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Skagerrakschlacht

Herausgeber: Michael Epkenhans, Jörg Hillmann, Frank Nägler
Titel: Skagerrakschlacht
Untertitel: Vorgeschichte - Ereignis - Verarbeitung
Seiten: 391
Abbildungen: ca. 40
Karten: 13
Verlag: Oldenbourg Wissenschaftsverlag
Ort, Jahr: München, 2009
ISBN 978-3-486-58803-3

Im Jahre 2006 jährte sich das Ereignis „Skagerrakschlacht“/„Battle of Jutland“ zum 90sten Mal. Zu diesem Anlaß veranstaltete die Otto-von-Bismarck-Stiftung gemeinsam mit dem Militärgeschichtlichen Forschungsamt (MGFA) sowie der University of Oxford ein Symposium, in dessen Verlauf die Erinnerung an das singuläre Ereignis in einen Gesamtkontext gestellt wurde, dessen Zeitrahmen von 1871 bis heute reichte. Der Rezensent konnte seine Teilnahme seinerzeit leider nicht realisieren. Es ist ja ein bekanntes Faktum, daß jene Zeit, kulminierend in der Skagerrakschlacht, auch seinen Interessenschwerpunkt darstellt. Infolgedessen, daß seit jenem Symposium ein erstaunliches Stillschweigen hinsichtlich der Ergebnisse herrschte, war er um so gespannter, als die Ankündigung dieses Tagungsbandes ihn erreichte. In die Spannung mischte sich allerdings auch eine gewisse Portion Skepsis, lag und liegt doch zeitweilig die Linie der offiziellen Geschichtsschreibung nicht unbedingt deckungsgleich mit eigenen Erkenntnissen.

Gleich mit der Einführung schien sich die Skepsis zu bewahrheiten. Schlagworte wie, „Irrationalität des deutschen Flottenbaues“, „Rüstungswettlauf“ oder „verkannte Optionen“ der britischen Seite (im Bezug auf die angewandte und nach seinerzeitiger Auffassung zumindest am äußersten Rand der Legalität stehende Fernblockade), schienen nur das bislang gepflogene Dogma deutscher Historiographie zu manifestieren. Doch - um dem Fazit ein wenig vorzugreifen - weit gefehlt! Was sich auf den folgenden Seiten nach dem ersten Schreck entwickelte, ist aller Ehren wert. Aufgrund der gewählten Form des Sammelbandes lohnt es, die Beiträge pro Autor zu analysieren.

Den Anfang macht Nicholas A.M. Rodger, Professor für Marinegeschichte an der Universität von Exeter. Sein Rückblick auf die „(D)eutsch-englische Flottenrivalität, 1860-1914“ zeigt den Weg von den ursprünglich cordialen Beziehungen über die zunächst seitens Wilhelm II. ausgelösten Irritationen auf britischer Seite, hin zu den wahren, der britischen Innenpolitik geschuldeten, Auswüchsen von Irrationalität, die so plakativ „navy scare“ genannt wurden. In seinem Fazit schwankt er zwischen neuesten Erkenntnissen, beispielsweise hinsichtlich des „Invincible/Dreadnought-Sprunges“, und einer doch eher überkommenen partikularen Sichtweise hinsichtlich der alleinig navalistischen Ursachen für den deutsch-britischen Gegensatz. Das Motto: „Hätte Tirpitz nur weniger Schiffe gebaut, wären die britischen Parlamentarier/die britische Öffentlichkeit niemals von einem Gegensatz zu Deutschland zu überzeugen gewesen“, kann heutzutage eben nicht mehr so recht überzeugen.

Es folgt Frank Nägler, Mitarbeiter am MGFA, mit seinem Beitrag, „Operative und strategische Vorstellungen der Kaiserlichen Marine vor dem Ersten Weltkrieg“. Dieses Thema stand längere Zeit in der Forschung hinten an, wenngleich Tirpitzí berühmte „Denkschrift IX“ nie ganz in Vergessenheit geraten war. Intensiv hat sich aber erst Lambi 1984 damit auseinandergesetzt, bevor in den letzten 10 Jahren Hobson und Besteck bahnbrechende Studien lieferten. Auf diesen Erkenntnissen - und einigen weiteren - baut der vorliegende Beitrag auf. Vor allem anderen wird hier zunächst schön die Eindimensionalität der Tirpitzschen Planung herausgearbeitet, welche strategisch immer als „Hebel“ gegen die britische Ostküste gerichtet war (aber auch nie weiter). Man ist dabei versucht, an die Planungen des „Schlieffenplanes“ zu denken - ob es ihn nun gegeben hat, oder auch nicht. Auf jeden Fall hatte auch das Deutsche Heer 1914 nur einen „Masterplan“, eine alleinige Kriegführung z.B. gegen Rußland war nicht vorgesehen. Operativ wird weiter deutlich, daß die bis zum Kriegsausbruch immer bestehende immense Überlegenheit der britischen Flotte der Deutschen Flotte wenig mehr ließ, als im Sinne von Tirpitz' Lehrmeister v.Stosch als „Ausfallstreitkraft“ zu wirken, wobei deren Linien wiederum nicht überdehnt werden durften. Deutlich klingt aber hinter allen Diskussionen und Widersprüchlichkeiten die eigentliche Absicht der „Tirpitzflotte“ hervor - wir werden anläßlich eines weiteren Beitrages noch pointierter darauf eingehen müssen -, nämlich abschreckend zu wirken.

Ein erstes „highlight“ setzt dann der Beitrag von James Goldrick, Konteradmiral der australischen Marine, „Die Royal Navy und der Krieg: Erwartungen und Realität in den ersten Monaten des Seekrieges im Ersten Weltkrieg“. Er untersucht in kompakter Form die Gründe für die - tatsächlich vorliegende - unzureichende Kriegsbereitschaft der Royal Navy in den ersten Monaten des Krieges, sowohl technisch, als auch mental. Die Schilderungen über beispielsweise die Unzulänglichkeiten des Friedenswachdienstes unter den Anforderungen des Krieges, oder die erheblichen gestiegenen Anforderungen an die Standfestigkeit des Materials sowie die daraus gezogenen Schlüsse sind klar verständlich und eine gute Grundlage zur Studie operationsgeschichtlicher Zusammenhänge.

Auf diesem Niveau geht es weiter mit dem heimlichen britischen „Starhistoriker“ für Fragen jener Zeit, Andrew Lambert, Professor für Marinegeschichte am Kings College. Er verschreibt sich der Strategie der Royal Navy in den ersten beiden Kriegsjahren, mit „The possibility of ultimate action in the Baltic: Die Royal Navy im Krieg, 1914-1916“. Hier stehen zunächst vor allem die beiden großen Denker Churchill und Fisher im Focus, deren reibungsvolle „Zusammenarbeit“ die ersten neun Kriegsmonate dominierte. Churchills dreistufige Strategie, um Deutschland in die Knie zu zwingen, hatte auf den ersten Blick etwas zwingend logisches: 1. Clearing of the outer seas. 2. Clearing of the north sea. 3. Clearing of the Baltic. Die erste Phase war mit der Falklandschlacht faktisch erreicht, doch bereits die zweite Phase blieb im Ansatz stecken. Die Deutsche Flotte lief einfach nicht aus, um sich nachhaltig schlagen zu lassen, sondern blieb als latente „Fleet in being“ erhalten. Dennoch begannen auf Fishers Initiative die Planungen für Phase 3, denn beide Männer stellten als Konsens fest: „The Baltic is the only theatre in which naval action can appreciably shorten the war!“ Doch Churchill dauerten die mit Ziel 1916 anlaufenden Planungen zu lange und er suchte nach Alternativen, die schnellere Wirkung zeigen würden - es reifte der Plan für die desaströse Dardanellen-Operation, die zur Resignation beider führender Denker führen sollte.

Deutlich wird an dieser Stelle vor allem eines (übrigens ungeahnte Unterstützung für das Credo des Rezensenten), daß es vor dem Skagerrak nicht nur Jellicoe war, der den Krieg an einem Nachmittag verlieren konnte (ein Zitat Arthur Marders), sondern vor allem auch Scheer. Eine geschlagene Deutsche Flotte hätte der Royal Navy erst einen Einbruch in die Ostsee, das deutsche „mare nostrum“, ermöglicht, und den überlebenswichtigen Seeweg nach Schweden zerschlagen können. Doch auch dazu unten noch mehr.

Eine Bilanz der ersten Kriegsmonate aus deutscher Sicht zieht Michael Epkenhans, u.a. Privatdozent an der Universität Hamburg, in seinem Beitrag, „Die Kaiserliche Marine 1914/15: Der Versuch der Quadratur des Kreises“. Er schildert einmal mehr den unauflöslichen Widerspruch zwischen dem Wollen, einen Beweis der Daseinsberechtigung der Flotte zu liefern, und dem Dürfen, sie wirklich einzusetzen. Dabei kommt auch zu Tage, daß die Entschließung, die Flotte zunächst nicht zu riskieren, sogar bei Tirpitz einen gewissen Widerhall fand, auch wenn dieser später nichts mehr davon wissen wollte. In Kurt Asmanns Worten, viele Jahre später, lautete die Strategie sehr pointiert und treffend: „Du sollst Erfolge erzielen, aber Du darfst nichts riskieren!“ Des weiteren geht der Verfasser nochmals auf das administrative Chaos durch den gespaltenen Oberbefehl über die Flotte ein, Tirpitz' ureigenstes Werk, das ihn als würdigen Nachfolger des Zauberlehrlings später einholen sollte. Insgesamt ein grundsolider, wohlfundierter Beitrag.

Das Kernthema des Bandes, vom Umfang her auch deutlich der voluminöseste Beitrag, umreißt Werner Rahn, ehemaliger Leiter des MGFA, in seinem Beitrag, „Die Seeschlacht vor dem Skagerrak: Verlauf und Analyse aus deutscher Perspektive“. Er liefert hier - nach dem Admiralstabswerk - die wohl umfangreichste Schilderung der Schlacht in originär deutscher Sprache, was weiterhin gewürzt wird durch den vollständigen oder auszugsweisen Abdruck einiger Originaldokumente aus dem direkten Nachgang der Schlacht, wie beispielsweise den „Taktischen Erfahrungen“ oder den Gefechtsbericht S.M.S. Markgraf, um nur zwei zu nennen. Seine kompakte Darstellung ist auf der Höhe der Zeit, indem er die wichtigsten aktuellen Quellen englischer Sprache (mit Ausnahme einer wohl zu neuen) zur Auswertung heranzieht (deutsche gibt es bekanntlich nur in untergeordneten Publikationen). Die dazugehörigen neu gezeichneten Karten sind an einigen Stellen zwar stark simplifizierend, vermitteln den Ablauf dadurch aber möglicherweise besser. Einer der großen Nachteile für die graphische Darstellung der Schlacht ist eben die Tatsache, daß wohl nur auf einem Schiff der beiden Flotten - der britischen Iron Duke - ein räumlicher Plot, die relative Stellung des eigenen Schiffes zu den weiteren Geschwaderflaggschiffen/sonstigen Einheiten, vorgenommen wurde. Aufgrund der Sichtverhältnisse war dies aber bereits nicht mehr möglich in Bezug auf die deutschen Schiffen, die Schußunterlagen liefern dazu nur Momentaufnahmen. Für die hier vorgestellte Betrachtung ist das aber eher sekundär, es ist insgesamt eine Darstellung aus einem Guß, die wahrscheinlich im deutschen Sprachraum solange als Referenz dienen wird, bis die „definitive“ ausführliche Geschichte geschrieben wird - also nach heutiger Lage „ad infinitum“.

Einen zeitweilig sehr umstrittenen Teilaspekt der Schlachtgeschichte aus britischer Sicht beleuchtet John Brooks, britischer Historiker, mit der Abhandlung, „Beatty und die Führung des Schlachtkreuzerverbandes“, der sowohl technische und taktische, als auch menschliche Fragen herausstellt. Technische insofern, als er sich seinem Lieblingsthema, der britischen Feuerleitungstechnologie zum Zeitpunkt der Schlacht widmet, taktische wiederum als Darstellungen der aus dem mangelhaften oder ignoranten Gebrauch der technischen Einrichtungen resultierenden Führungsfehler Beattys und menschliche in der Schilderung der Vertuschungsbemühungen Beattys nach der Schlacht, als dieser zunächst Oberbefehlshaber der Grand Fleet, später dann noch 1. Seelord geworden war. Ein spannender Cocktail aus Informationen, die zeigen, wie sehr die nicht gewonnene Schlacht am Selbstbewußtsein einiger der führenden britischen Persönlichkeiten genagt hat.

Diesen Faden nimmt der nachfolgende Beitrag Eric Groves, Lehrer u.a. für zeitgenössische Geschichte an der University of Salford, auf, der über, „(D)ie Erinnerung an die Skagerrakschlacht in Großbritannien“ referiert. Ein kurzer Beitrag, der sich des insbesondere in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ausgetragenen regelrechten Streites der Anhänger Beattys mit jenen Jellicoes in hinreichender Tiefe widmet.

Jörg Hillmann, aus dem Bundesministerium der Verteidigung, schaut demgegenüber auf, „(D)ie Seeschlacht vor dem Skagerrak in der deutschen Erinnerung“. Letztlich ist das Ergebnis dieser Betrachtung wenig überraschend, daß es auch in der Erinnerung an diesen Tag den entscheidenden Bruch 1945 gegeben hat. Vorher in stärkstem Maße durch Admiral Raeder geprägt, der als Stabschef Hippers einer der entscheidenden Handlungsträger während der Schlacht gewesen war, ebbte die Tradition in den Zeiten Bundesdeutschlands und der Bundesmarine immer weiter ab. Bekanntlich soll sich die Bundesmarine ihre eigene Tradition schaffen, was aber in Vergangenheit und Gegenwart noch immer zu einigen Verrenkungen führte und führt. Das „Vorher“ hingegen brachte eine umfangreiche Erinnerungsliteratur jeder Couleur, ebenso wie einige der gewaltigsten malerischen Darstellungen Claus Bergens hervor - wer kennt sie nicht? Wohl wahr sind aber die Schlußworte, daß außer einem spezialisierten Kreis heutzutage kaum noch einer in Deutschland etwas mit dem Begriff „Skagerrakschlacht“ anfangen kann.

Ein bislang wenig beachtetes Thema bearbeitet Jan Kindler, Mitarbeiter am Museum der Bundeswehr, nämlich, „Die Skagerrakschlacht im deutschen Film“. Sogar der Rezensent muß eingestehen, von in den 20er/30er Jahren entstandenen Filmen zum Thema noch nie etwas gehört zu haben. Was wunder, gibt es doch außer einigen häufig gezeigten Fragmenten keine längeren Filmaufnahmen von der Kaiserlichen Flotte, von der Schlacht ganz zu schweigen. Dennoch sind offenbar unter Verwendung von rudimentärer Tricktechnik und tätiger Mithilfe der Reichsmarine einige Spielfilme entstanden, deren Wert heutzutage allenfalls mit „Kuriosum“ umschrieben werden kann. Auch aus diesen Filmen sind aber Auszüge heutzutage noch in einigen Produktionen zu sehen, ohne allerdings ihre Herkunft preiszugeben. Daß damit seinerzeit weniger ein dokumentarischer, denn ein propagandistischer Hintergrund verbunden war, dürfte kaum überraschen.

Das Schlußwort, und die wohl größte Überraschung, bleibt Michael Salewski, ehemaligem Dozenten an der Universität Kiel, mit dem zunächst neutral klingenden Beitrag „Reflexionen“ vorbehalten. Es beginnt zunächst mit einem rein fiktiven „brainstorming“, dessen Sinnhaftigkeit sich einem schwer erschließt, aber für das nachstehende keine weiteren Folgen hat. Ohne allzu breit in die ausgebreitete „Gedankenflut“ einsteigen zu wollen, lassen einige der Bemerkungen aber aufhorchen. So zum Beispiel der gezogene Vergleich zwischen der deutschen Hochseeflotte und der nuklearen Abschreckung auch kleinerer Staaten, wie heutzutage Nordkorea oder Iran. Das mag zunächst widersinnig erscheinen, heißt aber in Konsequenz nichts anderes, als Tirpitz genau gelesen zu haben. Die Hochseeflotte war als Abschreckungsinstrument gedacht, nicht mehr und nicht weniger! Weiter in den Worten Salewskis: „... - nur mit dem Unterschied, daß auch das schönste und stärkste Schlachtschiff es nicht mit der häßlichsten und schmutzigsten Atombombe aufnehmen kann, und ein Schlachtschiff oder auch viele Schlachtschiffe, sogar sechzig oder noch mehr, für eine Weltmacht kein Risiko darstellen - zumal dann, wenn man den Begriff Risiko als existentiell begreift. Die Hochseeflotte war für Großbritannien kein Risiko, sondern ein Ärgernis.“ Und weiter unten: „Nur Tirpitz hatte eine Ahnung, was ein ultimatives Waffensystem bewirken könnte - aber seine Schiffe waren es eben nicht, und dies einzusehen war ihm nicht gegeben. Nur insofern war seine Risikotheorie lächerlich. Man sagt besser: Sie war ein Anachronismus, sie nahm die Zukunft vorweg, Tirpitz war ein Prophet, der in seinem Vaterland leider etwas galt.“ Ein absolut lesenswerter Beitrag.

Das Gesamtfazit braucht dementsprechend nicht sonderlich ausgedehnt werden, es ist die Summe der vorstehenden Einzelwertungen. Ein Buch, in dem einer der renommierten Autoren offen einem der Koryphäen deutscher Geschichtsschreibung hinsichtlich des Wertes der Deutschen Flotte jener Tage widerspricht, und das aus treffender Analyse heraus, verdient alle Aufmerksamkeit. Es gab andere Tage! Böswillig ließe sich sicherlich behaupten, wir sind an einem Punkt der Geschichte angekommen, an dem das Thema öffentlich historisch „freigegeben“ ist, d.h. es erwachsen einem keine Nachteile mehr daraus, auch einmal dezent Positives in der Tirpitzflotte zu entdecken. Doch auch diesen Punkt muß man erst einmal erreichen!

Offenbar ist es heutzutage konsensfähig, in dieser Flottenrüstung keine Monstrosität/Absurdität mehr zu sehen, sondern allenfalls ein Kind ihrer Zeit, initiiert von einem Visionär, der an seiner eigenen Schwäche scheitern mußte. Die Absicht hinter dieser Flotte war zu modern, sie steht in einer Reihe mit einem der Glaubensbekenntnisse der neugegründeten Bundeswehr 50 Jahre später, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges: „Der Sinn der Bundeswehr ist in dem Moment verfehlt, sobald ein Schuß fällt!“ Für „Bundeswehr“ könnte auch „Hochseeflotte“ stehen. Das aber gibt ihr auch ein vergleichbares Maß an Berechtigung. Und, machen wir uns nichts vor, auch wir können heutzutage den Wehretat nicht wirklich gut verkraften.

Die wahre Tragik dieser Flotte lag darin, daß niemand den Offizieren und Mannschaften beigebracht hatte, in ihrer passiven Tätigkeit etwas sinnvolles, ja, überspitzt gesagt, vielleicht sogar etwas Kriegsentscheidendes zu sehen. Wenn aber schon die Führung vor sich hin „gammelte“, nur auf das endlich einmal ausgesprochene „Ran!“ wartend, wie sollten dann die ethisch weniger verpflichteten Mannschaften motiviert werden, des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr zu verkraften? Die rasch abebbende Begeisterung nach der Schlacht spricht hier für sich. Ohne Frage hat die Flotte kriegsentscheidendes bewirkt, nämlich mittels des Offenhaltens der Ostsee den Krieg überhaupt durch vier Jahre führbar zu machen und sogar von einem Siegfrieden träumen zu dürfen. Dementsprechend war die Schlacht - hier auch gut geschildert - ein der Moral geschuldeter „Ausrutscher“, der eigentlich niemals hätte geschehen dürfen. Auf den Kriegsentscheid jedenfalls hatte das Ereignis keinen Einfluß.

Zu derartigen Gedanken - und zu vielen weiteren - animiert die Lektüre dieses Bandes, der jedem an der Materie Interessierten nur wärmstens ans Herz gelegt werden kann. Nachfolgende Autoren haben es jetzt deutlich schwerer, auf der Ebene oberhalb von taktisch-technischen Fragen noch Novitäten vorzulegen.

Dirk Nottelmann (2009)


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