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Die trügerische "First Line of Defence"

Autor: Eva Besteck
Titel: Die trügerische "First Line of Defence"
Untertitel: Zum deutsch-britischen Wettrüsten vor dem Ersten Weltkrieg, Einzelschriften zur Militärgeschichte Band 43
Seiten: 215
Abbildungen und Karten: 12
Verlag: Rombach Verlag KG
Ort, Jahr: Freiburg, 2006
ISBN 3-7930-9477-7

"Heureka"!!! Dieser Archimedes zugeschriebene Ausdruck beschreibt am besten die Stimmung des Rezensenten, nach der Lektüre des vorgelegten Buches. Wer will, kann es auch mit den (abgewandelten) Worten Neil Armstrongs anläßlich des ersten Schrittes auf dem Mond kommentieren: Ein kleines Buch für einen Menschen, ein großer Sprung für die Geschichtswissenschaft! Was aber macht dieses eher unscheinbare "Büchlein" - es hätte tatsächlich mehr verdient, als den Charakter eines Paperbacks - mit dem gleichermaßen kryptischen Titel so wertvoll?

Vordergründig betrachtet ist es "nur" eine Betrachtung des im Untertitel beschriebenen maritimen sogenannten "Wettrüstens" zwischen Großbritannien und dem Deutschen Reich nach der "Dreadnought-Revolution", anhand der heute aktuellen Quellenlage. Aber genau darin liegt der große Gewinn. Die bislang eher unbekannte Autorin zog maximalen Gewinn aus ihrer Übersetzertätigkeit für das bahnbrechende Werk Rolf Hobsons, "Imperialism at Sea", ins Deutsche, die bekanntlich 2004 unter dem Titel "Maritimer Imperialismus" unter dem "Dach" des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes veröffentlicht wurde. Außerdem aber nahm sie sich intensiv der besonders zum Ende der 1990er Jahre im angelsächsischen Sprachraum erschienenen Arbeiten - vor allem zum "Innenleben" der Entwicklung der Royal Navy - an. Diese Veröffentlichungen wurden bislang - mit Ausnahme Grießmers - von der deutschen offiziellen Forschung galant ignoriert, was dem hier vorgelegten Material den Charakter eines mittleren Donnerschlags verleiht.

Es geht um nichts geringeres als die Revision der offiziellen Geschichtsschreibung in Deutschland bezüglich der Auswirkungen des deutschen Flottenbaues ab 1898. Dabei verhehlt die Autorin keinesfalls - wie sollte sie auch -, daß es in den Jahren bis 1914 eine maritime Hochrüstung gegeben hat. Diese war allerdings allgemein und nicht auf den betrachteten geographischen Raum beschränkt - eigentlich eine Binsenweisheit, doch in der deutschsprachigen Historiographie allzuoft übersehen. Die Charakterisierung eines Wettrüstens hingegen impliziert die Form eines "Aktions-Reaktions-Mechanismus" (ein sehr treffender Term der Autorin), letztlich mit der Absicht, einander "tot zu rüsten". Dies konnte Deutschland bekanntlich niemals, selbst wenn es in den geheimsten, bislang aber noch nicht ans Tageslicht gebrachten Gedanken Tirpitz gelegen haben sollte. Den Ablauf der Rüstung auf deutscher Seite hat zuletzt Grießmer wohl abschließend dargelegt, es bleibt da wenig Raum für Spekulationen. Großbritannien hingegen kostete es nur eine kurzfristige Anstrengung im Jahre 1909, die Verhältnisse für sich ein für alle Mal vorteilhaft zu gestalten.

Besonders interessant und auch originär sind die Gedanken der Autorin hinsichtlich der Asymmetrie dieser Hochrüstung im Nordseeraum. Sie stellt dabei primär die Erkenntnisse John Lamberts hinsichtlich der Seekriegstheorien Jacky Fishers den Leitgedanken und Überzeugungen Tirpitz' gegenüber. Hier das unbedingte Festhalten an der Flottenschlacht als ultima ratio einer Flotte, dort die Kleinkriegsführung in einem Randmeer unter gleichzeitigem weiträumigen Abschnürens des Gegners. Mit dem überzeugenden Ansatz, letztlich von einer Fehlplanung der Deutschen Flotte im strategischen Sinne auszugehen, konzidiert sie dennoch eine Richtigkeit der Tirpitzschen Gedanken - bis zu dem Zeitpunkt wo Großbritanniens Planer die konservativen Denkmuster verließen, die symmetrische Rüstung also zu einer asymmetrischen wurde.

In diesem Zusammenhang ist auch der Buchtitel zu sehen. Die "first line of defence" Großbritanniens war traditionell immer die Küste des Gegners gewesen, verkörpert durch eine seerechtlich gedeckte enge Blockade. In den 1890er Jahren hatte Tirpitz keinen Grund dafür eine Änderung jener Doktrin anzunehmen, konzipierte seine Flotte also in Erweiterung des Stosch'schen Ausfallgedankens - wenn man ihm grundsätzlich unterstellen will, er hätte zu dem Zeitpunkt überhaupt an Großbritannien als Gegner gedacht, was zu Beginn der 90er Jahre noch eher an eine Utopie grenzte. Erst um die Zeit des Ersten Flottengesetzes, im Nachgang zu dem berüchtigten "Krüger-Telegramm" des Kaisers, wurde die Marine mit einer möglichen Gegnerschaft Großbritanniens konfrontiert, was bekanntlich der Einbringung des Gesetzes im Reichstag durchaus förderlich war. "Trügerisch" wurde diese "first line of defence" allein dadurch, daß die Kaiserliche Marine die (durchaus vorhandenen) Zeichen der Zeit nicht richtig zu deuten wußte und ihre ganze Strategie weiterhin auf die Schlacht in den Gewässern um Helgoland ausrichtete.

Wie ihr "Vordenker" Hobson auch, stellt die Autorin einen permanenten Vergleich zwischen der tatsächlich durchgeführten Rüstung bis 1914 und den Postulaten der berühmten "Denkschrift IX" des Jahres 1894 aus der Feder von Tirpitz an. Um dem Leser die Betrachtung verständlicher zu machen, ist diese erstmals in vollständiger Form im Anhang abgedruckt. Bei der Analyse der strategischen Denkweise hinsichtlich der unterschiedlichen Kriegsszenarien bezieht sie sich weitgehend auf "Lambi", bei der Taktik auf die beiden von Tirpitz unterdrückten Schriften (Veröffentlichungen wäre zuviel gesagt) von Maltzahn. Bis dato gibt es nichts Besseres zu beiden Themen.

Um nicht mißverstanden zu werden, sei hier nochmals deutlich herausgestellt, daß es sich bei der vorgelegten Arbeit mitnichten um eine Verherrlichung des deutschen Flottenbaues handelt, sondern um eine kritische Analyse. Anders aber als ihre recht zahlreichen Vorgänger ist die Autorin deutlich um Objektivität bemüht, was sich eben insbesondere auch an den zahlreichen zu Rate gezogenen internationalen Quellen manifestiert. Frei von dem spätestens seit den 1960er Jahren gepflogenen Erzdogma einer irrationalen Singularität der deutschen Marinerüstung jener Jahre, stellt sie jene in den Kontext der Zeit und relativiert sie somit automatisch. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit für jeden Historiker sich aller erreichbarer Quellen zu bedienen, aber in der Vergangenheit offenbar ungeheuer schwer, wenn eine vorgefaßte Meinung entlang der staatstragenden Gedanken formuliert werden muß.

Als Quintessenz bleibt für den Rezensenten neben vielem anderen die Erkenntnis, daß sein Credo eine deutliche Stärkung erfahren hat, der Begriff "Hochseeflotte" sei die wohl größtmögliche falsche Etikettierung in der deutschen Militärgeschichte überhaupt, es handelte sich vielmehr um die größte und teuerste Küstenschutzmarine aller Zeiten. Von dieser Prämisse ausgehend stehen wir hoffentlich wirklich am Beginn einer neuen Denkweise, auch wenn diese sich vermutlich erst in einer weiteren Generation auch bis in das letzte Schulbuch herumgesprochen haben wird.

Bedarf es abschließend für das "Geschichtsbuch" des Jahres 2006 noch einer Empfehlung?

Dirk Nottelmann (2007)


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