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Die Flotte des Kaisers

Autor: Günter Lanitzki
Titel: Die Flotte des Kaisers
Untertitel: Kriegsschiffe unter deutscher Flagge um die Jahrhundertwende.
Seiten: 123
Abbildungen: 58
Verlag: Das Neue Berlin Verlagsgesellschaft
Ort, Jahr: Berlin, 2001
ISBN 3-360-01017-5

Wer kennt sie nicht, jene nahezu fotorealistischen Ansichten deutscher Kriegsschiffe um die Jahrhundertwende, gemalt von dem „Marinemaler“ H. Graf [über den, zumindest dem Rezensenten, faktisch kein biographisches Material vorliegt; erstaunlich bei seiner Qualität], die noch heute gern als Illustrationsmaterial für Bücher mit dem Thema Kaiserliche Marine verwandt werden? Insgesamt spricht man von drei Auflagen seiner Bildermappen, in die letzte(n) gingen bereits Darstellungen der ersten deutschen „Dreadnoughts“ ein, allerdings ging auch die Qualität der Darstellung stark zurück. Bei den hier reproduzierten Abbildungen handelt es sich nach Aussage des Autors ausschließlich um solche der ersten Mappe, veröffentlicht um 1903.

Der Aufbau der vorliegenden Veröffentlichung ist dergestalt, daß auf den ersten 33 Seiten eine Einführung gegeben wird, zunächst über die Entstehungsgeschichte der Originalmappe, anschließend dann über die Geschichte der deutschen Flotten, vom Großen Kurfürsten an bis zum Ende der Kaiserlichen Marine. Die restlichen Seiten sind der Wiedergabe der 38 Einzelblätter vorbehalten, am Rande noch mit einer Kurzbiographie des jeweils dargestellten Schiffes versehen. Als Abschluß finden wir noch zwei hochinteressante, wenn auch nicht zum Thema passende Faksimiles, aus dem Archiv des Reichs-Marine-Amtes stammend: Zum einen ein Blatt mit den technischen Daten der meisten während des Krieges fertiggestellten Großen Torpedoboote, zum anderen eine Übersicht über die während des Krieges fertiggestellten FM-Boote und deren Schicksal.

So wie die inhaltliche Gliederung zerfällt auch die Wertung in zwei Teile. Die Qualität sowohl der Originalabbildungen als auch der hier vorgelegten Reproduktionen ist über jede Kritik erhaben. Man merkt ihnen die fotorealistische Nachbildung der dem Maler seitens des Reichs-Marine-Amtes zur Verfügung gestellten Originalfotos an. Modellbauer können sie ohne weiteres als Quelle heranziehen, mit einer – allerdings wesentlichen – Einschränkung: Auf die Farbgebung der Schiffe – ein in entsprechenden Kreisen seit Generationen diskutiertes Thema – darf man sich keinesfalls verlassen! Eine Heimdall in Tropenanstrich, wie sogar auf dem Umschlag abgebildet, hat es niemals gegeben, ebensowenig wie eine Fürst Bismarck oder Iltis in weiß-grauem Anstrich. Dabei hat Graf sich möglicherweise auf die Vorschrift der Farb-Nr. 8 bezogen, die allerdings bereits 1898 durch die Farb-Nr. 11 abgelöst worden war. Hier muß man einfach akzeptieren, daß zugunsten etwas vereinfachten Steindrucks ein wenig mit der künstlerischen Freiheit gearbeitet wurde. Seiner Majestät soll es dem Vernehmen nach jedenfalls außerordentlich gut gefallen haben.

Der zweite Teil der Gesamtwertung fällt leider deutlich schlechter aus. Wie bei dem jüngst besprochenen „Pearl Harbor-Buch“ kann man auch hier nur davor warnen, den Begleittext als Basis seines geschichtlichen Wissens zu benutzen. Es beginnt mit der Geschichte der Bildmappe an sich: Dem Text nach wäre die Idee dazu in einer Herrenrunde im Hause von Tirpitz, anläßlich dessen 50. Geburtstages im Jahre 1899, geboren worden, um Seine Majestät von der Idee einer Schlachtflotte, anstelle der von jenem favorisierten Kreuzerflotte, zu überzeugen. Hier bekommt Lanitzki offensichtlich einiges durcheinander, denn obwohl die Kreuzer“philie“ des Kaisers bekannt war, bestand nach der Annahme des I. Flottengesetzes im Jahr zuvor keinerlei Befürchtung in dieser Hinsicht mehr; der Kurs in Richtung Schlachtflottenbau stand. Der Marineoberbaurat Presse wir mit den Worten zitiert: „Seine Majestät wertete das [Geschenk, die Originalgemälde der Mappe] als Vertrauensbeweis der Flottenführung zu ihrem obersten Befehlshaber.“ Der Autor folgert dazu, „Tirpitz und das Marineamt erhielten die schweren Schlachtschiffe, die sie wollten.“[? Sie hatten sie längst erhalten, und nicht durch den Kaiser, sondern durch das Parlament] Neben vielen Individualfehlern, so z. B. auf Seite 100, ein an sich wunderschönes Foto des Kleinen Kreuzers Amazone als Vorlage für die Abbildung der Gazelle zu bezeichnen, deren weitere Auffindung aber ansonsten dem Leser überlassen bleiben möge, spannt er den abenteuerlichen Bogen, den Verlauf des 20.Jahrhunderts zu einem guten Teil der oben angesprochenen Herrenrunde zuzuschreiben. Hier verkommt „Geschichtsschreibung“, oder „geschichtliche Hintergrundinformation“ nur noch zur Polemik, wo vorurteilsfreie Beschäftigung mit der Kaiserlichen Marine nach wie vor ein Desiderat ist.

Es ist schade, daß auf diesem Wege die – um es nochmals zu betonen – eigentlich jedem ans Herz zu legenden wunderschönen Abbildungen als ein „Appetithappen“ mißbraucht werden, eine etwas verquere Weltsicht zu publizieren.

Dirk Nottelmann


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