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SANKT GEORG

Autor: Nikolaus A. Sifferlinger
Titel: SANKT GEORG
Untertitel: Österreich-Ungarns letzter Panzerkreuzer. Im Dienste der k.u.k. Außenpolitik in Krieg und Frieden.
Seiten: 232
Abbildungen: durchgehend illustriert mit Fotos, Karten sowie Faksimiledarstellungen
Verlag: Neuer Wissenschaftlicher Verlag
Ort, Jahr: Wien, 2003
ISBN 3-7083-0105-6

Mit der Geschichte von Österreich-Ungarns letztem Panzerkreuzer legt Nikolaus Sifferlinger nur kurze Zeit nach seiner umfangreichen Arbeit über die Entwicklung der Funktelegraphie in jenem längst vergangenen Land ein gleichermaßen gehaltvolles Werk vor. Und wenn sich der Rezensent nicht furchtbar täuscht, präsentiert er damit gleichzeitig auch die erste umfassende Monographie über einen Vertreter jenes nachträglich international so verfemten Schiffstyps.

In konsequenter Weise beginnt dementsprechend auch die Darstellung mit einer kurzen Geschichte des Typs „Panzerkreuzer“ an sich, allerdings primär aus der Sicht der k.u.k.-Marine gesehen, und nicht in der Breite, die seit langem schon eines der großen Desiderate der internationalen Marinegeschichtsforschung ist. Dies ist keinesfalls als Vorwurf gemeint, sondern mag dem einen oder anderen eventuell als Anregung dienen. Das erste Kapitel klingt aus in den differenzierten Überlegungen, welche die Grundlage für den Bau des Panzerkreuzers „E“ bildeten. Es folgt die Baugeschichte, mit mehr oder minder eingehender Diskussion zu einigen der letztlich für die Konstruktion gewählten Lösungen. Von Interesse ist dabei, zu lesen, wie die Deutsche Marine in ihrem Sprachrohr, dem „Nauticus“, über den neuen Kreuzer des Verbündeten urteilte, zumal gerade jener Schiffstyp nicht zu den bevorzugten Konstruktionen von Tirpitz' Mannen gehörte. Das Unterkapitel schließt mit der Erwähnung der Legende des „Heiligen Georg“ - wie es in Veröffentlichungen offenbar gute Sitte ist, auch die Namensherkunft der Schiffe eingehend zu beleuchten. Wir haben dies letztens bereits in dem Werk Erwin Sieches über die k.u.k. Kreuzer kennengelernt. Übrigens ergeben sich mit jener Veröffentlichung zwangsläufig Überschneidungen, welche aber aufgrund der unterschiedlichen Intentionen beider Autoren keinen von der Anschaffung abhalten sollten.

Das folgende Unterkapitel bezüglich der Indienststellung beschließt den Teil zu Bau und Ausrüstung des Schiffes und leitet über in den großen Bereich, „Sankt Georg vor dem Ersten Weltkrieg“. Dabei gehörte das Schiff anfangs zu den aktiveren Einheiten der Marine, wenn es auch ab 1908 mehrfach in die Reserve“eskadre“ wechselte. Zuvor repräsentierte der Kreuzer allerdings im Jahre 1907 noch die Doppelmonarchie anläßlich der 300-Jahr-Feier der ersten dauerhaften englischen Besiedlung Virginias, der sogenannten „Jamestown-Exposition“. Vom 26. März bis zum 10. Juli war die Sankt Georg deswegen fern von Pola, dem Hauptkriegshafen der Flotte. Im Rahmen der ab dem Jahre 1911 andauernden europäischen Krisen, welche uns Nachgeborenen als der konsequente Weg in den Abgrund Europas erscheinen, konnte allerdings nicht mehr auf den zwar noch neuen, militärtechnisch hingegen um Jahre gealterten Panzerkreuzer verzichtet werden, er stellte von 1911 an endgültig wieder in Dienst.

Mit gut 80 Seiten nimmt die Schilderung der Ereignisse um die Sankt Georg im Ersten Weltkrieg den breitesten Raum ein, was etwas Verwunderung erregen könnte, kam es doch nur anläßlich der den Krieg mit Italien eröffnenden großen Flottenaktion zu einem aktiven Eingreifen mit scharfen Schüssen. Ansonsten belief sich die Tätigkeit der Flotte bekanntlich überwiegend auf Stationärsdienste. Der zweite „große“ Einsatz war dementsprechend bereits eher moralischer Natur, als das Schiff zur Unterstützung des verfolgten und bereits angeschlagenen Kreuzerverbandes Kapitän Horthys aus der Bucht von Cattaro auslief, für ein Eingreifen hingegen zu spät kam. Die Bucht von Cattaro, der Hauptliegeplatz der Sankt Georg während des Krieges, sollte allerdings noch eine negative Bedeutung in der Karriere des Kreuzers erhalten, als im Winter 1918 jene Ereignisse geschahen, welche als „Matrosenaufstand von Cattaro“ in die Geschichte eingegangen sind. Die Mannschaft des Kreuzers hatte ein gerüttelt Anteil an der Revolte, was in vorliegendem Buch umfangreich geschildert wird. Der Rezensent jedenfalls hat eine derart ausführliche Darstellung dieser tragischen Vorkommnisse bislang noch nirgends gelesen, zumal sie zusätzlich mit Augenzeugenberichten „gewürzt“ sind. Nur zwei Monate später stellte der Panzerkreuzer aufgrund des großen Personalmangels in der Flotte außer Dienst, um als offiziell britische Kriegsbeute ab Ende 1920 in Genua abgewrackt zu werden. Was sollte man auch sonst mit diesem rundum von der Zeit überholten Schiff anfangen?

Eine Wertung über das vorliegende Buch abzugeben fällt vergleichsweise leicht, wenn sie auch entsprechend der Interessenlage des Einzelnen etwas zu differenzieren ist. Ohne Zweifel handelt es sich um eine der umfassendsten und auch wertvollsten bisher erschienenen Schiffs-Monographien, die - wenn überhaupt - nur wenige Fragen offen lassen dürfte. Das Thema wird im wahrsten Sinne des Wortes erschöpfend behandelt. Genau darin könnte aber für den „Durchschnittsleser“ aber auch das Manko liegen: Er erhält hier eine Informationsflut, welche seinen Wissensbedarf bei weitem übersteigen dürfte und die gut und gerne hätte komprimiert werden können, ohne wesentliche Dinge auszulassen. Den Lesefluß störend sind auch die unzähligen Einschübe mit der Nennung der heutigen Ortsbezeichnungen. Das mag zwar demjenigen Leser zum Vorteil sein, der die Orte auf einer heutigen Landkarte sucht, aber - zumindest nach Meinung des Rezensenten - sind jene eher in der Minderzahl. Zum Glück ist in der deutschen Geschichtsschreibung - im Sinne von „political correctness“ - bislang noch niemand auf die Idee gekommen, seinerzeit wären die Schiffe nach Gdynia, Gdansk, Baltysk oder gar Kaliningrad eingelaufen. Aber wer weiß...?

Insgesamt ist diese Neuerscheinung jedoch unbedingt zu begrüßen, und sollte eigentlich in keiner an der Zeit orientierten Sammlung fehlen.

Dirk Nottelmann (2003)


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