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Maritimer Imperialismus

Autor: Rolf Hobson
Titel: Maritimer Imperialismus
Untertitel: Seemachtideologie, seestrategisches Denken und der Tirpitzplan 1875 bis 1914
Seiten: 388
Verlag: Oldenbourg Wissenschaftsverlag
Ort, Jahr: München, 2004
ISBN 3-486-56671-7

Bei dem hier vorliegenden Band 61 der Schriftenreihe des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes (MGFA) handelt es sich um eine Übersetzung des im Original von Brill Academic Publishers verlegten, im Rahmen der "studies in central european histories" im Jahre 2002 unter dem Titel "Imperialism at Sea" veröffentlichten Dissertation des Autors. Dieser, norwegischer Herkunft, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Verteidigungsstudien in Oslo. Der Rezensent hatte seinerzeit bereits das Original "verschlungen", war also mehr als gespannt darauf, ob das MGFA es wagen würde, tatsächlich eine wortgetreue, ungekürzte Übersetzung vorzulegen. Warum diese kryptisch anmutenden Worte? Nun, es handelt sich bei diesem Buch schlichtweg um den Todesstoß des bis heute – allerdings zugegebenermaßen nur noch in Deutschland – gepflegten Dogmas der direkten Kausalität des deutschen Flottenbaues als Ursache für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Insofern ist es also im Rahmen der bislang auch im MGFA vertretenen und publizierten "reinen (deutschen) Lehre" ein echtes Danaergeschenk.

Neben den üblichen Präliminarien und dem abschließenden Anmerkungs-, Quellen- und Registerapparat gliedert das Werk sich in drei Hauptteile. Im ersten werden "[D]ie sich wandelnden Mechanismen internationaler Rivalität 1840 – 1914" untersucht, unter den Aspekten "Industrialisierung, Volkskrieg und die Grenzen von Land- und Seemacht". Der zweite Teil widmet sich der "Seestrategie in einer sich industrialisierenden Welt, 1865 – 1895", und der dritte Teil endlich den "Ursprünge[n] und Ziele[n] des Tirpitz-Planes, 1895 – 1914", dem eigentlichen Kernthema, welches allerdings ohne die beiden einleitenden Kapitel nicht verständlich darzulegen gewesen wäre.

Der erste Teil analysiert die Rahmenbedingungen militärischer Macht in der zweiten Hälfte des 19. Jh., mit der Seemacht als ein Teil des Gesamtsystems, vor allem die mit dem US Civil War und dem Krieg von 1870/71 eingetretene Wandlung vom Kabinettskrieg zum Volkskrieg sowie die Lehren, die für künftige Kriege daraus gezogen wurden. Weiterhin wird der technologische Wandel und seine Auswirkungen auf die Kriegführung zur See untersucht. Nur sehr dilatorisch ist beispielsweise bislang in die Geschichtsschreibung die Begründung der taktischen Schulen eingeflossen, wo erst durch den Einsatz des Dampfantriebs überhaupt eine taktische Durchbildung von Geschwadern und Flotten ermöglicht wurde. Der Rezensent hat jene Thematik einst in dem plakativen Satz zusammengefaßt: "Wie sollten die Schiffe eigentlich kämpfen?" Beschlossen wird dieser erste Teil mit einer ebenso selten vorgenommenen Untersuchung der seerechtlichen Aspekte im Rahmen der Pariser Seerechtsdeklaration von 1856, z.B. die Grenzen der Führung eines (See-)Krieges durch Kombattanten in Bezug auf die Rechte der Neutralen. Hier kommt der Autor zum ersten Mal auf eine erste Kernthese zu sprechen, daß nämlich ein Wirtschaftskrieg/Handelskrieg nur dann zu führen gewesen sei, wenn die vor allem seitens der USA – des seemächtigsten Neutralen späterer Jahre – seinerzeit vehement propagierte "Freiheit der Meere" für die Neutralen in dem Konflikt gewahrt geblieben wäre.

Für die Deutsche Marine des 19. Jh. ergibt das eine durchaus überraschende Schlußfolgerung, nämlich, daß die Ären Stosch und Caprivi unter einem völlig neuen Licht betrachtet werden müssen, als die bis heute nachwirkende tirpitzsche Propaganda uns weismachen wollte: Die "lebendige Küstenverteidigung", unter dem Begriff "Ausfallflotte" charakterisiert – und verdammt –, war für die deutschen Seeinteressen genau der richtige Weg in einem antizipierten Krieg gegen Frankreich, Rußland oder eine Kombination der beiden. Eine Blockade des deutschen Seehandels vor den Küsten zu brechen war die Aufgabe der Marine, um damit rechtlich weiterhin den freien Handel zu ermöglichen. Gegen unrechtmäßige Auslegungen des Blockadebegriffs schützte dann die vereinte Macht der Neutralen, also vor allem Englands. Unter diesem Dach hätte es sich vergleichsweise ruhig schlafen lassen, doch wurde die entsprechende Kausalität nicht in Gänze erfaßt und spätestens mit der "Weltpolitik" über Bord geworfen.

Der zweite Teil untersucht intensiv die der Taktik übergeordneten Strategien der Hauptseemächte. Zwangsläufig muß er dabei zunächst mit der klassischen britisch-französischen Antagonie beginnen, deren bekanntestes Ergebnis – geboren aus der dauerhaften Unterlegenheit Frankreichs – die "Jeune Ιcole" geworden ist. Wenig publiziert, weil nicht unbedingt in die heutige "pc" passend, sind allerdings einige Implikationen dieser "jungen Schule". Wer beispielsweise noch immer der Mär glaubt, die "bösen Deutschen" wären die Erfinder der warnungslosen Kriegsführung mit Torpedoträgern, dem sei die Beschäftigung mit der französischen Marinegeschichte wärmstens ans Herz gelegt.

Auf der britischen Seite stand dem der lange währende Konflikt zwischen der "brick and mortar school" und der "blue water school" gegenüber, also im Kern die Auseinandersetzungen zwischen den Verfechtern einer Küstenverteidigung und jenen, welche die Sicherheit des Empire zur See einer ozeanischen Marine anvertrauen wollten. Das Ergebnis ist bekannt, die Royal Navy erlebte ihre Blüte als Garant des "pax britannica" mit einer Flotte, welche zeitweilig kurz vor Erreichen des "three-power-standards" stand.

Der Autor greift anläßlich der Untersuchung der deutschen Seestrategie nochmals seine am Ende des ersten Abschnitts gezogenen Folgerungen auf. Ein Krieg gegen England war außerhalb jeder Diskussion, allein die unmittelbaren Nachbarn im Westen und im Osten waren ins Kalkül zu ziehen. An der Stärke derer beider Marinen hatte sich die Deutsche Marine zu orientieren, wobei eine Vereinigung beider als "worst case" nicht eintreten durfte. Nach der Erfüllung seiner Prämisse von 1872, "Wir müssen allen Seemächten zweiten Ranges überlegen sein" hätten Bismarck und seine Nachfolger mit ruhiger Hand das Spiel der diplomatische Balance weiterspielen können und den so häufig propagierten Schutz des deutschen Handels der Sicherheit des Mächtegleichgewichtes anvertrauen können. Mit der Abkehr von jener soliden Politik beschäftigt sich der Autor dann ausführlich im dritten Teil.

Auch die deutsche Seestrategie jener Jahre ging einen eigenen Weg und entlehnte ihre Doktrin mangels einer eigenen Tradition nicht etwa anderen Seemächten, sondern – etwas überraschend – Clausewitz, was an nahezu wörtlichen Übernahmen von dessen Lehrsätzen in die formulierten Aussagen der "Seetheoretiker" festzumachen ist. Und wie Clausewitz die Lehrsätze von der "strategischen Offensive" und der "Vernichtungsschlacht" als ultimativem Instrument der Kriegführung geprägt hatte, wurden sie seitens der Marinetheoretiker für die eigenen Belange übernommen – ohne aber allzu sehr auf die unterschiedlichen Naturelle von See- und Landkrieg einzugehen. Ganz wichtig sollten aber auch – zu Unrecht von der Forschung in den vergangenen Jahren ignoriert – die von Caprivi, noch als Chef der Admiralität, initiierten "12 taktischen Fragen" für die hier wohl mit Fug und Recht so genannten "preußischen Schule seestrategischen Denkens" werden.

In der Tradition dieser "preußischen Schule" und seiner ganz eigenen Kombination mit den Lehren Mahans stand Tirpitz, als er im Juni 1894, als Chef des Stabes des Oberkommandos" seine berühmte Dienstschrift IX publizierte, deren Titel eigentlich, vergleichsweise unauffällig, "Allgemeine Erfahrungen aus den Manövern der Herbstübungsflotte" lautet. Der für die vorliegende Arbeit interessanteste Aspekt im Lichte der späteren deutschen Marinerüstung sind die in der "Dienstschrift" getroffenen Aussagen hinsichtlich der Voraussetzungen für eine Erringung der Seeherrschaft mittels der o.g. "strategischen Offensive", nämlich unbedingte Überlegenheit in einem Stärkeverhältnis von 3 : 2. Wir kennen dieses Verhältnis in umgekehrter Form aus dem "Tirpitz-Plan" späterer Jahre, dem sich der Autor dann im folgenden ausführlich widmet.

Er legt hier nämlich die Inkonsistenz tirpitzschen Denkens schonungslos offen, in dem dieser im Rahmen der Begründungen zu seinen Flottengesetzen der Öffentlichkeit weis zu machen versuchte, daß eben auch eine im genannten Verhältnis unterlegene Flotte eine abschreckende Wirkung entfalten würde, die berühmte "Risikotheorie". Er stellte damit also seine nur sechs Jahre alten, aus der Erfahrung gewonnenen Theorien auf den Kopf. An diesem Scheideweg versuchten nun einige "Historiker" eine geheime Absicht hinter dem "Tirpitz-Plan" zu konstruieren, trotz der publizierten Zahlen hätte die Absicht bestanden, eine der Royal Navy im Verhältnis 3 : 2 überlegene Flotte zu bauen. Angesichts der Realitäten, die sich spätestens in den Jahren 1911/12 zeigten, nämlich daß sogar der durchgeführte Plan an die Grenzen der Finanzierung stieß, sollte man diese Theorien ganz schnell auf dem berühmten Müllhaufen der Geschichte entsorgen, wenn auch – nach den Tagebüchern "Hopmanns" – ein "1 : 1 – Verhältnis" nicht außerhalb der Träume des "Meisters" gelegen haben soll.

Der Autor kommt demgegenüber zu einem gänzlich anderen Ergebnis hinsichtlich der möglichen Auswirkungen des Flottenbaues: "Die bisher verbreitete Auffassung von der Kontinuität im deutschen seestrategischen Denken von der Dienstschrift IX bis zur Risikotheorie kann nicht länger aufrechterhalten werden. Gleiches gilt für die Vorstellung, daß die "Risikoflotte" eine verdeckte Bedrohung der britischen Seeherrschaft darstellte – ein militärisches Kalkül, welches die politische Offensive untermauerte, die den deutschen Aufstieg zur Weltmacht sicherstellen sollte. Die Risikotheorie war ein defensives, zur Abschreckung ersonnenes Konzept. Betrachtet man es im Lichte von Tirpitz‘ eigener früherer Doktrin, so fällt es schwer zu verstehen, wie es auch nur als solches hätte funktionieren sollen."

Wenig Beachtung in diesem Zusammenhang fand seitens der Historiographie interessanterweise die Situation und die dementsprechenden Erklärungen der führenden Protagonisten im Jahre 1912, als der Zenit des Flottenbaues erreicht worden war. Das "2 : 3 – Verhältnis" (10 : 16 in der britischen Doktrin) – allerdings nur bei den Dreadnoughts – war Faktum geworden und Tirpitz überzeugt, das notwendige Maß an Risiko gegenüber Großbritannien aufgebaut zu haben, um es vor einer aktiven Kriegsteilnahme zurückschrecken zu lassen. Jetzt mußte nur noch der status quo gehalten werden. In jenem vermeintlich abgeschreckten Land verkündete zur gleichen Zeit ein Herr Churchill – immerhin "Marineminister" – ebenfalls seine Zufriedenheit mit dem erreichten, und konnte seiner Nation versichern, die deutsche Flotte könne die lebenswichtigen Interessen Großbritanniens nicht gefährden.(!)

Beinahe unnötig erscheinen nach diesen Aussagen noch die Kapitel, in denen quasi die berühmten offenen Türen eingerannt werden mit der Feststellung, daß dem deutschen Flottenbau jener Tage mitnichten etwas außergewöhnliches anhaftete. Er war ein Kind seiner Zeit und das Außergewöhnliche ist nur darin zu sehen, daß er "mit deutscher Gründlichkeit" durchgeführt wurde, etwas, worum Tirpitz sicherlich von so manchem Marineminister beneidet wurde.

Die Schlussfolgerungen des Autors sind eindeutig und nach den o.g. Zitaten nicht überraschend. Der "Tirpitz-Plan" war widersprüchlich zu den Erkenntnissen, die sein Schöpfer im Rahmen der preußisch-deutschen Seemachtideologie gewonnen und formuliert hatte. Dementsprechend falsch und dazu bewußt unscharf war das Bild, welches der Staatsführung von den Zielen und Möglichkeiten des Flottenbaues gezeichnet wurde. Die deutsche Flotte war bei weitem zu schwach (konzipiert), um in Großbritannien als ernsthafter Rivale wahrgenommen zu werden – dementsprechend konnte sie 1914 auch nicht abschreckend wirken. In diesem Selbstbetrug liegt die wahre Tragik des "Tirpitz-Planes" – und darin, was Historiker aus ihm gemacht haben. Eine der größten Lügen des 20. Jahrhunderts war jene, den Ausbruch des Krieges einem "Flottenwettrüsten" in die Schuhe zu schieben, was es in der beschriebenen Form nie gegeben hat, die Verwendung von "Flottenpaniken" und anderen Instrumentarien sei hier bewußt als surreal ausgeklammert. Doch die Formel von einem Wettrüsten war einfach zu simpel, um sie nicht zu verwenden, wir können das Ergebnis in jedem Schulbuch und in jeder diesbezüglichen Sendung des "Geschichtsgurus" des deutschen Fernsehens finden. Die Gründe für die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts sind unendlich vielschichtig und vielfältig, jedoch können wir den meist zitierten Grund jetzt getrost ad acta legen – es bleiben noch genug übrig.

Für das Buch eine simple Empfehlung auszusprechen ginge an seinem Gehalt vorbei. Es sollte zur Pflichtlektüre werden oder, anders formuliert: Jedes künftige Buch- oder sonstige Medienprojekt über den deutschen Flottenbau, wenn nicht sogar über die "große Politik" vor dem Ersten Weltkrieg, muß zwingend den "Hobson" integrieren und zitieren – sonst braucht es nicht ernstgenommen zu werden. Mehr nicht!

Dirk Nottelmann (2004)


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