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Vizeadmiral Karl Galster

Autor: Klaus Franken
Titel: Vizeadmiral Karl Galster
Untertitel: Ein Kritiker des Schlachtflottenbaus der Kaiserlichen Marine; Kleine Schriftenreihe zur Militär- und Marinegeschichte Bd. 22
Seiten: 208
Abbildungen: 1
Verlag: Winkler-Verlag
Ort, Jahr: Bochum, 2011
ISBN 978-3-89911-137-8

Es ist leider eine unbestreitbare Tatsache, dass der Name „Karl Galster“ in der deutschen Marinegeschichte zu 99% mit dem Zerstörer gleichen Namens in Verbindung gebracht wird, welcher als einer der wenigen Einheiten den Krieg überlebte, und anschließend noch in der Sowjetflotte diente. Und dabei gibt es eine nicht zufällige Verbindung zwischen dem Protagonisten des vorliegenden Buches und dem Zerstörer - in Gestalt des Oberleutnants z.S. Karl Galster, eines Sohnes des hier vorgestellten Admirals, welcher am 26. März 1916 mit dem von ihm geführten Torpedoboot S 22 vor Terschelling auf eine Mine lief und dabei den Tod fand. Dabei ist die Geschichte des „alten“ Karl Galsters (oder Carl Galster, wie in einigen seiner eigenen Publikationen geschrieben) illuster genug, ihr gebührende Aufmerksamkeit zu widmen. War er doch nicht nur einer der höchstrangigen Admirale seiner Zeit, sondern in besonderer Weise als Fachmann für „seine“ Waffe - die Artillerie - spezialisiert und, nicht zuletzt, auch einer der „unbequemsten“ Marineoffiziere, zumindest was die Beurteilung der Durchführung des Schlachtflottenkonzepts tirpitzíscher Prägung anbelangt. Genau diese Eigenschaft aber macht ihn auch besonders interessant, gab es doch in der Vergangenheit Strömungen in der Geschichtsschreibung, welche verlautbaren ließen, man hätte sich nur an die propagierte und publizierte Meinung Galsters halten müssen, und der Ausgang des Krieges zur See 1914-18 wäre ein völlig anderer gewesen.

Wenngleich auch in weitaus mehr Unterkapitel gegliedert, besteht die vorliegende Arbeit im wesentlichen aus drei Blöcken. Zunächst der Lebenslauf und militärische Werdegang Galsters, bis zu seiner auf eigenen Wunsch erfolgten Verabschiedung im Jahre 1907, dann - als Kernthema - seine anschließende publizistische Tätigkeit, und schließlich sein Lebensabend, mit anschließender Würdigung sowie einem Anhang, in Form ausgewählter Briefe an von ihm mit Informationen und Einschätzungen versorgte Persönlichkeiten.

Ein Problem der Arbeit bestand darin, dass es in keinem bekannten Archiv, so bspw. dem BA-MA, einen „Nachlass Galster“ gibt, so dass auf fragmentarische Archivalien zurückgegriffen werden, bzw. der militärische Lebenslauf rekonstruiert werden musste. Erhalten geblieben sind allerdings seine Personalakte sowie eine Spezialakte, die sich mit seinen publizistischen Aktivitäten und etwaiger „Gegenwehr von Amts wegen“ beschäftigt. Insgesamt, soviel sei bereits an dieser Stelle vorweggenommen, ist es dem Autor aber gelungen, aus der Menge der Fragmente eine geschlossene, überzeugende Darstellung des Admirals zu erstellen.

Dieser galt, insbesondere am Ende seiner aktiven Laufbahn, den meisten seiner Kollegen eh schon als Sonderling, um nicht den Begriff „Fachidiot“ zu benutzen, was er im Besten des Wortes auf dem Gebiet der Artillerie ohne Zweifel war, und sich auch in seinen offiziellen Beurteilungen niederschlug. Da ihm allerdings die Eignung abgesprochen wurde, in höchste Ränge aufzusteigen - was u.a. mit der Führung der Flotte oder der Leitung des Admiralstabes einher gegangen wäre -, nahm er in richtiger Erkenntnis dessen seinen Abschied, um sich kurz darauf einer (wahrscheinlich bereits vorbereiteten) publizistischen Tätigkeit zu widmen. Diese kam insofern nicht von ungefähr, als er bereits in den 80er und 90er Jahren mit mindestens drei Veröffentlichungen über die „Schiffs- und Küstengeschütze“, deren Munition sowie über den Einsatz der Artillerie auf See hervorgetreten war.

Zwei seiner Publikationen aus dem Jahr 1907 befassen sich dann auch wieder mit der Küstenartillerie (deren Inspekteur er zeitweilig gewesen war), wohingegen die am meisten beachtete den Titel, „Welche Seekriegsrüstung braucht Deutschland?“, trug. Die in ihr und in späteren Veröffentlichungen des Admirals a.D. niedergelegten Kernthesen bestanden vor allem in einer Aufweichung der starren Gesetzmäßigkeit des Auf- und Ausbaues einer Schlachtflotte, zugunsten einer vor allem den Kleinkrieg mit Minen, Torpedo- und U-Booten bevorzugenden Strategie. Auch ein politisches Statement war damit verbunden, nämlich der Ausgleich mit Großbritannien um jeden Preis[?], da der Militär die Hoffnungslosigkeit einer Rüstung gegen die stärkste Seemacht der Welt sah. Damit stellte er allerdings gleichermaßen das „Gesetz betreffs des Ausbaues der deutschen Flotte“, als auch die darin implizierte „Risikostrategie“ in Frage, was nicht unwidersprochen bleiben konnte.

Es ist hier nicht der Raum auf jedes Argument und Gegenargument dieser sich lange Jahre hinziehenden Diskussion einzugehen, dazu sollte man das vorliegende Buch lesen. Einige Punkte darin verdienen jedoch, beleuchtet zu werden. Zunächst einmal die Tatsache, dass sich Galster weniger im Widerspruch mit Tirpitz befand, als dieser selbst vermutlich annahm, denn er bezweifelte nie das Existenzrecht einer Schlachtflotte. Wie er allerdings den Spagat hinbekommen wollte, ohne den Argwohn der Abgeordneten zu erwecken, das bestehende Gesetz von innen heraus auszuhöhlen, bleibt fraglich, denn nur 15 Jahre zuvor war Tirpitzí Vorgänger an derartigen Tricks glorreich gescheitert - und hatte noch nicht einmal ein Gesetz im Rücken gehabt. Wenn aber der Wortlaut des Gesetzes hätte geändert werden müssen, wäre genau das Geschehen, was Tirpitz unter allen Umständen zu vermeiden suchte, bzw. suchen musste, um sein Werk nicht zu gefährden.

Ein zweiter interessanter Punkt ist, dass Galster sich mit seinen Ansichten nahezu deckungsgleich mit denen von Admiral Fisher in Großbritannien bewegte, nach denen nämlich die Nordsee künftig ein Operationsgebiet des Kleinkrieges mit Zerstörern und U-Booten sein, und deren Vorhandensein das Auftreten einer Schlachtflotte in diesen begrenzten Gewässern zu riskant machen würde. Der fundamentale Unterschied zwischen beiden ist nur, dass Fisher mit einer bereits vorhandenen Schlachtflotte im Rücken planen konnte, die im Notfall jederzeit zur Unterstützung der schwächeren Kräfte hätte auslaufen können, während Deutschland diesen Rückhalt 1907 nur sehr rudimentär besaß und sich entsprechend Galsters Forderungen auch nur noch in ungenügender Weise hätte schaffen können. Es hat während des Krieges dann mehrere Beispiele dafür gegeben - so z.B. am 17. November 1917 - was eine Deckungsstreitkraft Wert war, bzw. was geschehen konnte, wenn sie fehlte (24. Januar 1915). Insgesamt aber darf man anhand des tatsächlichen Kriegsverlaufs durchaus die Weitsichtigkeit der Argumente beider Admirale konzidieren.

Der größte Streitpunkt, insbesondere während des Krieges und direkt danach, sollte allerdings Galsters Forderung nach einer massiven Aufrüstung mit U-Booten werden, hatte man doch deren Wert als einzige verbliebene Offensivwaffe der Kaiserlichen Marine inzwischen schätzen gelernt. In diese Diskussion darf man nach den Erfahrungen von mittlerweile 100 Jahren insofern kommentierend einsteigen - und dies wird auch im vorliegenden Buch getan - dass der Handelskrieg mit U-Booten nicht in den Intentionen des Admirals vorkam. Er sah die Boote als Mittel des Küstenkrieges allein gegen Kriegsschiffe, bzw. als Defensivwaffe gegen einen Aggressor der deutschen Küsten. Gesetzt den Fall, Deutschland hätte ab 1908 eine massive Aufrüstung mit U-Booten vorgenommen, dann wären diese zum Ausbruch des Krieges ebenso veraltet gewesen (Petroleumboote), wie die zu dem Zeitpunkt vorhandenen mehr als 60% der deutschen U-Bootwaffe - es wären nur mehr gewesen. Die Einführung eines leistungsfähigen Dieselmotors wäre dadurch, wenn überhaupt, nur unwesentlich vorgezogen worden - von den Petroleumbooten sind aber kaum nennenswerte Erfolge im Handelkrieg überliefert.

Auch die Einrichtung einer Fernblockade durch die Royal Navy wäre durch eine Ausweitung des U-Bootbaues eher noch befördert worden, waren es doch eben die Mittel des Kleinkrieges zur See, die Fisher und seinen Schüler Jellicoe zur Preisgabe der Nordsee bewogen. Man kann es drehen und wenden wie man will, als Konsequenz der Lektüre auch dieser Studie über einen ernstzunehmenden Zweifler am eingeschlagenen Kurs bleibt nach wie vor die Erkenntnis - eine grundsätzliche Bejahung maritimer Hochrüstung seitens der damaligen politischen Leiter vorausgesetzt -, trotz aller ihm strategisch und politisch innewohnenden Schwächen blieb das tipitzísche Konzept alternativlos. Schreckte es Großbritannien letztlich auch nicht - wie erhofft - von einem Kriegseintritt ab, so bot es zumindest im Kriege die Gewähr dafür, u.a. durch die faktische Erhaltung der Ostsee als „mare nostrum“, den Krieg überhaupt bis 1918 durchhalten zu können.

Insgesamt ist die vorliegende Veröffentlichung uneingeschränkt zu begrüßen, denn das Gesamtwirken dieses so ungewöhnlich politischen Admirals harrte bis dato noch einer umfangreichen Erschließung. Auf jeden Fall verdienen es seine Gedanken diskutiert zu werden, zu welchen Ansichten der Leser nach ihrer Lektüre kommen mag, wird ihm durch den unaufdringlichen Schreibstil weitgehend offengelassen. Einmal mehr bestätigt sich die Tatsache, dass Łber die Kaiserliche Marine jener Zeit noch lange nicht alles gesagt oder publiziert worden ist. Bis auf wenige Teilbereiche kratzen wir noch immer an der Oberfläche. Fazit: Zum lesen und studieren eindeutig empfohlen.

Dirk Nottelmann


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