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Mein lieber Schatz!

Herausgeber: Michael Epkenhans
Titel: Mein lieber Schatz!
Untertitel: Briefe von Admiral Reinhard Scheer an seine Ehefrau, August bis November 1918; Kleine Schriftenreihe zur Militär- und Marinegeschichte Bd. 12
Seiten: 188
Abbildungen: 9
Verlag: Winkler-Verlag
Ort, Jahr: Bochum, 2006
ISBN 3-89911-064-1

Es klingt unglaublich, ist aber wahr, daß ausgerechnet über einen der drei bekanntesten Flottenführer des Ersten Weltkriegs keine ernstzunehmende Biographie existiert, bzw. existieren kann. Dieses Defizit ist vor allem auf das Fehlen eines verwertbaren Nachlasses zurückzuführen, obwohl Scheer - wie inzwischen bekannt geworden ist - in ständigem Briefwechsel mit seiner Ehefrau stand und außerdem ein Tagebuch führte. Dieser Nachlaß gilt offiziell als verschollen, sogar seine Qualifikationsberichte in den offiziellen Marineakten sind deutlich sichtbar "bereinigt" worden. Allenfalls Fragmente waren bisher bekannt, weiteres mußte aus den Schriften von Zeitgenossen herausgelesen werden. Seine beiden in den 1920er Jahren selbst verfaßten Erinnerungsbände hingegen gelten als Teil der umfangreichen Rechtfertigungsliteratur jener Jahre, sind also mit Vorsicht zu genießen.

Als ein Glücksfall ist daher zu betrachten, daß dem Herausgeber vor einigen Jahren Kopien von Abschriften der Briefe Scheers an seine Ehefrau für den Zeitraum August bis November 1918 zum Kauf angeboten wurden, was ziemlich genau den Zeitraum seiner Tätigkeit als Chef der neugeschaffenen Seekriegsleitung umfaßt, und hier somit - nach Angaben des Herausgebers - in ungekürzter, nur äußerlich vereinheitlichter und mit einem Anmerkungsapparat versehenen Form der Öffentlichkeit vorgelegt werden können. Um diese Dokumente zeitgeschichtlich einzubetten, ergänzt der Herausgeber die Edition um eine "biographische Skizze" des Admirals, welche ihren Schwerpunkt - was wunder - in dem hier beschriebenen gut dreimonatigen Zeitraum hat. Interessant aber auch, weil wenig bekannt, die Beschreibung seines Lebens, nachdem er endgültig am 17. Dezember 1918 aus der Marine ausgeschieden war, bis zu seinem Tode am 26. November 1928.

Was für Erkenntnisse gewinnt der Leser aber aus den Briefen, stellt doch der vergleichsweise kurze Zeitraum im wesentlichen nichts anderes als die durch weitgehende Untätigkeit bestimmte Agonie der Kaiserlichen Marine sowie die "Götterdämmerung" des Kaiserreiches selbst dar?

Zum Einen ist da sicherlich die Verbreiterung der Basis der Erkenntnis über jene Zeit, spielte sich das Leben des Chefs der Seekriegsleitung doch überwiegend im Großen Hauptquartier zu Spa ab. Zu den Erinnerungen der Seeoffiziere Magnus von Levetzow und Ernst von Weizsäcker, die in seinem Stab dienten, dem länger bekannten Nachlaß Admiral von Müllers sowie den jüngst editierten Nachlässen von Lynckers und von Plessens gesellen sich jetzt auch noch die Sichtweisen Scheers. Sicherlich darf man hier keine die bisherige Geschichtsschreibung in Frage stellenden Neuigkeiten erwarten, ist doch der Rahmen in dem sich Scheer bewegte hinreichend bekannt.

Nein, hier zählt vor allem die menschliche Seite des "unbekannten" Admirals, die Charakterisierung der ihn umgebenden Personen und Handlungsstränge. Schließlich schrieb er hier nicht für seinen Nachruhm - eine Veröffentlichung der Briefe war allem Anschein nach nicht vorgesehen - sondern vertraute seine Gedanken nur seiner ihm wohl eng verbundene Gattin an. Besonders interessant ob ihrer lakonischen Kürze sind beispielsweise seine Kommentare zu den Vorgängen in Wilhelmshaven und Kiel Ende Oktober/Anfang November 1918. Einen charakteristischen letzten Beweis seiner Gesinnung legte er am 9. November vor, als er den Kaiser - wohl angesichts dessen von ihm antizipierten unmittelbar bevorstehender Abdankung - um seine Entlassung aus dem Dienst bot, "da die Voraussetzungen hinfällig geworden sind, unter denen ich bisher Dienst getan habe." Das Gesuch wurde übrigens noch am 10. November abgelehnt, eine der letzten Amtshandlungen der kaiserlichen Administration überhaupt! Wie dramatisch und unsicher Scheer die unübersehbare Lage einschätzte und sogar mit seinem Leben abgeschlossen hatte, geht aus dem letzten überlieferten Brief hervor, welcher den Charakter eines Abschiedsbriefes an seine Familie trägt. Das ist im wahrsten Sinne des Wortes Zeitgeschichte zum Anfassen.

Hinsichtlich der "Rahmenhandlung", der genannten "biographischen Skizze", läßt sich festhalten, daß diese die Laufbahn und das anschließende Zivilleben des Admirals wohl recht treffend umreißt. Man sollte sich dabei allerdings immer an eine der Grundregeln der Geschichtswissenschaft halten, nämlich die Position des Autors/Herausgebers ob seiner eigenen Position gegenüber dem Gebot der Neutralität zu prüfen. Diese Prüfung fällt - wenig überraschend - nicht zur vollen Zufriedenheit aus, eine nicht immer nur latente Tendenz ist schon zu erkennen. Aber das mag jeder Leser für sich selbst entdecken und bezüglich der Wichtigkeit für ihn persönlich entscheiden. Insgesamt ist die Edition als die oben zitierte Verbreiterung des Wissensstandes ohne Frage zu begrüßen.

Dirk Nottelmann (2007)


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