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Das Marinekabinett Kaiser Wilhelms II. und sein erster Chef Admiral Gustav Freiherr von Senden-Bibran

Autor: Klaus Franken
Titel: Das Marinekabinett Kaiser Wilhelms II. und sein erster Chef Admiral Gustav Freiherr von Senden-Bibran
Seiten: 367
Abbildungen: 4
Verlag: Berliner Wissenschafts-Verlag GmbH
Ort, Jahr: Göttingen, 2015
ISBN: 978-3-8305-3522-5

Nach seiner Abhandlung über Vizeadmiral Carl Galster legt der Autor mit dem vorliegenden Werk eine weitere Biographie (im weitesten Sinne) über einen der wohl wichtigsten Admirale der Kaiserlichen Marine am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert vor. Und auch hier gilt erneut die Erkenntnis, wie gering die allgemeinen Kenntnisse über Einzelpersonen – sogar in herausragenden Stellungen der Kaiserlichen Marine – geblieben sind. Neben der vielfältigen, kontroversen Beschäftigung mit dem alles überstrahlenden Tirpitz sind die Biographien weiterer Protagonisten und vor allem Entscheidungsträger dünn gesät. Man kennt hier vor allem die Arbeiten über Admiral v. Müller – den Mitarbeiter und späteren Nachfolger Sendens, Konteradmiral Hopman, Kommodore v. Levetzow, Korvettenkapitän v. Weizsäcker, die bereits genannte moderne Biographie Galsters und – bereits mit Abstrichen – über Großadmiral Prinz Heinrich v. Preussen sowie – fremdsprachlich – über die Admirale v. Hipper und Diederichs. Das ist nicht eben viel! So darf man jede Ankündigung über die Erweiterung dieses Personenkreises mit gespannter Erwartung sehen – zumal es sich in diesem Fall um einen der wirklichen Entscheidungsträger mit direktem Einfluss auf den Kaiser handelt.

Besonderen Gewinn versprach vor allem die angekündigte Erweiterung der Thematik über die reine Biographie hinaus auf den Aufgabenbereich des Leiters des Marinekabinetts. Wie sich im Verlauf der Lektüre herausstellt, war diese Erweiterung auch sehr nötig, denn das rein biographische Material wäre für ein substantielles Werk zu dünn gewesen. In diesem Licht ist auch der gewählte Titel zu sehen, denn im Grunde handelt es sich mehr um eine auf den hinterlassenen Erinnerungen/Tagebüchern Sendens und anderer beruhenden Beschreibung der Tätigkeit der ersten 17 Jahre des Marinekabinetts denn um eine Biographie. Wie man es aber dreht und wendet – wichtig ist der Erkenntnisgewinn und der ist in diesem Fall enorm, um ein erstes Fazit gleich voranzustellen.

Wie es einer durch und durch wissenschaftlichen Arbeit gebührt, ist ihr zunächst ein Überblick über den aktuellen Forschungsstand vorangestellt, und der ist – wie oben angeführt – bislang eher dünn. Dann ist es, mit dem Abstand von mehr als 100 Jahren, unerlässlich, die Institution des Marinekabinetts und seine Beziehung zum „Allerhöchsten“ vorzustellen – vor allem die daraus entstehenden Implikationen persönlicher Natur für dessen jeweiligen Leiter im direkten Umfeld des Kaisers, als dessen Flügeladjutant. In diesem Zusammenhang interessant ist auch das Wechselspiel der Erinnerungen Sendens im Vergleich zu den niedergelegten Erinnerungen anderer über ihn selbst. Nicht nur, dass er von innerhalb der Marine ob seiner (vermeintlichen) Machtfülle argwöhnisch beäugt wurde, sondern es scheint auch innerhalb der sogenannten „Hofkamarilla“ eine Tendenz vorgeherrscht zu haben, ihn eher als etwas merkwürdige Figur zu betrachten.

Den größten Gewinn zog zumindest der Rezensent aus dem gut 100 Seiten langen Kernabschnitt über die Personalangelegenheiten/-planungen der Marine. Hier finden wir unter anderem Auszüge aus den Qualifikationsberichten seinerzeit wichtiger Personen und auch, wie sich beispielsweise die individuellen Einschätzungen auf die weitere Karriere der Protagonisten auswirkte. Viele bekannte Namen bekommen auf diesem Wege erstmals überhaupt ein Gesicht bzw. ganz neue Gesichter. Selbstverständlich bleiben auch die Verhältnisse Sendens zu den Führungspersonen des Reiches oder im Besonderen der Marine nicht unerwähnt ebenso, wie der mehrfach kolportierten Frage nach einem besonderen Englandhass des Admiral nachgespürt wird. Ein abschließendes Resümee fasst schließlich sämtliche Erkenntnisse dieser sehr aufschlussreichen „Biographie“ nochmals zusammen. Ist damit alles gesagt? Nicht ganz – denn leider gibt es auch kleine Schattenseiten während des Lesevergnügens, die nicht unerwähnt bleiben sollten.

Zunächst einmal ist da die sicherlich dem wissenschaftlichen Anspruch geschuldete Tatsache von einer erklecklichen Anzahl thematischer und dann auch noch textlich wortgleicher Wiederholungen an verschiedenen Stellen im Buch. Es liegt in der Natur der wissenschaftlichen Arbeit, ein Thema aus differenzierten Blickwinkeln betrachten zu müssen, doch dem „normalen“ Leser fällt dies doch eher störend auf. Kleinere sachliche Fehler findet man hier und dort ebenfalls, wenn z.B. auf S. 32 von einem „Chef des Admiralstabes der aktiven Flotte“ gesprochen wird, wobei sicherlich der „Chef des Stabes“ gemeint ist. Auch kommt ein etwas unglücklich wertendes Element vor, wenn auf S. 226 (ähnlich nochmals auf S. 262) – sicherlich noch im Sinne der mittlerweile überkommenen Geschichtsschreibung – von der „Fehlentscheidung“ in der Kaliberfrage bezüglich der Bewaffnung der „Ersatz-Preussen-Klasse“ gesprochen wird. Hier ist die Forschung mittlerweile ein Stück vorangekommen. Doch im Gesamtkontext sind dies Marginalien, die niemanden vom Erwerb dieses wichtigen Werkes abhalten sollten. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

Dirk Nottelmann (2015)