Symbol des AK Krieg zur See 1914-1918 Das Buchschapp

Hauptseite
Arbeitskreis
Nachrichtenblatt
Buchschapp
Buchbesprechungen
Impressum

Höhe- und Wendepunkte deutscher Militärgeschichte

Autor: Franz Uhle-Wettler
Titel: Höhe- und Wendepunkte deutscher Militärgeschichte
Untertitel: Von Leuthen bis Stalingrad
Seiten: 416
Abbildungen: 8 Farbbildseiten, div. s/w-Abbildungen
Verlag: Ares-Verlags-GmbH
Ort, Jahr: Graz, 2006
ISBN 3-902475-26-9

Als Hintergrund für die Rezension in diesem Forum sei ein Auszug aus dem Pressetext zitiert: „Dieses Buch ist bereits ein eingeführtes und populäres militärhistorisches Werk (von Hase & Koehler, 1984; E.S. Mittler, 2000), das für die Neuauflage umfangreich bebildert und mit einem zusätzlichen Kapitel über die Seeschlacht am Skagerrak im Ersten Weltkrieg ergänzt wurde.“

Dementsprechend soll auch die Wertung dieses zusätzlichen Kapitels im Vordergrund stehen und das bereits Eingeführte nur gestreift werden, wobei es von der Gewichtung her bei weitem die Oberhand hat. Seine Ursprünge hat dieses Kapitel sicherlich in der Beschäftigung des Autors mit der Person Tirpitz, wir verdanken ihm die derzeit aktuellste, wenn auch umstrittene Biographie des Großadmirals.

Uhle-Wettler beginnt sein Kapitel über „Skagerrak“ mit einer Vorgeschichte über den deutschen Flottenbau bis zum Juli 1914, wobei er die Gelegenheit benützt, der Zahl seiner kritischen Rezensenten o.g. Biographie einige Worte der Entgegnung zu widmen. Wie üblich dürfte sich die sprichwörtliche „Wahrheit“ irgendwo in der Mitte der publizierten Meinungen wiederfinden lassen, aber es stellt der deutschen Historikerkaste wahrlich kein gutes Zeugnis aus, wenn man aus der Form der Antworten auf die Vorwürfe schließen darf. Und leider nur zu wahr sind die einleitenden Worte des Autors: „Angesichts solcher Vorwürfe ist es fast verständlich, daß derjenige der sie kritisch hinterfragt (was sonst als Vorzug gilt) oder gar zu einem anderen Urteil kommt, sich zu seinem Erstaunen oder Amüsement leicht als „rechtslastig“ usw. bezeichnet wiederfindet.“

Eine seiner Kernthesen findet dabei inzwischen sogar auf deutscher Seite ungeahnte Bestätigung (siehe unter anderem die Rezension „Die trügerische "First Line of Defence"“), nämlich daß der deutsche Flottenbau nur marginal zur deutsch-britischen Antagonie jener Jahre beigetragen hat. Hier wurde Uhle-Wettler inzwischen auf das glänzendste bestätigt. Unglücklicherweise bemüht er allerdings wieder - wie in der Tirpitz-Biographie eben auch - Zahlen über die Flottenstärken, die weitergehende Differenzierungen wie Modernität, Ausbildungsstand, etc. außer Acht lassen, ihn also in völlig unnötiger Weise angreifbar machen. Dies ist um so unnötiger als er beispielsweise, wie kaum ein zweiter Historiker in diesem Land, nicht der allgemein politisch korrekten These der Nutzlosigkeit der Deutschen Flotte im Ersten Weltkrieg das Wort redet, sondern seine völlig richtigen Gedanken über ihren Wert formuliert.

Zwar war die Deutsche Flotte trotz aller großsprecherischen Worthülsen vor allem des Kaisers bei weitem zu schwach, um im Konzert der Mächte die ihr eigentlich zugedachte abschreckende Wirkung einem Kriegseintritt Großbritanniens gegenüber auszuspielen, doch war sie stark genug, um die Ostsee zu einem „mare nostrum“ werden zu lassen. Jeder theoretische Ansatz eines Einbruchs der Royal Navy in die Ostsee, vor allem von Fisher propagiert, wurde von der Flottenführung zu recht als mit unnötig hohem Risiko belastet angesehen. Ein Umstand, welcher, nebenbei bemerkt, zu dem verlustreichen und erfolglosen Dardanellen-Unternehmen führte. Ohne diese Tatsache einer geschlossenen Ostsee wäre aber ein Kriegsverlauf, wie der sich tatsächlich abspielende, aufgrund der dann unhaltbaren Versorgungslage undenkbar gewesen.

Nach diesen Präliminarien geht Uhle-Wettler auf den eigentlichen Ablauf der Schlacht über. Bei aller Kompaktheit der Schilderung vergißt er aber nicht, einige Vorgänge etwas tiefergehend zu betrachten, ist die Darstellung doch nicht für Spezialisten, sondern für eine breitere Leserschaft geschrieben, denen heutzutage zum großen Teil jedes Detailwissen zum Seekrieg abgehen dürfte. Jedes wesentliche Ereignis während der Schlacht findet so seinen Niederschlag, und auch das abschließende Fazit, unter Heranziehung mehrerer Quellen darf als ausgewogen bezeichnet werden. Interessant - und wohl begründbar - ist die Auslassung neuerer deutscher Quellen zu dem Thema: Es gibt sie nicht! Seit Lochners kommentierter Übersetzung des „Bennet“ ist im deutschen Sprachraum keine zusammenhängende Darstellung der Schlacht mehr erschienen. Traurig genug, daß der 90-jährigen Wiederkehr des Tages im Jahre 2006 in Deutschland auch „nur“ in Form dieses Sammelbandes gedacht wurde. Aber vielleicht ist das auch besser so!(?)

Der allgemein an der Militär- und Marinegeschichte interessierte Leser ist gut beraten, sich die hier vorgelegte sachliche Darstellung zu Gemüte zu führen, sie verdient durchaus eine weitere Verbreitung. Gleiches gilt übrigens auch, nach der auf diesem Sektor eher unmaßgeblichen Meinung des Rezensenten, für die übrigen Kapitel des Buches. Sie sind sehr verständlich geschrieben und trotz durchaus kritischer Anmerkungen sehr sachlich. Für den Rezensenten hat sich der Blick über den Tellerrand jedenfalls gelohnt.

Dirk Nottelmann (2007)


free counters