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Graf Luckners "Seeadler"

Herausgeber: Hans D. Schenk
Titel: Graf Luckners "Seeadler"
Untertitel: Das Kriegstagebuch einer berühmten Kaperfahrt
Seiten: 167
Faksimileabbildungen: 80
Fotos: 3
Verlag: Carlsen Verlag GmbH / DIE HANSE
Ort, Jahr: Hamburg, 1999
ISBN 3-551-88480-3

Vor allem anderen ist zunächst dem Verlag zu seinem Mut zu gratulieren, ein Buch in dieser Form herauszubringen. Man muß wohl kein großer Prophet sein, um zu prophezeien, daß ein wirtschaftlicher Erfolg diesem Buch – leider – nicht beschieden sein wird; ja, es steht zu befürchten, daß wir es in ein paar Jahren auf dem so sprichwörtlichen "Grabbeltisch" finden werden. Der Rezensent wäre der erste, der mit Freude zu Kreuze kriecht, wenn sich seine Befürchtungen nicht bestätigen würden – und mit Vorschlägen zu einer Fortsetzung dieser Art von Veröffentlichungen bereit stünde.

Was bietet nun also dieses mit so düsteren Prophezeiungen "belastete" Werk: Bis auf ein Vor- sowie ein Nachwort nicht mehr und nicht weniger, als auf 78 Seiten das faksimilierte KTB des deutschen Hilfskreuzers SMS Seeadler vom 02.12.1916 bis zum 12.08.1919. Die jeweils linken Buchseiten sind dem Faksimile vorbehalten, die gegenüberliegenden der "Übersetzung" der altdeutschen Handschrift, wobei das Druckbild der Aufteilung der Originalseiten angepaßt wurde.

Diese wenigen Worte beschreiben sowohl Inhalt, als auch Manko des Buches. Der mehr oberflächlich – oder auch überwiegend visuell – an der Kaiserlichen Marine Interessierte wird es, wenn er es sich denn überhaupt zulegt, nach verhältnismäßig kurzer Zeit gelangweilt aus der Hand legen, denn es "passiert nichts". Seitenweise beinahe findet man Einträge wie, "6.VII.17. Südl. Kurs. Nichts gesichtet. 7.VII.17. Keine Änderung.". Daß damit eine der Tragiken des gesamten Unternehmens beschrieben wird, dürfte diesen Leser weniger berühren, um so mehr, als diese Darstellung auch nicht durch Fotos aufgelockert wird. Insgesamt könnte man also die Rezension mit dieser Einschätzung abschließen: Gut gemacht, aber von geringem Interesse.

Doch es gibt noch eine andere Sichtweise, die sehr persönliche des Rezensenten – und vielleicht einiger seiner Kollegen, die mehr als durchschnittlich am Seekrieg des WK I interessiert sind sowie jene, die sich tiefergehender damit beschäftigen möchten. Für den Rezensenten ist das Buch eine Offenbarung, und sei es nur aus dem Grunde, daß es ihm eine Reise nach Freiburg erspart und die anfallenden Kopierkosten für eine vollständige Ablichtung. Für denjenigen, der an der historischen "Wahrheit" interessiert ist, den Wahrheitsgehalt der bisherigen Veröffentlichungen überprüfen möchte, ist die vorliegende Veröffentlichung ein Werk an dem er nicht vorbei kommt.

Dabei findet sich z. B. die Erkenntnis, daß die erste Ausgabe Luckner’s "Seeteufel" gar nicht so weit von der Realität entfernt ist. Das ist im Lichte der neuesten Erkenntnis, daß Luckner drei Ghostwriter hatte, nämlich neben einem Prof. Kern die beiden Schriftführer des KTB – Leutnant z.S.d.R. Kircheiss sowie Leutnant z.S.d.R. Kling –, auch gar nicht so verwunderlich. Erst in den späteren Jahren ging die Fabulierkunst dann zunehmend mit ihm durch, ganz zu schweigen von jenem überwiegend im englischen Sprachraum verbreiteten Märchen, er wäre mit einer seiner Prisen sogar in Rio eingelaufen, um Proviant zu ergänzen. Auch die oben angeführte Langeweile bekommt einen anderen Stellenwert, wenn man die menschliche Seite der Kreuzfahrt einmal unter die Lupe nimmt. Der Rezensent hat es in einer früheren Veröffentlichung einmal folgendermaßen formuliert: "Es dürfte (im Pazifik) selbst für den überzeugendsten Patrioten schwer geworden sein, die Mannschaft von den unmittelbaren Kriegsauswirkungen ihres Tuns zu überzeugen". Insbesondere dann, wenn man 4 Monate fast nichts tat.

Neben diesen Erkenntnissen findet sich selbstverständlich als relative Novität noch die Geschichte der Restbesatzung, nachdem ihr Kommandant sie auf Mopelia zurückgelassen hatte. Entgegen der Aussage des Verlages ist es allerdings nicht die erste Schilderung über die nachfolgenden Erlebnisse der Mannschaft; bereits 1922 erschien ein Buch darüber, das aber keine weitgehende Verbreitung gefunden hat. Insofern findet sich auch die Erklärung über den bis 1919 gesteckten Zeitrahmen des KTB, es wurde erst am 12.08.1919 von Lt. Kling abgeschlossen, nachdem er dem Kommando SMS Dresden in Talcahuano sein Abschiedsgesuch eingereicht hatte.

Und es gibt noch einen ganz persönlichen Nutzen des Buches, der insbesondere die nachwachsenden Generationen erfreuen wird, zu denen sich der Rezensent auch noch zählt: Das Buch kommt infolge seiner Aufmachung dem berühmten "Stein von Rosette" nahe. Waren es bei ihm die Hieroglyphen die entziffert werden konnten, so ist es hier die wörtliche Übersetzung von drei verschiedenen – den Hieroglyphen ähnelnden – altdeutschen Handschriften, an denen man lernen kann; ein nicht zu unterschätzender Vorteil.

Einer abschließenden Gesamtwertung entzieht sich das Buch meisterlich. Kaum ein anderes dürfte ihm im Hinblick auf Polarisierung der potentiellen Leserschaft gleichkommen. Als Quelle jedenfalls ist es unvergleichlich.

Dirk Nottelmann (1999)


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