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100 Jahre U-Boote in deutschen Marinen

Herausgeber: Stephan Huck
Titel: 100 Jahre U-Boote in deutschen Marinen
Untertitel: Ereignisse-Technik-Mentalitäten-Rezeption; Kleine Schriftenreihe zur Militär- und Marinegeschichte Bd. 18
Seiten: 213
Abbildungen: 38
Verlag: Winkler-Verlag
Ort, Jahr: Bochum, 2011
ISBN: 978-3-89911-115-6

Das vorliegende Buch spannt einen großen Bogen - zeitlich und thematisch. Dennoch versucht es glücklicherweise nicht - wie teilweise andere Bücher -, unter einem falschen Etikett, beispielsweise etwa „Geschichte der deutschen U-Boote in den vergangenen 100 Jahren“ o.ä. zu operieren; etwas, was der punktuellen Darstellungsweise nicht angemessen wäre. Wie bei allen Sammelbänden von thematisch nicht unbedingt zusammengehörigen Einzelbeiträgen besteht aber auch hier die Gefahr, dass potentielle Leser abgeschreckt werden, unter dem Aspekt, sich vielleicht nur für einen oder zwei der enthaltenen Beiträge zu interessieren und sich zu fragen, ob dafür die Anschaffung eines ganzen Buches lohnt. Betrachten wir es also primär unter diesem Aspekt, wohl wissend, dass die Spezies „U-Boot-Interessierte“ leider eine ganz besondere Affinität zu nur einem Teilbereich dieser 100 Jahre an den Tag legt.

Die Obergliederung des Inhalts wird bereits im Titel vorgenommen. Wir finden so unter dem Begriff „Ereignisse“ Themen, die von den „Vorstellungen zur U-Bootskriegsführung vor dem Ersten Weltkrieg“, über „Die mysteriöse U-Bootwaffe der DDR“ hin zur „(Die) U-Bootskomponente der Bundesmarine/Deutschen Marine“ reichen. Drei Beiträge beschäftigen sich mit dem Bereich „Technik“ - „Die Anwendung der Funktelegraphie beim Einsatz deutscher U-Boote im Ersten Weltkrieg“, „Brennstoffzellen für U-Boote der Klasse 212A“ sowie „Sensoren, Waffen und Einsatzsysteme für Deutsche U-Boote Das neue U-Boot-Szenario“. Hinter „Mentalitäten und Rezeption“ verbergen sich vier Beiträge, die mehr den soziologischen Aspekt im Fokus haben, wie, „Die Rezeption des U-Bootskrieges in der deutschen und angelsächsischen Literatur“ oder „U-Boot-Filme und ihre Musik“.

Bereits der erste - und oben erstgenannte - Beitrag deutet das durchgängig hohe Niveau des Inhalts an. Eine sehr ansprechende kurze Studie auf dem wohl aktuellen Forschungsstand über die Vorstellungen der beiden Hauptantagonisten in der Nordsee über die angedachte Verwendungsmöglichkeit des U-Bootes im Kriegsfall. Er ergänzt gleichzeitig wunderbar die jüngst im selben Verlag erschienene Studie über Admiral Galster. Einen „Gang zurück“ schaltet der folgende Beitrag, der das Wechselspiel zwischen Erfahrungen und Entwicklungen während beider Weltkriege aufgreift. Er bietet nicht wirklich neues Material, sondern nur eine kompakte Übersicht der bekannten Fakten, die schließlich, gegen Ende des zweiten Krieges, den Weg zum „echten“ Unterseeboot wiesen. Gleiches gilt auch für den Beitrag über die Entwicklung der Kleinst-U-Boote der Kriegsmarine.

Echtes Neuland bietet dagegen die Darstellung über die (geplante) U-Bootwaffe der DDR. Der Rezensent bekennt freimütig, aufgrund seiner Zugehörigkeit zu der Generation, die mit der „Mauer“ aufgewachsen ist, noch gewisse mentale Schwierigkeiten mit der „Volksmarine“ und parallel bestandener Waffengattungen zu haben, doch ist ihre ehemalige Existenz ein nicht zu negierendes Faktum deutscher Geschichte, welches ebenso einer berechtigten Aufarbeitung harrt. Inzwischen blicken wir auf nahezu 50 Jahre friedlicher deutscher U-Bootsverwendung in den Reihen der Bundeswehr zurück, so dass auch in diesem Bereich die geschichtliche Aufarbeitung mit Berechtigung beginnen darf, was hier mit einem Beitrag über Geschichte und Ausblick der Boote der jetzt wieder Deutschen Marine vorgenommen wird.

Das persönliche „highlight“ des Rezensenten findet sich im Abschnitt „Technik“. Ein Beitrag über den noch selten betrachteten und analysierten „Krieg im Äther“ während des Ersten Weltkrieges. Er unterstreicht einmal mehr die Ansicht, dass in diesem Bereich noch eine Menge geschichtlicher Schätze zu heben sind. Dagegen markieren die beiden übrigen Beiträge einen zeitlichen Sprung an das andere Ende der Zeitschiene. Mit den beiden Abhandlungen über die Entwicklungen von Brennstoffzelle und „combat center“ für U-Boote lesen wir hier über Technik, von denen die wackeren U-Bootfahrer des Ersten Weltkrieges noch nicht einmal träumen konnten.

Die menschliche Natur in ihrer Beziehung zu dem Kriegsmittel U-Boot steht im Mittelpunkt der letzten vier Beiträge. Zunächst in der Retrospektive und kritischen Analyse eines ausgewählten Teils der Literatur (unlängst wurden allein über den U-Bootskrieg im Zweiten Weltkrieg mehr als 700 Monographien, Romane, Aufsätze und Sammelbände gelistet). Das Phänomen des ungebrochenen Interesses kann aber allein über die Literatur nicht erklärt werden - hier springt der Beitrag ein wenig zu kurz - sondern muss zwingend in den Schlagworten „Hollywood“ oder „Bavaria-Studios“ gesucht werden.

Ein weiterer Beitrag widmet sich der Frage, warum in den letzten Kriegsmonaten die Einsatzbereitschaft und Motivation wohl der meisten U-Bootfahrer ungebrochen war. Die Gründe dafür werden umfassend untersucht, Schlagworte dazu sind auf der einen Seite der vielbeschworene „Geist der U-Bootwaffe“, aber auch Empfindungen, wie, es dem Gegner, der soviel Leid über die deutsche Zivilbevölkerung brachte, auf irgendeine Weise heimzuzahlen. Natürlich darf aber auch die Frage nicht vergessen werden, wo denn die Alternative zur Einsatzbereitschaft gelegen haben soll, wo doch die Person des Oberbefehlshabers der Marine nicht eben dafür bekannt war, „Flaumacher“ zu akzeptieren. Und die mögliche Versetzung in ein Strafbattallion an der Ostfront bot sicherlich ebenfalls wenig Reize.

Wenig überraschen kann auch die Frage des schließenden Beitrags, ob die U-Boothelden beider Kriege - exemplifiziert an Weddingen und Prien - und ihre Verehrung heute noch irgendeine Relevanz im öffentlichen Leben besitzen. Wer sich auch nur marginal mit der heutigen, durch den Umschwung der 68er-geprägten Kultur beschäftigt, weiß, dass zumindest in Deutschland für personifizierte militärische Erinnerungen oder gar Verehrungen kein Raum mehr ist. Insofern läuft diese Betrachtung eher die sprichwörtlichen offenen Türen ein. Etwas schade ist nur, dass der Verfasser die sonst gepflegte sachliche Distanz der übrigen Beiträge ein wenig verläßt, zugunsten einer aufblitzenden eigenen Meinung.

Am wenigsten anfangen kann der Rezensent - zugegebenermaßen - mit dem Beitrag „U-Bootfilme und ihre Musik“. dass das Medium Film nicht nur allein auf der visuellen Verbreitung einer Botschaft beruht, sondern der klanglichen Unterstützung bedarf, ist in dem heutigen Medienzeitalter nichts neues mehr. So wie es ja umgekehrt anscheinend auch nicht mehr ausreicht, allein Musik zu lauschen, sondern diese durch „Hupfdohlen“ wiederum visuell unterstützt werden muss. Selbstverständlich wäre die Eingangssequenz zum Film „Das Boot“ nicht ansatzweise so spannend, wenn auf die Musik verzichtet worden wäre. Andererseits entfaltet aber auch der Stummfilm von der Reise von U 35 im Mittelmeer seine eigene Spannung, ohne dass es der Musik bedarf. Sicherlich ist die vorliegende Untersuchung im wissenschaftlichen Sinne ohne Fehl und Tadel, doch stellt sie - rein persönlich gesehen - ein Thema dar, auf welches an dieser Stelle leicht hätte verzichtet werden können, zumal des Genre letztlich austauschbar ist. Das Thema hätte auch lauten können „Fliegerfilme und ihre Musik“, und das Ergebnis wäre wohl vergleichbar gewesen.

Insgesamt entzieht sich dieser Band 18 der Serie also meisterlich einer Gesamtwertung. Für den Rezensenten überwiegt aufgrund des hohen Niveaus fraglos das positive Urteil, zumal einige echte Perlen darin zu finden sind, doch kann der oben angesprochene Zweifel, ob der wirklich nur punktuell interessierte, bei seinem Blick über den Tellerrand, ebenfalls Gewinn daraus zu ziehen vermag, nicht ganz ausgeräumt werden. Dafür ist die 100jährige Bandbreite vielleicht zu groß.

Dirk Nottelmann