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Die Flotte schläft im Hafen ein

Herausgeber: Stephan Huck, Gorch Pieken, Matthias Rogg
Titel: Die Flotte schläft im Hafen ein
Untertitel: Kriegsalltag 1914–1918 in Matrosen-Tagebüchern
Seiten: 236
Abbildungen: umfassend illustriert mit Farb- und Duoton-Aufnahmen
Verlag: Sandstein Verlag
Ort, Jahr: Dresden, 2014
ISBN: 978-3-95498-095-6

Auf den ersten Blick „nur“ ein Begleitkatalog zur gleichnamigen Sonderausstellung des Deutschen Marinemuseums, Wilhelmshaven, entpuppt sich die vorgelegte Paperback-Edition als unvermutet gehaltvoll. Von der Konzeption her sind sowohl Ausstellung sowie Begleitband zunächst eine kommentierte Präsentation im wesentlichen zweier „Tagebücher“ – eigentlich „Erinnerungen“ – von Besatzungsmitgliedern der S.M.S. Helgoland. Dabei ist eines der beiden, jenes des Matrosen Richard Stumpf, der Forschung bereits lange bekannt, liegt es doch seit den 1920er Jahren in editierter/gekürzter Form, unter dem Titel „Warum die Flotte zerbrach – Kriegstagebuch eines christlichen Arbeiters“, in Buchform vor. Gleichfalls diente Stumpf als Zeuge für den Reichstag-Untersuchungsausschuß zu den Ursachen des Deutschen Zusammenbruches im Jahr 1918, und seine jetzt ungekürzten „Erinnerungen“ wurden ebenfalls Gegenstand eines eigenen Teilbandes des anschließend veröffentlichten zehnbändigen Gesamtwerkes zu den gefundenen Ergebnissen.

Das zweite Tagebuch stellt insofern eine kleine historische Sensation dar, als sein Verfasser, der Matrose Carl Richard Linke, nicht nur ebenfalls an Bord der Helgoland diente, sondern – weitgehend zeitgleich – sogar in der selben Division wie Stumpf. Somit eröffnen sich seit dem Auftauchen des zweiten Buches vor wenigen Jahren der Forschung ungeahnte Möglichkeiten des Vergleichs und der Überprüfung geschilderter Fakten. Als kleiner Nebensatz sei erwähnt, dass, als die Ausstellung mitsamt Texten etc. bereits fertig war, ein drittes Tagebuch auftauchte, welches die Sensation nun wirklich perfekt macht, als es aus der Feder eines Vorgesetzten der beiden Matrosen stammt. Doch dieser extreme Glücksfall konnte leider nicht mehr eingearbeitet werden – er harrt also noch der historischen Erschließung. Doch auch so konnten die Herausgeber, „with a little help from friends“, über die eigentliche quellenkritische Präsentation der Tagebücher hinaus, sie in einen Gesamtkontext „Deutsche Großkampfschiffe während des Ersten Weltkrieges“ setzen.

Der Leser findet einen Abriß über den Weg des deutschen Flottenbaues unter Alfred Tirpitz, eine Sicht auf Julikrise/Augusterlebnis in der Perspektive der Deutschen Flotte, ein – wohl unvermeidlicher – Blick auf die Skagerrakschlacht nebst Rezeption in den Jahren danach, ebenso wie die Beschäftigung mit den Urteilen der Marinejustiz im Jahr 1917 sowie dem geplanten letzten Vorstoß im Oktober 1918. Eine bislang eher selten vorgenommene Betrachtung widmet sich dem Medium Film im Zusammenhang mit der Deutschen Flotte, in welcher man staunend erfährt, daß sich bereits das Reichs-Marine-Amt ab der Jahrhundertwende über die propagandistische Wirkung von Filmaufnahmen im Klaren war und diese nach Kräften förderte.

Den Abschluß des Bandes/Kataloges bildet eine kommentierte Wiedergabe der Ausstellungsstücke, beginnend – selbstverständlich – mit Teilen der jeweiligen Erinnerungs-Manu-/Typoskripte, die fälschlicherweise unter dem Begriff „Tagebuch“ ihren Eingang in die Geschichte gefunden haben. Eine Aufzählung all dieser Gegenstände wäre müßig, hier wird dem interessierten Leser ein Besuch der Ausstellung, bzw. ein Erwerb dieses Bandes ans Herz gelegt.

Angesichts seines Informationsgehaltes, weitgehend auf dem aktuellen Stand der – veröffentlichten – Forschung in Deutschland, kann man mit einer generellen Leseempfehlung nicht viel falsch machen. Sogar für ausgesprochene Spezialisten des Themas findet sich die eine oder andere frische Information und regt dazu an, das einige Aussagen durch eigenen Forschungen entweder kritisch zu hinterfragen oder auch einfach nur zu verifizieren.

Dirk Nottelmann