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Alfred von Tirpitz in seiner Zeit

Autor: Franz Uhle-Wettler
Titel: Alfred von Tirpitz in seiner Zeit
Seiten: 500
s/w-Abbildungen: 26
Verlag: E.S. Mittler & Sohn
Ort, Jahr: Hamburg, 1998
ISBN: 3-8132-0552-5

Um das Fazit wieder einmal vorwegzunehmen, dies ist das mit Abstand ausgewogenste Buch zu dem Gesamtkomplex, "Tirpitz und der deutsche Flottenbau vor dem ersten Weltkrieg", das der Rezensent bisher lesen durfte - und ihm sind auch die bisherigen Werke deutscher (Epkenhans, Berghahn, Deist, etc.) sowie angelsächsischer Autoren (Massie, Kennedy, Weir, etc.) nicht ganz unbekannt! Eine gerechte Einschätzung des deutschen Flottenbaues unter Tirpitz war seit langem Desiderat, denn leider, leider verschwor sich ein Großteil der deutschen Historiker in der näheren und ferneren Vergangenheit zu einer "Anti-Tirpitz-Liga", deren Motivation vielleicht am ehesten unter dem Unwort "Zeitgeist" zu suchen ist; es war in den vergangenen 50 Jahren einfach nicht "en vogue" etwas Neutrales oder gar Gutes am deutschen Flottenbau ab der Jahrhundertwende zu finden. Um so verdienstvoller ist es weiterhin, in einer Zeit, in der die Beschäftigung mit Militärgeschichte gleichbedeutend mit "Neonazitum" gesetzt wird, auch noch eine der "öffentlichen Meinung" entgegengesetzte Arbeit vorzulegen.

Der Zeitpunkt vorliegender Veröffentlichung war gut gewählt, hätte man doch in diesem Jahr den einhundertsten Jahrestag der Veröffentlichung des I. Flottengesetzes begehen können, wenn, ja, wenn der Umgang mit der eigenen Geschichte nicht so verkrampft behandelt würde. Doch ist dieser erste Höhepunkt des Schaffens Alfred Tirpitz' nur eine Facette in einer Gesamtbiografie des Schöpfers der deutschen "Hochseeflotte". Ausdrücklich bezieht der Autor, schon im Titel angekündigt, die Betrachtung des politischen und sozialen Umfeldes in den Lebensweg der Person ein – eigentlich eine Selbstverständlichkeit für jeden Historiker, ohne die den handelnden Personen und ihren Taten nicht beizukommen ist – und kommt somit zu Ansichten, die mancherorts die Aussagen seiner Vorgänger auf tönernen Füßen stehend zurücklassen. Dabei muß einschränkend bemerkt werden, daß selbst in einer Biographie von 500 Seiten auch elementare Betrachtungsweisen nur angerissen werden können. Es gibt Autoren, die allein über Teilaspekte Tirpitz' Schaffens Werke ähnlichen Umfangs vorgelegt haben. So gibt es durchaus Ansätze, z. B. ein Vergleich des prozentualen Anteils des Militärhaushaltes des Kaiserreiches mit dem der Bundesrepublik, die andere Historiker als Unzulässig einstufen.

Grundvoraussetzung für die Beschreibung eines Lebenswegs ist die gesicherte Quellenlage, und hier konnte der Autor aus dem Vollen schöpfen: Der "Nachlaß-Tirpitz" im BA/MA ist selten umfangreich und ergiebig. Doch auch die Lebensgeschichte vor jenen Jahren, in denen der junge Tirpitz militärisch aktenkundig wurde, konnte erfaßt werden – mit einer netten Randnotiz an alle schlechten Schüler: Sein Weg in die deutsche Marine begann nur deswegen, weil er der Schule entfliehen wollte! Im weiteren sollte sich dann zeigen, daß die Marine mit der Einstellung des jungen Mannes keinen schlechten Griff getan hatte; schon als Leutnant brachte er Gedanken zu Papier, die als Richtschnur seines Handelns noch 25 Jahre später Bestand hatten. Seine Erwähnung in der Geschichte der deutschen Marine war spätestens zu dem Zeitpunkt gesichert, als er die deutsche Torpedowaffe aus ihren Anfängen heraus zu einem für die damalige Zeit führenden Leistungsstand brachte.

Doch die Geschichte hatte anderes mit einem Mann vor, der nach den Aussagen aller Vorgesetzten der damaligen Zeit zu höherem berufen schien. Wie er dann die deutsche Marine aus dem wahrhaftigen Chaos und dem Stadium der Lähmung in den neunziger Jahren herausführte, braucht an dieser Stelle nicht weiter geschildert zu werden, wichtig ist allein die Feststellung, daß es der Autor jederzeit versteht, die Handlungen und Geschehnisse nicht isoliert zu betrachten, sondern in den nationalen und internationalen Kontext zu setzen. Hier gewinnen die Zahlen der deutschen – vermeintlich unvergleichlichen – Flottenrüstung ein anderes Gewicht. Und mit Recht wirft er seinen Historikerkollegen vor, das einfache Einmaleins, nämlich die nackten Zahlen der internationalen Rüstungen mit Nelsons berühmten blinden Auge zu betrachten (Ausdruck des Rezensenten). Dabei scheut er auch vor Detailarbeit nicht zurück, indem er einzelne Sentenzen der Kollegen auf ihre Glaubwürdigkeit hin zerlegt. Das mag ihn bei jenen diskreditieren, ja vielleicht (hoffentlich) einen fruchtbaren Historikerstreit auslösen, birgt es doch durchaus auch Gefahren, über der Detailarbeit den Sinnzusammenhang zu verstümmeln, in dem diese Sätze stehen, bricht aber mit Sicherheit gedankliche Verkrustungen auf.

Verhehlt sei wiederum nicht, daß er bei seinen Zahlenspielereien gelegentlich über das Ziel hinaus schießt und sich damit unnötig angreifbar macht; seine nicht direkte Vertrautheit mit der Marine - oder besser der Marinetechnik - mag eine Ursache hierfür sein. Die von ihm gewählten Vergleiche der einzelnen Flotten nach der reinen Anzahl von Schiffen eines bestimmten Typs lassen den – sicherlich schwer greifbaren – Faktor der Modernität außer Acht. Bei keinem anderen Waffensystem als dem Kriegsschiff gilt und galt die Aussage mehr, daß es bei seiner Einführung bereits veraltet sei. Das muß sich aber um so stärker auswirken je langsamer dieses Schiff gebaut wird, insbesondere in der damaligen Zeit des rapiden Umbruchs. Lagen die Zeiten der deutschen Marine in einem Rahmen von 4 – 5 Jahren, so erreichten sie bei Franzosen und Italienern nicht selten 8 – 10 Jahre von Konstruktion bis zur Indienststellung. Insofern stand die deutsche Marine, wenn auch zahlenmäßig stets der britischen Marine und jeder von ihr geführten Koalition deutlich unterlegen, im Vergleich mit den übrigen europäischen Marinen spätestens seit der Einführung des Dreadnought-Baues deutlich besser dar, als vom Autor – in durchaus verharmlosender Weise – geschildert.

Damit leitet er als einer der wenigen Autoren über zur Kardinalfrage an den deutschen Flottenbau, die von den meisten Autoren lieber verdrängt wird, da sonst deren Gedankengebilde leicht zum Einsturz gebracht werden könnten: In welcher Weise konnte die deutsche Flotte überhaupt eine Bedrohung Englands darstellen? Es sollen hier nicht die ohnehin irrealen Argumente aus Flottenpatriotismus auf der einen, "Navy Scare" auf der anderen Seite als Grundlage stehen, sondern die nackten technischen Möglichkeiten. Konnte die deutsche "Hochseeflotte" in ihrer bekannten Zusammensetzung eine Bedrohung für Englands Lebensader – seinen Handel – sein, gar eine Invasion unterstützen (Die in Deutschland in richtiger Einschätzung der Realitäten niemals auch nur erwogen worden ist)? Die Antwort darauf wird in aller Deutlichkeit und mit Recht gegeben, sie konnte es nicht! Nähert man sich dem Flottenbau aber unter dieser Prämisse, die im übrigen den ausgesprochenen Intentionen Tirpitz' entspricht, denn er sah die Flotte niemals als Angriffsinstrument, fällt konsequenterweise auch das schöne Kartenhaus, welches bis heute gehegt und gepflegt wird, das der primären Kriegsschuldfrage, in sich zusammen.

Paradoxer Weise wird dem vermeintlichen "Kriegstreiber" Tirpitz dieses Attribut gerade von jenen verliehen, welche die Ineffizienz seines Wirkens beim Flottenbau damit begründen, er hätte z. B. nicht rechtzeitig die Möglichkeiten des U-Bootbaues erkannt, also der potentiell für England viel gefährlicheren Waffe. Gleiches gilt für die häufig und gern zitierte Denkschrift seines Widersachers, Galster, der den Schwerpunkt auf eine ozeanische Kreuzerflotte gelegt haben wollte – wiederum eine für England potentiell viel gefährlichere Waffe. Nein, Tirpitz' Flottenbau war gedanklich viel moderner angelegt, er gehört in eine Zeit 50 Jahre später, als es sinngemäß heißen sollte, "die Bundeswehr/NATO hat dann ihre Aufgabe verfehlt, wenn ein Schuß fällt!" Der Flottenbau hatte somit 1914 tatsächlich versagt, aber aus Gründen, die ihm real nicht anzulasten sind – im Gegensatz zu dem propagandistisch bemühten "Löwenanteil".

Diese zurückhaltende Konzeption wurde allerdings schon in der Anfangsphase vom "Obersten Kriegsherren" konterkariert, als er den Terminus "Hochseeflotte" prägte – absurd im Lichte der Möglichkeiten. Die Tirpitz-Flotte war und blieb eine Küstenverteidigungsmarine – mit den wohl modernsten und größten Küstenverteidigern aller Zeiten, und sie hat diese Aufgabe im Kriege mit Bravour wahrgenommen. Kein gegnerischer Soldat landete an Deutschlands Küsten, kein Nachschub konnte Rußland zugeführt werden, und an Überlegungen hat es dazu wahrlich nicht gemangelt; ihre schiere, regional ausgeübte Seemacht verhinderte alle Realisationen. Und diese Marine hat noch etwas wahrgemacht – was allerdings in vorliegendem Buch eher verschleiert wird, weil es wiederum den Intentionen des Autors entgegensteht – sie hat die Begründung des II. Flottengesetzes wörtlich erfüllt, nachdem ein Angriff auf die deutsche Marine langfristig mit dem Verlust der Machtstellung des seemächtigsten Gegners erkauft würde! 1918 ff war die Führung zur See real an die USA übergegangen.

Aus dem im vorstehenden implizierten Begriff "Politische Marine" leitet sich aber für ihren Schöpfer noch eine weitere Aussage ab: Es mag provokant klingen, aber auch hier sprechen die zitierten Dokumente eine deutliche Sprache; die Namensgebung der Marine des "III. Reiches" für ihre kampfkräftigsten Einheiten war von einem seltenen Realismus geprägt, wenn sie in Bismarck und Tirpitz die herausragenden politischen Gestalten des Kaiserreiches sahen. Je mehr man über die eigentlich politisch Verantwortlichen in den ersten beiden Dekaden dieses Jahrhunderts erfährt – und das ist in diesem Buch eine ganze Menge – muß man erschauern über die Fähigkeiten der deutschen Berufspolitiker und –diplomaten jener Zeit (wirklich nur jener Zeit?). Es ist so furchtbar einfach, "kriegslüsternen" Militärs die Schuld an kriegerischen Auseinandersetzungen zu geben; per Definition aber besteht der Begriff des Handelns aber aus zweierlei, "tun" und/oder "unterlassen". Die deutsche Politik hat vieles unterlassen.

Zu all diesen Punkten finden sich in dem hier vorliegenden Buch, zu dessen Veröffentlichung man Autor und Verlag nur beglückwünschen kann, die entsprechenden Hintergründe. Der Rezensent hält es für dermaßen wichtig, daß er es am liebsten auf dem Lehrplaninhalt des Geschichtsunterrichts aller höherer Schulen sähe, und sei es nur in seinen Kernaussagen – ein hoffnungsloser Wunsch gewiß, denn das offizielle Geschichtsbild zu dieser wichtigen Gestalt der deutschen Geschichte ist eben typisch deutsch: "Festgemauert in der Erden ...".

Dirk Nottelmann (1998)