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Das Kriegstagebuch eines kaiserlichen Seeoffiziers
(1914-1918)

Herausgeber: Kurt Graf von Schweinitz
Titel: Das Kriegstagebuch eines kaiserlichen Seeoffiziers (1914-1918)
Untertitel: Kapitänleutnant Hermann Graf von Schweinitz; Kleine Schriftenreihe zur Militär- und Marinegeschichte Band 3
Seiten: 162
Verlag: Winkler-Verlag
Ort, Jahr: Bochum, 2003
ISBN 3-89911-001-3

Mit diesem dritten Band lösen die Herausgeber der Schriftenreihe erstmals das Versprechen ein, persönliche Kriegstagebücher in den Fokus der Veröffentlichung zu stellen und diese mit heutigen Erkenntnissen zu ergänzen und zu kommentieren. Hermann Graf von Schweinitz, geb. 1883, ist sicherlich eine durchaus repräsentative Wahl für eine derartige Veröffentlichung, sind es doch vor allem seine Crew, 1901, sowie die beiden nachfolgenden, welche die "Hauptlast des Krieges zur See" tragen mußten, nämlich in ihren rangadäquaten Dienststellungen als Wachoffiziere auf größeren Schiffen, vor allem aber als Kommandanten von Torpedo- und U-Booten. So gehörten der Crew 01 beispielsweise solch illustre Namen an, wie Saalwächter, Aßmann, v. Fircks, Moraht, Weddingen, Witzell und noch einige andere bekannt gewordenen Persönlichkeiten.

Ohne groß in seine Personalbewertungsbögen einsteigen zu müssen, läßt sich ebenfalls sagen, daß Schweinitz wenn auch im Rangdienstalter eher im Mittelfeld seiner Crew angesiedelt von den späteren Bewertungen her einiges wettgemacht haben dürfte, fuhr er doch für drei Jahre als Wachoffizier auf der Hohenzollern, und deren Besatzung war ausgelesen. Mit den abschließenden Tagen dieser Friedenstätigkeit beginnt auch das Tagebuch, als die Kaiseryacht zur letzten Reise in die norwegischen Fjorde aufbricht, beschleunigt heimkehrt und abrüstet. Kaum ein größerer Kontrast ist vorstellbar, wenn Schweinitz anschließend in seine Mob-Verwendung einrücken muß, als Büroleiter der Nachrichtenkommission Cuxhaven. Aus der Sicht dieser Dienststelle kommentiert er in den folgenden Wochen und Monaten die für das weitere Schicksal der Marine so ereignisreiche Zeit, bis er dann seinem dringenden Wunsch entsprechend endlich versetzt wird. Die neue Stellung lautet: Navigationsoffizier auf der Rostock. Hier erleben wir die Lage und Stimmung bei der Flotte mit, zunächst unter Pohl, dann unter Scheer, bis die Rostock im Nachgang zur Skagerrakschlacht von eigenen T-Booten versenkt wird. Der dazugehörige Tagebucheintrag lautet mit einiger Berechtigung dann auch: "War das wirklich nötig?"

Anschließend an diese Zeit werden die Einträge insgesamt spürbar pessimistischer, was zunächst mit der allgemeinen Kriegslage, aber auch mit seiner Kommandierung auf die alte Danzig zu erklären ist, wenn auch nochmals ein "Zwischenhoch" mit der Versetzung auf die Regensburg erfolgt. Ende März 1917 kam es dann zu einem erneuten Stellenwechsel, jetzt auf einen der neuesten Kreuzer der Flotte, die Emden (II). Doch hier beginnt der schleichende Zerfall der Flotte sichtbar zu werden, wenn nicht allzu lange nach der ersten Euphorie die Klagen über Vorgesetzte und Mannschaften beginnen. Deutlich ist herauszulesen, daß entgegen gewissen patriotischen Erinnerungen der Nachkriegszeit auch die Kleinen Kreuzer Teil des allgemeinen Stumpfsinns waren und sie gleich den nachträglich so verfemten "Dickschiffen" mit ihrem "Kommißbetrieb" Probleme im menschlichen Miteinander erfuhren. Der alte Spruch hat weiterhin seine Gültigkeit, daß in der zweiten Kriegshälfte die besten Offiziere entweder tot waren oder auf den U- und Torpedobooten dienten. Ausnahmen bestätigen auch hier selbstverständlich die Regel.

Immerhin erleben wir hier durch die Zugehörigkeit des Autors zur Emden-Besatzung die wesentlichen Ereignisse um die Flotte direkt mit, gipfelnd im Unternehmen "Albion" und dem Vorstoß der Flotte im April 1918 in die nördliche Nordsee. Noch im Sommer 1918 läßt aber auch Schweinitz sich noch zur U-Schule versetzen, in deren Verband er den Zusammenbruch Deutschlands erlebt und kommentiert, bevor er in zwölfter Stunde Anfang November 1918 als Offiziersersatz noch auf das III. Geschwader in Kiel kommandiert wird. Der letzte zitierte Eintrag in das Tagebuch vom 11.11. lautet dann auch: Heute zur elften Stunde des elften Elften: Die Waffen ruhen an allen Fronten. Der Krieg ist zu Ende. Wir haben ihn verloren.

Eingefaßt sind diese aus persönlichem Erleben entstandenen Notizen in einen seitens der Herausgeber bestellten, kommentierten Kontext. Zunächst finden wir da einen Beitrag über den Wert von Selbstzeugnissen als historische Quelle. Es überrascht angesichts der Ausrichtung der gesamten Schriftenreihe kaum, daß einer noch erheblich weiter getriebenen Erfassung derartiger Quellen das Wort geredet wird, was angesichts des hier vorgelegten Tagebuchs aus Sicht des Rezensenten nur unterstützt werden kann. Viele geschichtliche Abläufe lassen sich nur/besser verstehen, wenn der persönliche Faktor in Betracht gezogen wird. Außerdem bietet nur die persönliche Schilderung einen Blick auf die Denkungsweise der damals handelnden. Niemand der heute lebenden Generationen darf sich beispielsweise vermessen, zu behaupten, er könne aus freien Stücken heraus die Ethik jener längst vergangenen Zeit verstehen, geschweige denn be- oder gar verurteilen. Ist es auch "nur" ein Zeitraum von 100 Jahren, soziologisch gesehen sind es Lichtjahre. Somit ist diese Edition von der Sache her uneingeschränkt zu begrüßen.

Ein weiteres Paradoxon unserer Zeit ist die Tatsache, daß es sowohl eines weiteren einleitenden Kapitels, als auch in das Tagebuch eingeschobener Erklärungsblöcke bedarf, um einem Großteil der heutigen Leser zu vermitteln, was der damalige Autor bei seiner Niederschrift gemeint haben könnte soll heißen, das Wissen um die "große Geschichte" damaliger Zeit ist überwiegend nicht mehr vorhanden. Daraus resultiert für den Rezensenten zumindest der einzige Wermutstropfen dieser Veröffentlichung. Das berühmt-berüchtigte "Lesevergnügen" wird ihm ein wenig getrübt, wenn z.T. die Hälfte der Seite mit Erklärungen zum eigentlichen Text gefüllt ist. Um es ganz deutlich zu machen, dies ist eine rein persönliche Empfindung des Rezensenten, der sich leider nur allzu klar darüber ist, daß es dieser Einschübe bedarf, zumal an ihrer Güte ebenfalls kein Zweifel gelassen werden soll.

Als Resümee bleibt demnach nur, die oben bereits erwähnte Einschätzung nochmals zu wiederholen: Die Edition ist uneingeschränkt dem an der Zeit interessierten zu empfehlen; für einige wenige wäre vielleicht weniger mehr gewesen.

Dirk Nottelmann (2003)


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