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Die UB-Boote der Kaiserlichen Marine 1914 - 1918

Autor: Harald Bendert
Titel: Die UB-Boote der Kaiserlichen Marine 1914 - 1918
Untertitel: Einsätze Erfolge Schicksal
Seiten: 214
Fotos, Abbildungen und Skizzen: ca. 180
Verlag: Mittler & Sohn GmbH
Ort, Jahr: Hamburg, Berlin, Bonn, 2000
ISBN 3-8132-0713-7

Vor allem anderen ist das Erscheinen dieses Buches als Tatsache selbst zu begrüßen, gibt es doch gegenüber dem "unüberschaubaren Wust" von U-Boots-Büchern aus der Periode des Zweiten Weltkriegs nur einen verschwindend geringen Teil, welcher sich mit dem nicht minder spannenden Zeitraum 1914 1918 beschäftigt. Liegt dies tatsächlich an der Ursache, daß sich "Hollywood", mangels dokumentierter "Heldensagen zur See" seitens der USA zu jener Zeit, noch nicht des Themas angenommen hat? Genügend "Greueltaten" der Opponenten sollten sich seitens der Zunft des Herrn Spielberg doch finden lassen oder etwa nicht?

Fest steht jedenfalls, daß die Bearbeitung des U-Boot-Kriegs 1914 1918 weiterhin ein Desiderat der modernen Forschung darstellt insbesondere natürlich in Deutschland , wobei das Archivmaterial beider Seiten in mehr als ausreichender Menge vorhanden ist man muß es nur nutzen. Nach einigen Veröffentlichungen aus dem angelsächsischem Sprachraum zu Teilaspekten dieser potentiell kriegsentscheidenden Waffengattung (z.B. zu der Lusitania übrigens ein hervorragendes Hollywood-Thema, mit einer ganzen Anzahl "böser Deutscher"), beleuchtet jetzt erstmals nach langer Zeit auch wieder ein deutscher Autor zumindest einen jener Teilaspekte.

Der Aufbau des Buches gestaltet sich folgendermaßen: Nach einer ca. 30 Seiten umfassenden Einführung über den U-Boot-Krieg an sich, und speziell der UB-Boote in seinem Kontext, gibt es eine Chronologie jedes in Dienst gestellten Bootes zwischen UB 1, am 29.01.1915, und UB 149, am 22.10.1918. Dabei wird nach erstem Anschein jede Feindfahrt jedes Bootes behandelt, sei sie erfolglos geblieben oder durch Versenkungen gekennzeichnet. Die Versenkungen werden soweit dem Autor möglich mit Schiffsnamen, Baujahr und Schiffsgröße gekennzeichnet. Als Grundlage dafür wertete er zum einen die Kriegstagebücher der Boote aus und stützt sich für die andere Seite z.B. auf die Liste der "Lloyds War Losses", die versenkten Handelsdampfer behandelnd. Das Endschicksal jedes Bootes wird dann nach Möglichkeit ebenfalls präzise verfolgt, bei allzuvielen steht bekanntlich am Ende die Versenkung. Abgerundet wird das Buch durch jeweils ein Schiffs- und Personenregister, was bei der Fülle der Namen zu begrüßen, ja unverzichtbar ist, will man auch künftig seinen Nutzen daraus ziehen. Somit könnte man die Rezension jetzt abschließen und dem Autor seinen Respekt für den unzweifelhaft an den Tag gelegten Fleiß zollen, doch...

Es gibt leider eine Menge weiterer Dinge zu bemerken, und jene trüben zumindest dem Rezensenten die zunächst empfundene Euphorie über ein Buch des angesprochenen Zeitraumes. Sie aus diesem Grund aber nicht aufzuführen, wäre eine vorsätzliche Verfälschung des Eindrucks:

Das Buch wirkt, neben seiner überwiegenden "Unlesbarkeit" aufgrund des eher tabellarischen Charakters in der Bootschronologie, in hohem Maße unfertig für die heutige Zeit, wo die oben angesprochenen Archivalien vorhanden sind und "nur" noch ausgewertet werden zu brauchen. Für die Benutzung der deutschen Archivalien läßt sich aber konstatieren, daß es auf dem Erkenntnisstand des Standardwerks "Krieg zur See" stehengeblieben ist besonders auch in der Einleitung zu spüren , in welches die KTB der Boote ja ebenfalls eingeflossen sind. Sicherlich konnte der "Krieg zur See" nicht, wie hier geschehen, alle Einsätze im Detail schildern, aber das war auch nicht die seinerzeitige Absicht. Im vorliegenden Buch hingegen hätte man erwarten dürfen, daß Aussagen wie, "Torpedoschuß auf unbekannten Dampfer" oder "Boot durch unbekanntes feindliches U-Boot angegriffen", überarbeitet und ergänzt werden eben z.B. durch die ihrerseits in überreichlichem Maße vorhandenen britischen Archivalien. Nehmen wir eine Stichprobe aus der Vita von UB 23: "11. Unternehmung: 2.1. 15.1.1917 in den Englischen Kanal. ... Am nächsten Morgen hielt das Boot in der Nähe der Casquets einen Frachter mit dänischen Neutralitätskennzeichen an und forderte die Papiere an. ... Da fielen auf dem "Dänen" am achteren Ruderhaus die Klappen, und aus mehreren Geschützen eröffnete man das Feuer. ... UB 23 lief in 50 Meter Tiefe im Zick-Zack-Kurs. Die U-Falle konnte nicht identifiziert werden." Hier hätte nach Meinung des Rezensenten die Recherche einsetzen, und der Eintrag folgen müssen: Es war das britische Q-Ship 13, Aubretia! (o.ä.)

Und diese Auslassung ließe sich neben anderen Versäumnissen beliebig erweitern. Neben echten Fehlern, wie z.B. UB 7 mit der schweren Beschädigung des russischen Linienschiffs Panteleimon zu schmücken (seit langem ist bekannt, daß die Torpedos Grundgänger waren), das Auslegen der "Northern Mine Barrage" auf den Sommer 1917 vorzuverlegen, unverständlichen Sätzen: "Der Brite Kingsmere eröffnete das Feuer [auf UB 45] ohne überhaupt angegriffen worden zu sein"(man ist versucht zu fragen, wie kommt der böse Brite denn dazu, auf ein deutsches U-Boot zu schießen?), übernommener altmodischer Schreibweise: "Konstantinopel" anstelle von Istanbul, "Smyrna" anstelle von Izmir, fällt besonders schmerzlich das Fehlen jeglicher Hintergrundinformation auf. Sei es die Versenkung von neutraler Schiffahrt, sogar ohne sogenannte Konterbande an Bord, die trotz ihrer politischen Brisanz völlig unkommentiert erfolgt, sei es ein Satz, wie, "Der Kommandant wurde vom Kaiser bestraft" (Es fehlt völlig Begründung, Art und Schwere der Bestrafung und die Behandlung solcher Dinge kann heutzutage nicht dem Allgemeinwissen zugeordnet werden) oder ein Satz, wie, "...um die Drei-Wochen-Vorgabe nicht auszudehnen". Was war die "Drei-Wochen-Vorgabe", worin lag ihr Sinn? Man mag es sich zusammenreimen, besser wäre es gewesen, derartige Details zu erfahren.

Ein weiteres interessantes Thema ist die Ausstattung des Buches mit Fotos, ein durchaus heikles Thema bei visuell eher "unterbelichteten" U-Booten, denn bei der grundsätzlich geringen Unterscheidungsmöglichkeit von Booten gleicher Klassen kann hier schnell Langeweile aufkommen. Generell ist die Wiedergabequalität der Fotos nur als mäßig zu bezeichnen, wobei die guten Reproduktionen überwiegend von offiziellen Stellen kommen. Die Verwendung von Fotos eines ominösen "International Submarine Documentation Center" deutscher Herkunft war dagegen kein Glücksfall; diese machen beinahe durchgängig einen Eindruck als wären es Kopien von Kopien. Aufgewertet dagegen wird die Auswahl durch die Hereinnahme von Bildern z.B. des "Royal Navy Submarine Museum" oder anderer ausländischer Quellen, um Schiffe darzustellen, welche mit dem Schicksal des behandelten Bootes eine direkte Beziehung hatten. Auch findet man den einen oder anderen Fehler in den Bildbestimmungen besonders kraß auf Seite 188, wo ein US-Minensucher von 1944 als jener ausgewiesen wird, der 1919 das Wrack von UB 127 gefunden habe! Überhaupt wird angesichts des identischen Aussehens der U-Boote generell ein großer Glaube an die Beschriftungen auch der Vorlagen praktiziert; nach den Erfahrungen des Rezensenten ist dieser Glaube nicht immer angebracht, aber das steht auf einem anderen Blatt.

Und es muß noch ein dritter ärgerlicher Komplex angesprochen werden: Das Buch/Manuskript hat offensichtlich keine Endkontrolle erfahren! Die wohl durchgängig angestrebte Schreibweise der Schiffsnamen in Versalien ist vollständig gescheitert. Allzu häufig muß man sich einen Schiffsnamen aus dem normalen Fließtext heraus"picken"" in dem er völlig untergeht. Und wer um alles in der Welt ist verantwortlich für diesen Textsatz? Wie kann man nur jeden Abschnittsbeginn, das ist in diesem Falle meistens mit der Gliederung des Textes nach den einzelnen Unternehmungen eines Bootes identisch, im Text einrücken, um dann die folgenden Zeilen (so manches Mal auch nur eine einzige) linksbündig zu setzen? Optisch ist dieses Verfahren nichts weniger als eine Katastrophe!

Was bleibt, ist die undankbare Aufgabe eines Fazits: Neben dem unzweifelhaft vorhandenen Wert durch die Beschäftigung mit dem Thema und seiner Darstellung, liegt die weitere Stärke des Buchs ausgerechnet in dem Register für Schiffsnamen, wodurch eine Versenkung oder auch nur ein Angriff schnell zeitlich und örtlich zugeordnet werden kann eine Möglichkeit, welche z.B. im "Krieg zur See" fehlt. Darüber hinaus muß aber wieder die oft strapazierte Interessenslage des Lesers herhalten: Dem einen mag es durchaus mit der Ausführlichkeit genug sein, der andere mag es als Ausgangspunkt für eigene Forschungen ansehen, diejenigen aber, welche Recherche auf dem neuesten Stand gepaart mit Hintergrundinformationen suchen, werden möglicherweise etwas enttäuscht.

Um das Paradoxon auf die Spitze zu treiben: Ist es auch in den Augen des Rezensenten eine vertane Chance wir warten weiter auf zumindest eine moderne Chronologie des U-Boot-Krieges 1914-1918 sei dem Buch trotzdem Erfolg gewünscht.

Dirk Nottelmann (2000)


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