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Linienschiffe der Kaiserlichen Marine 1906 – 1918

Autor: Axel Grießmer
Titel: Linienschiffe der Kaiserlichen Marine 1906 – 1918
Untertitel: Konstruktionen zwischen Rüstungskonkurrenz und Flottengesetz
Seiten: 183
Abbildungen: 44
Skizzen: 17
Verlag: Bernard & Graefe Verlagx
Ort, Jahr: Bonn, 1999
ISBN 3-7637-5985-9

Eines sei der Fairneß halber gleich dieser Rezension vorangestellt, bevor es den hoffentlich zahlreichen Lesern auffällt: Der Rezensent ist im Vorwort dieses Buches erwähnt – und doch ist es keineswegs eine bestellte Rezension!

Denn dieses Werk hat eine solche in keiner Weise nötig. Es schließt in seiner Qualität nahtlos an seinen Vorgänger, "Große Kreuzer der Kaiserlichen Marine...", an. Die damalige Hoffnung auf das Marinebuch des Jahres 19xx hat sich erfüllt. Ein glücklicher Zufall ergab es, daß nahezu zeitgleich die Neubewertung der Person Tirpitz durch Uhle-Wettler vorgelegt wurde, denn das eine Buch bietet eine willkommene Ergänzung des anderen – ohne in seinen Aussagen immer deckungsgleich zu sein (Leider taucht auch der Vorgängerband nicht in der ausgewerteten Literatur des Tirpitz-Biographen auf – eine unverständliche Auslassung!). Grießmer läßt in seine Arbeit u.a. neueste internationale Forschungen zur Geschichte des Dreadnought-Baues mit einfließen, während sich die Tirpitz-Biographie mehr über eine Neubewertung bekannter Quellen definiert.

Und es gibt eine Reihe von neuesten Erkenntnissen die in dieses Buch einfließen konnten: Wiederum läßt sich ohne Frage der heimliche zweite Untertitel unter die offiziellen stellen, "Tirpitz`s Kampf um die Erfüllung seiner Flottengesetze". Bereits in den Jahren 1903/04 waren weder der Kaiser, noch der einflußreiche Flottenverein mit den Konstruktionen der deutschen Schiffe zufrieden und lasteten dies ihrem Baumeister an. Wenn auch nicht direkt durch diese Umstände beeinflußt, mußte Tirpitz für die Linienschiffe des Haushaltes 1907 eine nicht sonderlich gewollte Größensteigerung inkauf nehmen, die in den Planungen für das erste deutsche "All-big-gun-ship" endeten. Der öffentlichen Lehrmeinung entgegen steht dabei die Tatsache, daß es sich bei diesen Planungen um eine überwiegend evolutionäre Entwicklung handelte, die mehr in der Gegnerschaft der britischen Lord Nelson-Klasse ihren Ursprung hatte, als in dem ungewöhnlich geheimgehaltenen Bau der Dreadnought. Auch die Entwicklung letztgenannten Schiffes wird mit gewichtigen Argumenten korrigiert – doch das zu schildern würde den Rahmen einer Rezension übersteigen. Fest steht jedenfalls, daß die deutsche Marine allenfalls durch das "show-artige" Bautempo der Dreadnought überrascht worden ist, ihre Antwort aber schon in den Schubladen hatte.

Und der wahrhaft spannende Faden reißt nicht ab, nicht genug z.B. damit, daß mit der nachfolgenden Helgoland-Klasse der stringente Finanzrahmen erstmals bis an die Grenze belastet wurde, auch wurde das letzte Schiff dieser Klasse, Ersatz Frithjof/Oldenburg, zum politisch schicksalhaftesten der gesamten Marine – seine verfrühte Inbaugabe führte in England zu dem Argwohn, die Kaiserliche Marine würde außerhalb der legislativen Rahmenbedingungen weitere Schiffe bauen. Diese irrationale Annahme und ihre Verbreitung führte in England zu der gleichermaßen irrationalen Flottenpanik/"Navy scare", und gipfelten über den bekannten Schlachtruf, "We want eight, we wan`t wait", in den exzessiven Rüstungsanstrengungen, denen Deutschland – streng nach Gesetz bauend – in Zukunft nicht mehr gewachsen sein sollte.

Dies wird weniger deutlich noch bei den folgenden Kaiser/König-Klassen – die übrigens aus gutem Grund zusammen behandelt werden (warum soll an dieser Stelle wiederum offen bleiben) – sondern vielmehr bei den Planungen für "Ersatz Wörth". Quantitativ war der deutsche Flottenbau an seine obere Grenze gestoßen, jetzt blieb nur noch der Weg über die Qualität. An dieser Stelle folgt die wirkliche Sensation des Buches, zusammengefaßt in einem Zitat: "Wir müssen die Führung übernehmen ..."; diese der bisherigen Politik des Staatssekretärs diametral entgegengesetzte Sentenz läßt die Probleme erahnen. Mit einem Schlag sollte ein Schiff geschaffen werden, das als künftiges Einheitslinienschiff in seinen Eigenschaften die zu erwartenden Steigerungen anderer Marinen für einige Jahre kompensieren könnte, während Deutschland weitere Größensprünge finanziell nicht mehr zu leisten in der Lage war. Ja, sogar das angestrebte 40cm-Kaliber – in vier Doppeltürmen – war nicht mehr finanzierbar, es mußte auf 38cm heruntergegangen werden. Dies war der Entwicklungsweg der künftigen Bayern-Klasse – keineswegs also eine Antwort auf die britische Queen Elizabeth, sondern ein aus der Not der Realitäten geborener Befreiungsschlag.

Konsequenterweise schließt das Buch mit der Behandlung der Bayern-Klasse ab, auch wenn der Titel vielleicht anderes vermuten läßt – "...1906 - 1918" – denn der Schritt zum neuen Einheitslinienschiff war vollzogen, das Linienschiff 1915, die spätere Württemberg, war schon vor dem Krieg als weiterhin dieser Klasse zugehörig beschlossen worden, alles darüber hinausgehende bleibt Spekulation. Alle weiteren Entwürfe, die "Forstmeier" in seiner vor Jahren erschienenen Studie auflistet, hatten mit einer geregelten Fortplanung der Flotte im Sinne Tirpitz΄scher Überlegungen nichts mehr zu tun.

Diesem wahrhaft brisanten Inhalt stehen wiederum Projektskizzen aus der Hand Franz Mrvas zur Seite, ergänzt durch faksimilierte Generalpläne der Rheinland, Kaiserin und Baden. Neben "Rössler" ist "Grießmer" somit der erste, der endlich den großen Schritt macht, dieser international mittlerweile üblichen Darstellungsweise ein deutsches Gegenstück zur Seite zu stellen. Leider ist diese Praxis des Verwendens jener unglaublich illustrativen Zeichnungen noch eine Seltenheit. Als Gegenpol dazu gibt es aber in vorliegendem Band keine beigelegten Faltpläne der Schiffe, wie noch im Vorgänger. Gesteigert worden ist dafür aber die Druckqualität der Fotos – sie ist aber nach wie vor nicht auf dem Stand der Möglichkeiten. Aber dies ist zum Glück bei dem Inhalt des Werkes von untergeordneter Bedeutung.

Als Fazit bleibt wiederum nur die Höchstnote; ohne dieses Buch zu kennen, ist eine ernsthafte Diskussion über den technischen Aspekt des deutschen Dreadnought-Baues in Zukunft nicht mehr möglich! Ein Standardwerk, zu dem man dem Autor wiederum nur gratulieren kann. Weiter so Herr Grießmer – und jetzt die Kleinen Kreuzer?!

Dirk Nottelmann (1999)


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