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Auslaufen verspricht Erfolg

Autor: Nikolaus A. Sifferlinger
Titel: Auslaufen verspricht Erfolg
Untertitel: Die Radiotelegraphie der k.u.k. Kriegsmarine
Seiten: 224
Abbildungen: durchgehend illustriert mit Fotos, Karten sowie Faksimiledarstellungen
Verlag: Verlag Österreich
Ort, Jahr: Wien, 2000
ISBN: 3-7046-1491-2

Dieses Buch befaßt sich, wie im Untertitel ansatzweise dargestellt, mit der Geschichte der Radio-, bzw., in modernerer Ausdrucksweise, Funktelegraphie der österreichisch-ungarischen Marine. Eine Fachgebiet, welches in der modernen Geschichtsschreibung aller Marinen bisher deutlich unterrepräsentiert ist, kam ihm doch bereits im Ersten Weltkrieg kriegsentscheidende Bedeutung zu - wenn auch vielleicht nicht unbedingt in der Adria.

Gegliedert ist die Darstellung in vier große Teilbereiche: Da wäre zunächst die Einführung und Weiterentwicklung der neuen Technik bis zum Jahr 1918 zu nennen, gefolgt von dem Bereich „Kriegstelegraphie“, mit der Einbeziehung der Entwicklung von Schlüsselmitteln sowie der Funkaufklärung schon vor dem Krieg. Letzterer Teil wird in einem eigenen Abschnitt fortgesetzt mit den Kriegserfahrungen, wobei der Blick auch über die Grenzen geht, und die vielfältigen Tätigkeiten der Funkaufklärung in Deutschland, England und Frankreich mit einbezieht. Abschließend erfährt der Leser noch einiges über spezielle Aspekte, wie den Marinenachrichtendienst, die funktechnische Ausrüstung der Marine u.a.m.

Die Schilderung beginnt zum Jahreswechsel 1897/98, als das Oberkommando der Marine sich dazu entschloß, angeregt durch die Versuche Marconis jenseits der Adria, die Möglichkeiten des neuartigen Signalmittels zu erproben. Fanden diese Erprobungen zunächst auch nur zwischen dem Wiener Rathaus und der benachbarten Votivkirche statt, so erhielt bereits im Dezember 1898 das Küstenpanzerschiff Budapest eine Versuchsanlage installiert, um Erfahrungen auf See zu sammeln. Selbstverständlich waren die zunächst erzielten Reichweiten von bis zu 8 km keine Offenbarung, doch schritt die Entwicklung sprunghaft voran. Sehr aufschlußreich ist dabei auch die Schilderung, wie die k.u.k. Marine sich gegen die Vorherrschaft der von Marconi gegründeten Vermarktungsgsellschaft seiner Produkte wehrte, und an den seinerzeit deutlich unterlegenen Konkurrenzprodukten deutscher Herkunft festhielt; Marconi sah sich als quasi Monopolist an, und verlangte, verbunden mit Knebelverträgen, entsprechende Lizenzpreise. Nationale Präferenzen spielten bei der Entscheidung gegen sein System weniger eine Rolle, als die notorisch zu geringen Finanzmittel. Endgültige Einführung fand die neue Technik allerdings erst mit der Indienststellung der „Sommereskadre“, den Linienschiffen Habsburg, Budapest und Wien, im März 1903. Im folgenden Jahr steigerte sich die Anzahl der ausgerüsteten Einheiten auf 14, dabei jetzt auch bereits kleinere Anlagen auf Torpedobootszerstörern.

Im weiteren bricht der Autor, neben der Schilderung der technischen Weiterentwicklung, anläßlich der Darstellungen einzelner Aktionen des Kriegsablaufes, deren Schärfe herunter bis auf die Wiedergabe einzelner Funksprüche. Ein Punkt auf den zurückzukommen sein wird. Die letzten dieser zitierten Funksprüche wurden abgegeben, als es bereits de facto keine österreichisch-ungarische Marine mehr gab.

Richtig interessant wird das Buch, wenn das spezielle Feld der Marine in der Adria verlassen wird, zugunsten der genannten Kapitel über Chiffrierung, Funkaufklärung und deren Wechselwirkungen. Ab hier legt man es so schnell nicht mehr aus der Hand, und bekommt gleichermaßen Lust, sich mit der Verschlüsselung und ihren Techniken eingehender zu beschäftigen. Anläßlich der häufiger wiederkehrenden Verweise auf die Erfahrungen der Deutschen Marine zu jener Zeit bedauert man das überwiegende Fehlen weitergehender Literatur in diesem Lande.

Infolgedessen, daß eine umfassende Inhaltsangabe aufgrund der Fülle des gebotenen Materials schwer zu realisieren ist, sei an dieser Stelle zum Fazit übergegangen: Das Buch ist eine gewaltige Fleißarbeit, geschrieben von einem unbedingten Kenner der Materie. Vorstehendes wäre ein wunderbarer Schlußsatz, müßte man ihn nicht noch ein wenig differenzieren. Stellenweise scheint die Fachkompetenz und die Freude an der Auffindung der verschiedensten Details mit dem Autor durchgegangen zu sein. Sagt der Pressetext auch, „Das rasante Tempo im Fortschritt [...] spiegelt sich in der packenden Erzählweise wieder, ohne Abstriche an der Darlegung historischer Details zu machen“, so kann man letztere Hälfte unterstreichen, erstere nicht. Es mag regional begründet sein, aber der Rezensent fand es nicht sonderlich packend, die ebenfalls wohl nur den seinerzeitigen Teilnehmer packende, kriegseröffnende Aktion der österreichischen Flotte gegen Ancona anhand der abgegebenen Funksprüche nachzuerleben. Und aus dieser Sicht wird so manche Aktion geschildert. Hier wäre nach Ansicht des Rezensenten eine Straffung des Themas auf ausgewählte, wesentliche Sprüche geboten gewesen, mag es auch der speziell an der k.u.k. Marine interessierte vielleicht als Fundgrube bezeichnen. Eine zweite - subjektive - Einschränkung soll auch nicht unerwähnt bleiben: Vollen Gewinn aus der sehr stark in die Tiefe gehenden Schilderung der Entwicklung der Funktechnik kann wohl nur ein auf diesem Sektor ausgebildeter Fachmann, oder funktechnisch interessierter Amateur ziehen, dem rein geschichtlich orientierten Leser bleibt hier ein Teil der sicherlich umwälzenden Erkenntnisse und Neuerungen wohl verborgen.

Ziehen wir ein Fazit des Fazits: Den höchsten Gewinn von dem Buch hat ein an der Entwicklung der Funktechnik interessierte Spezialist für die österreichisch-ungarische Marine, das untere Ende der Interessensbandbreite braucht nicht erwähnt zu werden. Auf welchem Gradienten dazwischen sich der potentielle Leser einordnet, muß jeder für sich entscheiden; nicht zuletzt aufgrund des hochinteressanten allgemeinen Teils aber spricht der Rezensent eine überwiegende Empfehlung aus. Hoffentlich setzt sich die begrüßenswerte Herausgabe derart hochklassiger - wenn auch spezialisierter - Bücher fort.

Dirk Nottelmann (2000)