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Die deutsche Yangtse-Patrouille

Autor: Cord Eberspächer
Titel: Die deutsche Yangtse-Patrouille
Untertitel: Deutsche Kanonenbootpolitik in China im Zeitalter des Imperialismus 1900-1914
Kleine Schriftenreihe zur Militär- und Marinegeschichte Bd. 8
Seiten: 372
Verlag: Winkler-Verlag
Ort, Jahr: Bochum, 2004
ISBN 3-89911-006-4

Vom Entstehen dieser Arbeit, jetzt als Band Nr. 8 der o.g. Schriftenreihe veröffentlicht, munkelte man in eingeweihten Kreisen schon lange mit einiger Erwartung, war doch sowohl eine wissenschaftliche, als auch eine "populärwissenschaftliche" Betrachtung der deutschen Kanonenbootspolitik in China seit langem ein Desiderat. Mit der Einschränkung, daß sich der Blickwinkel dieser Arbeit primär auf die Ereignisse im Bereich des Yangtse-Flusssystems bezieht und beispielsweise die südchinesische Station ausklammert, ist bereits im Vorwege zu konstatieren, daß die Forschungslücke jetzt geschlossen wurde. Was noch fehlt, ist die zweitgenannte Betrachtungsweise, soll heißen, auf der Basis des vorliegenden Materials das umfangreich vorhandene Fotomaterial einer Veröffentlichung zuzuführen. Doch das wird wohl ein Wunschtraum bleiben müssen, aus Gründen, die hier aufzuführen zu weit ginge.

Die Arbeit stellt nichts anderes als die philosophische Dissertation des Autors dar, angenommen an der Universität in Hamburg, im Jahre 2002. Und man darf es durchaus als Glück betrachten, daß derartige Hochschulschriften in den vergangenen Jahren vermehrt durch spezialisierte Verlage der breiten Öffentlichkeit präsentiert wurden und werden, da ohne große Übertreibung behauptet werden kann, daß der klassische Verlagsmarkt hinsichtlich speziell marinespezifischer Themen in Agonie liegt.

Der Autor beginnt seine Arbeit mit zwei Zitaten aus unterschiedlichsten Quellen, welche aber für das Nachfolgende perfekter nicht gewählt werden konnten. Mit dem einen erinnert er an den Roman "The Sand Pebbles" von Richard McKenna, der dem breiten Publikum besser bekannt ist unter dem selbsterklärenden Filmtitel "Kanonenboot auf dem Yangtsekiang". Das andere Zitat stammt aus der Feder Bismarcks und ist es Wert, im Rahmen dieser Rezension nochmals zitiert zu werden, weil es zeitlos, weitsichtig und somit auch von beklemmender Aktualität ist:

"Alle Staaten der Erde verkehren höflich und freundschaftlich, aber das ist alles nur rein äußerlich. In Wahrheit denken die Regierungen ganz anders: von dem stärkeren Staate wird immer Druck auf den schwächeren ausgeübt, der kleine wird vom großen verachtet.[...] Das Völkerrecht bezweckt, die rechtliche Ordnung der einzelnen Staaten zueinander aufrecht zu erhalten; wenn aber ein großes Reich Differenzen mit einem anderen Staate hat, dann wird es alles dem Völkerrecht entsprechend machen, vorausgesetzt, daß dies für es vorteilhaft ist; wenn dies aber nicht der Fall ist, dann will es vom Völkerrecht nichts wissen und vertritt seine Ansprüche mit Gewalt. [...]

Während jenes generalisierende Zitat nicht zuletzt die politische Ohnmacht des vergleichsweise rückständigen China zum Ende der Mandschu-Dynastie in der zweiten Hälfte des 19.Jh. treffend beschreibt, zeigt der Film in vergleichsweise glaubwürdiger Weise den Alltag eines Stationärs der Großmächte auf Chinas großem Strom. Der breiten Öffentlichkeit hierzulande aber kaum noch bekannt ist die Tatsache, daß auch ein deutsches Flußkanonenboot als Vorlage für einen derartigen Film hätte herhalten können, schlicht und einfach aus dem Grunde, weil es diese Fahrzeuge überhaupt gab. Die mangelnde filmische Aufarbeitung dieses Kapitels deutscher Geschichte ist insofern bemerkenswert, als sein Beginn durch den "Boxeraufstand" – Wilhelms II. "Hunnenkrieg" – markiert wird, welcher eine prächtige Kulisse mit vielen "bösen Deutschen" abgeben könnte.

Zum Glück bewegt sich die vorliegende Arbeit demgegenüber auf durch und durch sachlichem Niveau. Nach einigen einführenden Kapiteln, die Entwicklung der internationalen Kanonenbootpolitik im Reich der Mitte betrachtend, folgt eine Darstellung des "Boxeraufstands", dem die Initialzündung der deutschen "Yangtse-Patrouille" entsprang, das deutsch-britische Yangtse-Abkommen vom Oktober 1900. Hintergrund dieses Abkommens war reiner Pragmatismus, nämlich das jeweilige Eingeständnis eigener Schwäche im Yangtse-Tal. Deutschland hatte im Zuge des "Boxeraufstands" zwar das größte Militärpotential in die Region entsandt, wäre im Konfliktfall mit den übrigen Kolonialmächten aber trotzdem hoffnungslos unterlegen gewesen. Großbritannien hingegen war militärisch in Südafrika gebunden und hätte einer Koalition ebenfalls wenig entgegenzusetzen gehabt. Das Prinzip der "open door" in der Yangtse-Region blieb gewahrt, wobei die latente Rivalität am besten in dem präsentierten Zitat zum Ausdruck kommt: "Da wir nicht darauf rechnen können, den Jangtse – wenigstens in absehbarer Zeit – zu monopolisieren, sollte unsre Aufgabe sein, wenigstens zu verhindern, daß England ihn monopolisiert", so ein Zeitgenosse an Bernhard v. Bülow.

Zur Ausübung einer "Kanonenbootpolitik" bedarf es vor allem eines, nämlich Kanonenbooten. Wenn auch der Yangtse einige hundert Kilometer weit für Seeschiffe befahrbar ist, was theoretisch und praktisch die Entsendung von Stationskreuzern ermöglichte, blieb doch der Oberlauf nur für flachgehende Fahrzeuge erreichbar. Als besonders tückisch zeigte sich dazu noch die Gebirgsstrecke (dort wo heute der berühmt-berüchtigte "Drei-Schluchten-Damm" entsteht), deren Bezwingung Fahrzeuge mit großer Maschinenleistung bedurfte. Das erste deutsche Kanonenboot, die Vorwärts, ein angekaufter Flußdampfer, war dazu noch nicht in der Lage. Somit rief die Situation nach einem Neubau. Dieser, die spätere Vaterland, wurde primär aus Sammlungen des Deutschen Flottenvereins (Hauptgeldgeber waren in China involvierte hanseatische Kaufleute) finanziert, da der Etat des Reichs-Marine-Amtes zur Durchführung der Flottengesetze benötigt wurde. Im September 1904 in Shanghai in Dienst gestellt, erfüllte das Schiff dennoch nicht alle Erwartungen, vor allem nicht die Möglichkeit einer ganzjährigen Befahrung des oberen Yangtse. So mußte im Jahre 1908 ein weiteres Flußkanonenboot in Auftrag gegeben werden, die Otter, was allerdings auch den erwünschten Effekt hatte, jeweils eines in die Werft entsenden zu können, ohne die Station vollständig aufzugeben. Die Schilderung der Umstände um diese Fahrzeuge dürfte auch jenen Leser/"shiplover" fesseln, dessen Interesse vielleicht nicht unbedingt die vielfältigen politischen Hintergründe umfaßt, welche nichtsdestoweniger zum Verständnis unbedingt notwendig sind.

Sei es die Herausforderung der chinesischen Souveränität in der "Poyang-Frage" – einer Frage nach der Befahrung chinesischer Gewässer außerhalb des eigentlichen Konzessionsgebietes –, sei es die Schilderung der chinesischen Revolutionen von 1911 und 1913 oder einfach nur die Betrachtung der Aufgaben eines Stationärs in Zentralchina: Dieses Werk läßt wenige Fragen unberührt und vor allem auch ungeklärt. Dabei handelt es sich nicht unbedingt um leicht zu lesenden Kost – was in der Natur der Sache einer philosophischen Dissertation liegt. Der Rezensent bekennt auch hier freimütig, das eine oder andere Mal diagonal gelesen zu haben, wenn es um reine Chinainterna ging. Das größte Manko, wenn man es denn so bezeichnen möchte, liegt allerdings in der Geographie in Verbindung mit der Sprachwissenschaft begründet: Wer sich ein wenig in der zeitgenössischen Literatur zur deutschen Marine in China auskennt, hat zwangsläufig auch die damalige Terminologie der Ortsnamen übernommen. In der vorliegenden Arbeit wird aber – sicherlich wissenschaftlich korrekt – die heute gültige Transliteration der Ortsnamen verwendet. Das mag bei Nangking = Nanjing noch ohne große Mühe erkannt werden, bei vielen anderen Orten trifft das nicht zu. Hier hätte eine "unwissenschaftliche" Doppelbezeichnung sicherlich einiges erleichtert.

Als Fazit bleibt eigentlich nur das Eingangs verwendete Wort vom Lückenschluß zu wiederholen. Hier dürfte uns das Standardwerk der kommenden Jahre zum Thema vorliegen. Mehr ist nicht zu sagen.

Dirk Nottelmann (2004)


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