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Scapa Flow

Autor: Andreas Krause
Titel: Scapa Flow
Untertitel: Die Selbstversenkung der wilhelminischen Flotte
Seiten: 432
Fotos und Abbildungen: 50
Verlag: Ullstein Buchverlage
Ort, Jahr: Berlin 1999
ISBN 3-550-06979-0

Es mag angesichts des behandelten Themas sonderbar klingen, aber dieses Buch ist unbedingt erfreulich zu nennen! Man wagte es kaum zu hoffen, daß angesichts der 80ten Wiederkehr jenes so legendären "Tages von Scapa Flow" mit all seinen Legenden, Entstellungen und Ungereimtheiten sich überhaupt jemand dieses Themas annehmen würde, zumal innerhalb der so geschichtsfeindlichen deutschen Grenzen. Wenn diese Darstellung dann auch noch so sachlich und geschichtlich ausgewogen ausfällt, ist man leicht geneigt von einem ersten Höhepunkt auf dem begrenzten deutschen marinegeschichtlichen Buchmarkt zu sprechen. Sollte es tatsächlich möglich sein, daß auch in diesem Land ein zartes Pflänzchen zu wachsen beginnt, genannt "sachlicher und vorurteilsfreier Umgang mit der eigenen Geschichte"? Einige Veröffentlichungen der letzten Jahre geben zu kühnen Hoffnungen Anlaß.

Der noch junge Autor, von Haus aus kein Historiker, sondern Germanist und Philosoph, bekennt freimütig, bis in das Jahr 1986 nichts von den Vorgängen des Jahres 1919 auf den so entlegenen Orkney-Inseln gewußt zu haben - eine Aussage, die angesichts der Geschichtskunde auf deutschen höheren Schulen nicht nur glaubhaft, sondern sogar sehr wahrscheinlich ist. In jenem Jahr bereiste er die Orkneys als Tourist und hörte erstmals über die weltgeschichtlich immerhin nicht unbedeutenden Vorgänge, ließ dieses neuerworbene Wissen aber ruhen, bis er 1994 das bekannte Buch Ludwig v. Reuters in die Hände bekam - nach dessen Lektüre packte es ihn, mehr über die damaligen Ereignisse zu erfahren.

In vorliegendem Buch spannt er den Bogen über das eigentliche Ereignis hinaus, indem er in zunächst stark komprimierter Form die Marinegeschichte bis zum Ausbruch des Krieges schildert, dann in umfassenderer Form die Ereignisse des Krieges mit ihren wesentlichen Tendenzen einer Analyse unterzieht. Gebührenden Raum nehmen selbstverständlich die schicksalhaften Tage von September - November 1918 ein, wobei er den rein navalen Blickwinkel verläßt, um das verzwickte Verhältnis, Ententemächte - OHL - Reichsregierung - Flottenführung - Kaiser, angemessen darzulegen. Schon hier gilt, wie eigentlich für das ganze Buch: Es sind weniger spektakuläre Neuigkeiten, die das Gesamtergebnis bestimmen, vielmehr werden die mehr oder minder bereits bekannten Tatsachen in einen schlüssigen, überzeugenden Gesamtkontext gebracht zu haben. Nie bleibt der Autor bei dem nur navalen Blickwinkel stehen.

Vorstehendes gilt insbesondere dann, wenn es um die direkte Vorgeschichte der Internierung/Ablieferung des wichtigsten Teils deutschen Flotte geht, mit den so konträren Vorstellungen auch auf der Seite der Entente. Geschickt weicht der Autor weiterhin der Gefahr aus, der Eintönigkeit des Lebens auf den Schiffen während der Internierung eine ebensolche Darstellungsweise zur Seite zu stellen. Die Schilderungen der Handlungen von Menschen, die sicherlich einem Ideal nachstrebten, aber doch häufig auch aus reiner ideologischer Verblendung handelten - wie es viele der Soldatenräte nun einmal taten -, hat eine immer wiederkehrende, beklemmende Aktualität. Wichtig sind weiterhin die Handlungen aller beteiligten Personen und Mächte im Vorfeld des 21. Juni 1919, und die wesentlichste Überraschung darin bildet die gewonnene Überzeugung des Autors, die er beredt zu vertreten weiß, daß die Versenkung mit stillschweigender Billigung der Engländer stattgefunden hat.

Mit einer völkerrechtlichen Analyse der Versenkung, der Schilderung des Schicksals der Internierungs(rest)besatzungen, die in den Augen der Engländer plötzlich wieder zu Kriegsgefangenen mutierten sowie einem Abriß über die lang andauernden Bergungsaktivitäten schließt das Buch. Wem dies alles noch nicht genügt, der mag mit einem Blick auf das umfangreiche Quellen- und Literaturverzeichnis die Fleißarbeit ermessen, die dem Werk zugrunde liegt. Dabei findet man Buchausgaben mit dem Erscheinungsdatum 1999 - aktueller geht es wohl nicht.

Offensichtliche Fehler finden sich zum Glück nur selten, stellvertretend sei hier nur einer genannt: Im ersten Fotoblock findet sich ein schönes Bild betitelt: "19. November 1918: deutsche Großkampfschiffe der Nassau- und der Helgoland-Klasse auf dem Weg in die Internierung"(!) Diese Aussage erstaunt dann doch ein wenig. Diese beiden angesprochen Schiffsklassen unterlagen ja nun gerade nicht den Internierungsbedingungen. Des weiteren zeigt das Bild zwar drei Schiffe der Nassau-Klasse, aber die übrigen vier sind Vor-Dreadnoughts. Dies aber nur als Marginalie.

Viel interessanter ist da der Umgang des Autors mit dem großen Paradoxon der deutschen Marinegeschichte: Er spricht z.B. auf der Seite 369 über das Scheitern der deutschen (Tirpitzíschen) Flottenpolitik, über dessen Mängel im politischen und strategischen Denken. Eine Seite weiter (370) steht dann zu lesen, "Die Tatsache, daß Großbritannien die Vernichtung deutscher Seemacht mit der eigene Vormachtstellung zur See bezahlen mußte, ...". Diese Ansätze zeigen das Schisma in der Geschichtsschreibung über die Kaiserliche Marine auf, und Krause ist bisher einer der wenigen, der es wagt, auch einmal diesen zweiten Teil auszusprechen. Die Flotte, deren simplifizierte Zielvorgabe, Großbritannien von einem Kriegseintritt durch Abschreckung abzuhalten, offensichtlich gescheitert war, vollzog dennoch die übergeordnete Drohung, die in dem II. Flottengesetz von 1900 so formuliert worden war: Die deutsche Flotte muß so stark werden, daß ein Angriff auf sie mit dem Verlust der Machtstellung auch des seemächtigsten Gegners erkauft wird!

Ein Pluspunkt mehr für dieses Buch, dessen Anschaffung zumindest jedem, der sich mit der deutschen Marinegeschichte beschäftigt, ans Herz gelegt wird. Auf die darüber hinausgehende Klientel kann man nur hoffen - und versuchen, einzuwirken.

Dirk Nottelmann (1999)


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