsequenzen für Großbritannien im Falle einer Ablehnung der Wünsche hinzuweisen; auch das Empire wurde damals in heute bekannter Weise "am Hindukusch verteidigt".

Die britische Regierung befand sich in einer echten Zwickmühle, einerseits wollte sie das zarte Pflänzchen der Annäherung zu Deutschland nicht riskieren, andererseits konnte sie dem "brutalen Werben" Rußlands nichts entgegensetzen. Weiterhin galt es zu bedenken, daß sich die offensiven Vorteile einer Marinekonvention erst ab ca. 1918 einstellen würden, wenn die russische Ostseeflotte wieder zu einem respektablen Faktor geworden sein sollte, welcher eine Diversionswirkung auf die Deutsche Flotte ausüben könnte.

Letztlich war es im Wesentlichen die Unversehrtheit des Empires an der indischen Grenze, welche den Ausschlag gab, in die Konventionsverhandlungen einzutreten. Diese wurden dann sehr freimütig und offen geführt, nach außen hin aber strikt Geheim gehalten, um doppelgleisig auch weiterhin gute Beziehungen zu Deutschland zu unterhalten. Der Abschluß der Konvention war für August/September geplant, doch die Weltgeschichte hatte einen anderen Verlauf im Sinn.

Zunächst kam es zum - weitgehend unbemerkten - diplomatischen Eklat, weil ein deutscher Spion in der russischen Botschaft in London die Gespräche verriet. Berlin war dadurch nicht nur über die im Gang befindlichen Verhandlungen bestens informiert, sondern auch in Umrissen über den Inhalt der vorher abgeschlossene Marinekonvention zwischen Frankreich und Großbritannien, die als Muster diente. Nun konnte das neuerworbene Wissen von Deutschland aus aber nicht publik gemacht werden, ohne die Quelle zu desavouieren. Also bediente man sich zunächst der Presse, um von der Wilhelmstraße lancierte Artikel publik zu machen, welche über mögliche Konventionsgespräche orakelten. Die beabsichtigte Wirkung in Großbritannien - ein Aufschrei vor allem der liberalen Presse bezüglich eines Zusammengehens mit dem "russischen Bären", dem "undemokratischten Land in Europa" - fiel allerdings enttäuschend aus. Kein Anzeichen sprach dafür, daß die Gespräche womöglich gekippt werden könnten. Den Gipfel an Selbstverleugnung lieferte dann Außenminister Grey, welcher dem deutschen Botschafter gegenüber die Existenz von Geheimverhandlungen rundweg ableugnete.

In diesen status quo fielen die Schüsse von Sarajevo. Der deutsche Reichskanzler stand vor den Scherben seiner Politik. Kein Wort mehr von friedlicher und cordialer Koexistenz mit dem Inselreich, Großbritannien der Tripelentente näher als zuvor, was letztlich bedeutete, daß auf eine Neutralität des Empires in einem Kontinentalkrieg nicht mehr gerechnet werden konnte. Er mußte sich an diesem Punkt zwangsläufig der Worte der führenden Militärs erinnern, nachdem Rußland in weiteren zwei Jahren unschlagbar sein würde, wo auf der anderen Seite noch ein Strohhälmchen britischer Neutralitätspolitik, und wenn auch nur für einen begrenzten Zeitraum, zu erhoffen war. Was also sollte er unternehmen?

Die politisch korrekte Antwort unserer Tage lautet selbstverständlich, er hätte klein beigeben müssen. Deutschland hätte eines Großmachtstatus nicht bedurft und sich den übrigen mächtigen Staaten Europas unterordnen können. Rußland stellte keine Gefahr dar, denn sein Zar war bekanntlich friedliebend, und Frankreich wäre mit der Rückgabe von Elsaß und Lothringen schon milde gestimmt worden. Eine sonnige friedliche Zeit hätte vor Deutschland gelegen. Doch Bethmann-Hollweg, der Kaiser und vor allem die Militärs wollten den Krieg mit allen Mitteln, schließlich galt es Kolonien und Lebensraum zu erwerben, und stellten aus jenem Grund Wien zu Beginn des Juli 1914 den berühmten Blankoscheck für ein scharfes Vorgehen gegen Serbien aus. So oder nur in Nuancen variiert sah lange Zeit die offizielle deutsche, ganz zu schweigen von der internationalen Historiographie aus.

Wer allerdings mehr wissen, bzw. den aktuellen Forschungsstand kennenlernen möchte, der lese dieses Buch! Mehr soll zu seinen Schlußfolgerungen nicht gesagt werden.

Dabei macht es der Autor dem Leser keineswegs leicht, ist doch der Inhalt zuvorderst an die Adresse der bewertenden Akademiker gerichtet, um eine gute Note zu erhalten. Man darf diesen Aspekt nicht aus den Augen verlieren, trägt er doch nicht unbedingt zur Lesbarkeit bei. Wo Professoren gerne eine Betrachtung aus jedem nur denkbaren Winkel unter Heranziehung aller möglichen Quellen bevorzugen, wünscht sich der "normale" Leser eine straffere Darstellung. Und diese Arbeit dürfte das Herz der Prüfer erfreut haben. Die Bewertung wird zwar verschwiegen, sie kann aber nach Ansicht des Rezensenten nur "summa cum laude" mit Prädikat gelautet haben. Es bleibt schlicht und einfach keine Frage offen. Dem Rezensenten ist keine Arbeit bekannt, welche derart erschöpfend die Schlüsselfragen zum Ausbruch des Krieges behandelt und auch löst. Die Kausalität der Gedanken der verantwortlich handelnden Personen - der Kaiser gehörte übrigens interessanterweise nicht dazu - wird mit zwingender Logik ausgebreitet.

Eine einzige Frage bleibt allerdings unbeantwortet - muß unbeantwortet bleiben - was ewigen Raum für Spekulationen läßt: Was wäre ohne Sarajewo geschehen? Wer hingegen nach der Lektüre der Arbeit weiter an der Alleinschuld Deutschlands für den Kriegsausbruch festhält, muß in die Welt der Spiritisten eingeordnet werden. Mit rationaler Betrachtung der Fakten hat dies dann nichts mehr gemein.

Am Ende steht eine vorsichtige Empfehlung des Buches. Vorsichtig nicht ob des Inhaltes, sondern um der "Arbeit" des Lesens. Es verlangt dem Interessenten einiges ab!

Dirk Nottelmann (2007)


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