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Von Scapa Flow zum Kaspischen Meer

Autor: Patrick Thornhill
Titel: Von Scapa Flow zum Kaspischen Meer
Untertitel: Ein unzensiertes Tagebuch 1918 - 1919 (bearbeitet von Cord Eberspächer und Gerhard Wiechmann)
Seiten: 213
Abbildungen: 35
Verlag: Herausgegeben von der Deutschen Gesellschaft für Schiffahrts- und Marinegeschichte e.V. im Verein mit dem Verlag H.M. Hauschild GmbH
Ort, Jahr: Bremen, 2011
ISBN ISBN 978-3-89757-498-4

Ohne große werbende Begleitung erschien vor einigen Monaten dieses Buch, dessen eher nüchterner Titel im Gegensatz zu seinem Inhalt steht. Vordergründig handelt es sich eben „nur“ um die Tagebuchaufzeichnungen eines „Teenagers“, im anfänglichen Range eines Zahlmeister-Aspiranten in der Royal Navy, „der niedrigsten Stufe maritimen Lebens“ (eigene Worte), den das Schicksal aus dem hohen Norden Scapa Flow’s, über das eigentliche Ende des Ersten Weltkrieges hinaus, auf eines der wohl seltsamsten und sensibelsten Nachkriegs-Kriegstheater verschlug. Wie gesagt, das könnte der vordergründige Eindruck sein - doch wer sich auf das Buch einläßt, merkt schnell, hier ein besonderes Stück Weltgeschichte miterleben zu dürfen.

Es ist kein Geheimnis, daß Tagebücher - insbesondere solche, die eigentlich nie zur Veröffentlichung vorgesehen waren - wie eine Zeitkapsel die Eindrücke, Stimmungen und Meinungen einer bestimmten Zeit bewahren, insbesondere dann, wenn es noch keine Ton- und Filmaufzeichnungen gab. Natürlich werden sich, abhängig auch von dem sozialen Hintergrund des Schreibers, in vielen Tagebüchern eher Banalitäten befinden, doch wenn ein gut ausgebildeter ernsthafter Schreiber es nicht bei diesen Banalitäten beläßt, sondern versucht, ein getreues Bild seiner Umgebung zu zeichnen - und diese dann auch noch ungemein Spannend ist - kann eigentlich nur eine faszinierende Lektüre dabei herauskommen.

Im April 1918 wurde Zahlmeister-Aspirant Patrick Thornhill auf H.M.S. Temeraire eingeschifft, einer Einheit des 4. Schlachtgeschwaders der Grand Fleet. Hier, und später auch an Bord von H.M.S. Hercules, dem Geschwaderflaggschiff, erlebte er die schließenden Monate des Krieges in der Nordsee mit. Die Aufzeichnungen sind insofern sehr interessant, weil es bislang wenig Veröffentlichungen zu dieser Zeit auf britischer Seite gibt. Alles konzentrierte sich auf den U-Bootkrieg, doch „die Flotte“ war auch noch da - und wartete auf „den Tag“! Bezeichnend dazu ist die Erwähnung von Admiral Beatty’s Ansprache während des Sportfestes der Flotte Ende Juli 1918, in welcher dieser mit den Worten zitiert wird, er wäre sicher, sie [die deutsche Flotte] wird noch herauskommen.

Inzwischen wieder an Bord der Temeraire, bestätigten sich die Gerüchte, das Schiff würde in das Mittelmeer abkommandiert werden. Auch in der Grand Fleet gab es inzwischen keinen Platz mehr für die Dreadnoughts der ersten Generation, während sie im Mittelmeer allein die Goeben noch als Gegner hatten. Als das Linienschiff schließlich in Malta eintraf, durfte es gleich weiterlaufen, um die Kapitulation des Osmanischen Reiches mitzuerleben und schließlich an der Spitze der alliierten Flotte vor Istanbul zu ankern. Doch auch das blieb nur ein Zwischenspiel, denn als nächstes galt es, nach dem Zusammenbruch Deutschlands, das entstehende Machtvakuum auf der Krim aufzufüllen, so daß die nächste Etappe Sewastopol lautete. Nahezu zwei Monate verbrachte Thornhill in diesem Theater des aufziehenden russischen Bürgerkrieges, bevor er sich eigentlich auf die Rückreise nach England an Bord der Temeraire vorbereitete.

Doch er erhielt statt dessen die Berufung in den Stab des Seebefehlshabers des Kaspischen Meeres. Mit der Bahn ging es von Batum in tagelanger Reise nach Baku, dem Hauptstützpunkt der Kaspischen-Meer-Flottille. Und hier begannen die Abenteuer erst richtig. Sei es in Seekämpfen der Flottille aus „makeshift“-Kriegsschiffen - armierten Handelsdampfern - gegen sowjetische Zerstörer, sei es in den Erlebnissen mit den Menschen des „Pulverfasses“ Kaukasus. Spätestens an dieser Stelle spürt man die Verbindung mit der Gegenwart, denn die damaligen latenten und offenen Konflikte der verschiedenen Stämme - in der späteren Sowjetunion massiv unterdrückt - beschäftigen die Weltpolitik bis heute immer wieder.

Schließlich erlebte Thornhill auch noch das Ende der britischen Ambitionen in jener Gegend - die sich auch schon damals hauptsächlich um das Öl drehten; war doch Baku das seinerzeit größte und ergiebigste Fördergebiet der Erde - und verließ die Region mit dem letzten Zug von Petrowsk nach Novorossisk.

Wie bereits einleitend bemerkt, besticht das Tagebuch durch seinen Überblick und seine analytische Schärfe, als Zahlmeistergehilfe war der Autor im Nachrichtenbüro des Admirals tätig und gewann so Einsichten, die anderen verschlossen blieben. Gleichzeitig kam es ihm niemals in den Sinn, bei der Beschreibung seiner Umgebung irgendwelche „politisch korrekten“ Rücksichten zu nehmen - schließlich waren die Aufzeichnungen ja für niemandes Auge bestimmt. Er schrieb auf, was er sah.

Herausgekommen ist eine zeitgeschichtlich ungemein wertvolle Hintergrund“story“, über eine in unserem Sprachraum kaum bekannte Episode jener Ereignisse, die in Summe zu der Gründung des das 20. Jahrhundert wesentlich mitprägende Sowjetreich führen sollten. Dies wird uns zusätzlich in den begleitenden Noten der beiden Bearbeiter, Cord Eberspächer und Gerhard Wiechmann, nahegebracht und in einen Gesamtkontext gestellt, was den Wert dieser Edition nochmals erhöht.

Man mag es den voranstehenden Worten bereits entnommen haben, der Rezensent ist begeistert über das Buch, und es kann jedem nur halbwegs an Marine- oder an Weltgeschichte interessierten Leser nur wärmstens ans Herz gelegt werden.

Dirk Nottelmann


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