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German Battlecruisers of World War One

Autor: Gary Staff
Titel: German Battlecruisers of World War One
Untertitel: Their Design, Construction and Operations
Seiten: 335
Abbildungen: durchgängig bebildert mit Fotos, Skizzen und Graphiken
Verlag: Seaforth Publishing
Ort, Jahr: Barnsley, 2014
ISBN: 978-1-84832-213-4

Lange Zeit mussten wir nicht nur auf ein Buch wie dieses, sondern auch speziell auf dieses Buch warten. Und - um ein erstes Fazit gleich voranzustellen - das Warten hat sich gelohnt! Endlich werden, speziell zur Thematik der Kaiserlichen Marine, die Auslassungen aus der weitgehend unsäglichen Veröffentlichungsreihe eines nur zu bekannten deutschen Autorenduos durch belastbare Informationen abgelöst. Dies war um so mehr ein Desiderat, als Teile dieser Reihe - unverständlicherweise - sogar ins Englische übersetzt wurden, und so, mangels Alternativen, zu Referenzmaterialien bezüglich der Deutschen Marine im angelsächsischen Raum avancierten - was sie nun gewiss nicht waren/sind. Der sprichwörtliche Wermutstropfen der vorliegenden Veröffentlichung soll allerdings auch nicht unerwähnt bleiben, nämlich, dass es erst eines ausländischen Autors und Verlages bedurfte, ein derartiges - eigentlich ureigenst nationales - Thema zu publizieren. In 2007 war ein ähnlich gelagertes Werk in Deutschland faktisch fertig - gelangte aus mannigfaltigsten Gründen allerdings nie zur Veröffentlichung, was wiederum vieles, wenn nicht alles, zur aktuellen deutschen Verlagslandschaft sagt.

Der Aufbau des jetzt vorgelegten Werkes ist gleichermaßen klassisch und simpel. Neben den unvermeidlich voranzustellenden und nur zu berechtigten Ausführungen der Vorworte inklusive Danksagungen sowie der Einleitung folgen die neun Hauptkapitel, jedes ein Einzelschiff, bzw., bei den nicht mehr fertiggestellten Einheiten, eine Schiffsklasse behandelnd. Es ist dementsprechend beinahe unnötig zu erwähnen, dass; die Reihe der Einzeldarstellungen mit von der Tann beginnt, um schließlich mit dem Projekt Ersatz-Yorck zu enden. Aufgrund der Tatsache, dass; die innere Struktur der Hauptkapitel identisch ist, sei ihr Aufbau nur exemplarisch dargestellt. Es beginnt mit einem Abriss der Designentwicklung der jeweiligen Einheit. Hier konnte Staff sich voll auf die geleistete Vorarbeit Dr. Axel Grießmers zurückziehen, dessen seinerzeit publizierten erschöpfenden Erkenntnissen schlicht und einfach nichts mehr hinzuzufügen war und ist. Leider begeht er den ärgerlichen weil vermeidbaren Fauxpas, ihn in der Bibliographie mit „Alex Greißmer“ zu betiteln. Nachfolgend lernen wir die technischen Details zur Konstruktion des Schiffes kennen, also zunächst jene der Konstruktion des Rumpfes, dann Aufbau, Dicke und Verteilung des Panzerschutzes, weiterhin die Daten der Artillerie- und Torpedobewaffnung, gefolgt durch Einzelheiten zur seemännischen und technischen Ausstattung. Ein selten angeführter Aspekt ist die Betrachtung der navigatorischen Eigenschaften, also Manövrierfähigkeit und Seeverhalten, welche später in die Wiedergabe der aus den Probefahrten gezogenen Erkenntnisse und Daten münden.

Den Hauptteil nimmt allerdings die Schilderung der Operationsgeschichte ein, kein Wunder bei den behandelten Schiffen, die als Speerspitze der Flotte - mit wenigen Ausnahmen - zu den aktivsten vor und während des Krieges zählten. Hier stützt Staff sich im wesentlichen auf die Logbücher (Vorkrieg), bzw. die Kriegstagebücher, um eine bisweilen sogar minutiöse Wiedergabe der Lebensläufe bis hin zu ihrem Ende zu geben, verstärkt in der Tendenz nochmals für jene Zeiten, in denen das Schiff besondere Operationen unternahm oder im Gefecht stand. Über die reine Schilderung der Gefechtshandlungen und -abläufe hinausgehend erhalten wir schließlich sogar eine umfangreiche Analyse der Gefechtserfahrungen, ergänzt hauptsächlich durch die detaillierten Schadensinformationen, welche in der im Januar 1917 durch das Konstruktionsdepartment (K) des Reichs-Marine-Amtes herausgegebenen Dienstschrift „Panzertreffer“ niedergelegt worden waren. Leider findet sich hier ein weiterer Mangel, denn diese fraglos vom Autor intensiv genutzte Dienstschrift findet keine Erwähnung in der Bibliographie.

Neben den deskriptiven Informationen ist die Fülle der Abbildungen das zweite „Pfund“ mit dem gewuchert wird. Es finden sich die klassischen Fotoreproduktionen, teilweise sehr großformatig, aber auch Kopien von Originalplänen und Aktenauszügen, ebenso wie Neuzeichnungen der Skizzen aus dem oben erwähnten Werk „Panzertreffer“ sowie neugestaltete Kartenskizzen. Eine noch selten genutzte Novität in Werken dieser Art ist die Hereinnahme computergenerierter Grafiken, die Schiffe sowohl in den klassischen Dreiseiten-Ansichten, als auch aus beliebigen Winkeln und in Ausschnittsgröße zeigend. Insgesamt also eine durchaus beindruckende Bandbreite und Fülle verschiedenster Abbildungen; wofür in letzter Konsequenz wohl auch dem Verlag gedankt werden muss, diese zugelassen zu haben. Abgerundet wird das Buch durch drei Anhänge plus einem Glossar, welche primär wohl dem internationalen Markt geschuldet sind. Sie sind nett, aber nicht wirklich notwendig. Ist das jetzt also das definitive Werk zur Thematik: Deutsche „Schlachtkreuzer“?

Die Antwort kann angesichts der heutigen Situation der Printmedien und des damit einhergehenden - auch in internationalem Rahmen - starken Verfalls des Interesses an maritim-geschichtlichen Themen nur lauten: Ja! Es wird sinnvollerweise kein zweites Buch in gleicher oder ähnlicher Form mehr geben (können), allenfalls zu Detailaspekten oder aber als Monographie eines einzelnen Schiffes. Ob dieses dann den Erkenntnisgewinn noch signifikant steigert, sei milde bezweifelt. Zu dieser Einschätzung trägt weiterhin bei, dass sich Staff weitestgehend eines eigenen Kommentars/einer Bewertung enthält; etwas, was ihm bei seinen vorangegangenen Publikationen - berechtigterweise - negativ ausgelegt wurde. Leider muss man im Gegenzuge aber auch als zweiten Teil dieses Gesamtverdikts hinzufügen: Es hätte besser sein können! Abgesehen von den bereits oben erwähnten handwerklichen Unsauberkeiten fällt besonders die Reproduktionsqualität der Fotos auf. Nicht, dass sie unscharf wiedergegeben wären, wie wir es in anderen Produktionen auch dieses Verlages bereits erlebt haben, sondern sie sind fast durchgängig ein paar Stufen zu dunkel gedruckt worden. Das mag vielleicht im ersten Moment nicht jedermann auffallen, doch wer die Originale kennt, dürfte vielfach enttäuscht werden. Und es gibt weitere Aspekte zu kommentieren; nicht zuletzt einmal mehr des Rezensenten besonderes Steckenpferd: Ganz offensichtlich hat ein Lektorat nicht oder nur in oberflächlicher Form stattgefunden. Wie sonst wäre die fast identische Wiederholung ganzer Textpassagen in den einzelnen Subkapiteln zu erklären? Und unter diesen Topos muss auch die Gesamtinformation des Textes gestellt werden. Eine gewisse Detailverliebtheit ist ja durchaus anerkennenswert, doch ist es wirklich vonnöten, dem Leser zu vermitteln, an welche Festmacherboje in der Kieler Innenförde das jeweilige Schiff bei jedem seiner Anläufe Kiels gegangen ist? Hier erweisen sich die umfangreichen Informationen, die aus den mit deutscher Gründlichkeit geführten Logbüchern/KTB gezogen werden können nicht nur als Segen. Der Lesbarkeit/dem Lesefluss schadet diese Informationsbreite eher. Unglücklich auch ist der Versuch, deutsche Bezeichnungen innerhalb des ansonsten englischen Textes zu verwenden: Das Ergebnis ist falsches „denglisch“, was einem Lektor hätte auffallen müssen. Positiv allerdings zu vermerken ist, dass Fehler in den Bildunterschriften sehr selten vorkommen (exemplarisch sei die Betitelung der Abbildung auf Seite 118 genannt, welche die Goeben nicht im Bosporus, sondern vor Sewastopol zeigt), was sich bei der Fülle der Abbildungen ansonsten auch verheerend ausgewirkt hätte.

Ein eigen Ding hingegen sind die Grafiken; sie weisen eine erhebliche Bandbreite in der Qualität auf. Ausgeklammert in der Bewertung seien hierbei die Computergrafiken der Schiffe - der Rezensent gibt freimütig zu, mit ihnen nichts anfangen zu können (um das Wort „unnötig“ zu vermeiden), und enthält sich daher einer Einschätzung. Von den klassischen „Strichgrafiken“ können die Karten und die neugezeichneten Trefferskizzen am meisten überzeugen, am wenigsten die in Längsschnitt und Ansichten der verschiedenen Decks untergliederten Raumpläne. Gehalten in einer einzigen Strichstärke wäre „lieblos“ wohl das passende Wort für ihre Ausführung. Ein netter Zug wäre es auch gewesen, zumindest die Urheber der eingestreuten Zeichnungen der Beiboote der Schiffe zu benennen - die in diesem Forum nur zu bekannt sind! Uneingeschränkt zu begrüßen hingegen ist die Wiedergabe einiger der Originalpläne der Schiffe, im wesentlichen aus Längsschnitt und Draufsicht bestehend, vielfach noch um diverse Querschnitte bereichert. Leider musste sich Staff dabei an einer Stelle einer leichten Ungenauigkeit bedienen (die seinerseits unkommentiert bleibt), um eine Lücke füllen zu können. Der von ihm auf den Seiten 214/215 eingefügte Längsschnitt der Derfflinger ist mehr als Platzhalter zu sehen, da er im Original eigentlich als Zeichnung der „Derfflinger-Klasse“ betitelt ist, und mehr Charakteristika der Lützow aufweist, als es einer echten Derfflinger eigentlich zukäme.

Doch insgesamt ist dies ein Klagen auf hohem Niveau, über mehr oder minder Kleinigkeiten, die dennoch nicht einfach unter den sprichwörtlichen Teppich gekehrt werden sollten - es gäbe noch einige Details mehr, die man aber nicht zwingend aufführen muss. Um das eingangs bereits gezogene Fazit nochmals aufzugreifen: Kein ernsthafter Interessent an der Geschichte der Kaiserlichen Marine darf an diesem Buch vorbeigehen, es dürfte den meisten einen immensen Erkenntnisgewinn in kompakter Form bringen, und das ist es letztlich, was auch das hochgelobte Internet noch immer nicht zu leisten vermag - im Gegenteil! Weiterhin werden die dort verfassten Beiträge munter aus Büchern wie diesem abgeschrieben, wenn sich denn überhaupt einmal Fachinformationen bedient wird.

Dirk Nottelmann (2015)