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Das lange Warten

Autor: Nicolas Wolz
Titel: Das lange Warten
Untertitel: Kriegserfahrungen deutscher und britischer Seeoffiziere 1914 bis 1918
Seiten: 519
Abbildungen: ca. 40
Verlag: Ferdinand Schöningh
Ort, Jahr: Paderborn, 2008
ISBN 978-3-506-76471-3

Dieses Buch aus der seitens des „Militärgeschichtlichen Forschungsamtes“ editierten Serie „Zeitalter der Weltkriege“ entspringt wieder einmal einer philosophischen Dissertation jüngeren Datums. Es widmet sich einer bislang nur marginal angerissenen Thematik, nämlich den Selbstzeugnissen einiger der handelnden Personen auf beiden Seiten der Nordsee während des Seekrieges 1914-18. Einige einschränkende Rahmenbedingungen sind dazu allerdings von vornherein benannt, als da sind: Der Verfasser hatte in dem besprochenen Zeitraum ein Bordkommando inne und es handelt sich um zeitgenössische Aufzeichnungen, nicht um (möglicherweise) verklärte, mit zeitlicher Distanz niedergeschriebene Erinnerungen. Außerdem mußte das Dokument nicht nur punktuell, sondern über einen längeren Zeitraum hinweg geführt worden sein. Weiterhin bleiben die Urheber auf deutsche und britische Seeoffiziere beschränkt, wenn auch an den unterschiedlichsten Fronten, neben der Nordsee beispielsweise dem Bosporus/den Dardanellen.

Aufgrund dieser vorgenommenen Separation lichteten sich die Reihen der verwertbaren Nachlässe erheblich, auf vierzehn deutsche und sechszehn britische. Auf deutscher Seite trifft man überwiegend gute alte Bekannte - und Briefschreiber -, wie beispielsweise den Chef der Mittelmeerdivision, Vizeadmiral Souchon, den ihm zeitweilig unterstellten Kapitänleutnant/Korvettenkapitän Rudolf Firle sowie Kapitän z.S./Admiral v. Trotha. Dann selbstverständlich die mittlerweile publizierten Niederschriften von Vizeadmiral Hopman oder Kapitänleutnant Graf von Schweinitz. Und - nicht zu vergessen - die Stimme aus dem Mannschaftsstand, Matrose Richard Stumpf. Wo von Wert für die Untersuchung, werden allerdings auch Auszüge aus weiteren gedruckten Erinnerungen mit herangezogen, so unter einigen anderen die Veröffentlichungen von Admiral Reinhard Scheer oder von seinem Vorgänger im Amt des „Hochseechefs“, Admiral Hugo v. Pohl.

Auch auf britischer Seite dürfen illustre Namen nicht fehlen, deren Nachlässe bereits editiert wurden, wie die Admiräle Jellicoe, Beatty oder Kommodore Keyes. Zusätzlich finden sich aber auch noch schriftliche Nachlässe, teilweise aus Privatarchiven, die hier zumindest dem deutschen Leser erstmalig präsentiert werden. Zwar kannte man die Namen ihrer Urheber teilweise aus der britischen Zusammenstellung, „The Fighting at Jutland“, wo einige der Niederschriften auf diesen engen Kontext bezogen erstmals ausgewertet wurden. Eine auf den gesamten Zeitraum des Krieges vorgenommene Auswertung fand aber bislang nicht statt.

Der Inhalt dieser Arbeit gliedert sich in drei große Gruppen, betitelt: „Deutschland, Großbritannien und die Marine“, „Der Krieg der Offiziere: Alltag und Lebenswelt“, „Der Krieg der Offiziere: Reflexionen und Deutungen“.

Der erste Teil umreißt die Rahmenbedingungen, denen sich die Offiziere im Kriege stellen mußten, ausgehend von der Erziehung, dem sozialen Umfeld und der mentalen Einstellung. Ein angemessener Raum muß dann zwangsläufig der Flottenrivalität und dem letztendlichen „Krieg ohne Gegner“ gewidmet werden, letzterer Term auf die Entscheidung der Royal Navy zur Fernblockade bezogen. Somit erhält der Leser in diesem Kapitel ebenfalls einen sehr komprimierten Abriß über den Verlauf des Seekriegs, ohne den allerdings - für den bislang nur marginal an der Materie interessierten Leser - die Reflexionen in den weiteren Kapiteln nur schwer erschließbar wären.

Der zweite große Teil - das eigentliche Kernthema - widmet sich dann den täglichen oder periodischen Niederschriften der Protagonisten, um letztlich den gewählten Buchtitel zu untermauern: „Das lange Warten“! Es wird deutlich, wie sehr die Offiziere beider Seiten - zumindest der hier bevorzugt behandelten großen Einheiten - unter ihrem erzwungenen Nichtstun litten und in der Tat ständig auf den Beweis ihrer Daseinsberechtigung warteten. Es ist dem heutigen „modernen“ Menschen sicherlich nur schwer verständlich zu machen, aber diese damalige Elite war, getreu dem geleisteten Eid auf der einen, getreu der vagen Vorstellung eines „ritterlichen Ideals“ auf der anderen Seite, bereit für ihre Ideale zu sterben. Werden in der heutigen Zeit die Filmaufnahmen begeistert in den Krieg ziehender Menschen zunehmend kritisch hinterfragt, aufgrund von Selbstzeugnissen anderer Gesellschaftsschichten sicherlich auch zu Recht, so geht diese Frage an den Offizieren vorbei. Diese wollten kämpfen - und konnten nicht, jedenfalls nicht in der Marine. Es hat aus diesem Grund auf beiden Seiten Offiziere gegeben, die sich nach Möglichkeit anstelle des bequemen Lebens an Bord für den Dienst im Schützengraben meldeten.

Erklärt wird durch die beschriebene Geisteshaltung aber auch so manche Episode des Seekriegs, sei es die Fahrt der „Halbflottille Thiele“, sei es der Angriff Graf Spees auf die Falklandinseln. Ein „Durchschleichen“ seines Geschwaders, um womöglich die Besatzungen nach Haus zu bringen, kam in seiner Gedankenwelt ebensowenig vor, wie für Korvettenkapitän Georg Thiele ein Hinterfragen seines Himmelfahrtkommandos. Dies nur als zwei Beispiele von vielen.

Unter jenen Umständen muß aber die erzwungene Untätigkeit der „Hochseeflotte“ wirklich „ans Gemüt“ gegangen sein. Man war bereit, sogar unter Entbehrungen, vollen Einsatz zu geben, aber der wurde nicht eingefordert. Im Gegenteil, es ging den Offizieren an Bord deutlich besser als der Bevölkerung an Land, denn für ausreichende Verpflegung und Getränke war gesorgt. So blieb eine bleierne, alles erstickende Langeweile, die viele nur mit Alkohol ertrugen, denn auch die Freizeitmöglichkeiten waren arg begrenzt und der Dienst reinste Routine. Wieso die britischen Offiziere ihre weitgehend vergleichbaren Umstände in Rosyth oder Scapa Flow besser ertrugen, bleibt trotz einiger Erklärungsansätze im Letzten ungeklärt. Vielleicht, weil die Umstände - zumindest in Scapa - noch härter waren als in Kiel oder Wilhelmshaven, und man sich in das Unvermeidliche fügen mußte; vielleicht, weil man die Auseinandersetzung wortwörtlich eher als eine Art Sport ansah.

Und das leitet nahtlos in den dritten Teil über, der der Analyse des voranstehend Geschilderten gewidmet ist. Auf deutscher Seite wird dabei vor allem deutlich, wie sehr in den letzten beiden Kriegsjahren zumindest den hier zitierten Seeoffizieren das Menetekel ihrer vermeintlichen Nutzlosigkeit vor Augen stand. Früh stellten sie sich die Frage, wie eine Nachkriegsflotte mit ihrem immensen Geldbedarf gerechtfertigt werden sollte, wenn die bisherigen Ausgaben vor dem Krieg nur zu der offensichtlichen Neutralisation der großen Schiffe geführt hatten. Interessanterweise hegten die britischen Kollegen durchaus ähnliche Gedanken, waren sie doch im Bewußtsein ihrer unerschütterlichen Überlegenheit in den Krieg gegangen. Die Vernichtung der Deutschen Flotte sollte quasi en passant erfolgen. Dann aber „kam“ sie ebensowenig heraus zur Schlacht, wie umgekehrt die Grand Fleet in die Gewässer vor Helgoland zur Nahblockade. Schlimmer noch, das einzige Treffen in Flottenstärke führte nicht zur Vernichtung der Deutschen, was beispielsweise Beatty bis an sein Lebensende wurmte.

Aus der geschilderten Gefühlslage beider Seiten entsprangen die jeweiligen Reaktionen zu Kriegsende. Die deutschen Offiziere standen den pazifistischen (nicht zwingend revolutionären) Gefühlen der Mannschaften mit völligem Unverstand gegenüber. Weder einen Siegfrieden erzielt, noch eigentlich überhaupt gekämpft zu haben, dafür aber bereit zu einem Frieden unter allen Umständen zu sein, das paßte nicht in ihr Weltbild. Man hatte sich zuvor, in noch guten Zeiten, nicht um die Gefühle der Mannschaften geschert, warum sollte sich das in ernster Zeit ändern? Die Offiziersehre verlangte vielmehr nach diesem berühmt-berüchtigten Vorstoß vom Oktober 1918, damit - wie ein mystifizierender, aber in vollem Einklang mit der allgemeinen Gedankenwelt stehender Trotha niederlegte - aus den Trümmern eine neue, unbefleckte Marine erwachsen könne. Die Versenkung der Flotte 1919 war somit ein letzter - und nicht ganz erfolgloser - Versuch, einen Rest von Ehre zu wahren.

Auf britischer Seite entsprang die beispiellose Arroganz Admiral Beattys den Verlierern gegenüber einem tiefen Frust, von einer „coward navy“ um die Früchte seines Sieges und somit seines Nachruhms gebracht worden zu sein. Die Deutsche Marine hatte sich in seinen Augen einfach „unsportlich“ verhalten, nicht herausgekommen zu sein, vom U-Bootskrieg und den Luftschiffen ganz zu schweigen. Und so gab es am Ende nur Verlierer, denn auch die Royal Navy ging düsteren Zeiten entgegen, die „pax britannica“ war definitiv zu Ende.

Das Urteil über diese vorgelegte Arbeit fällt vergleichsweise leicht, denn sie betritt ein weitgehend unbeackertes Feld, und kann somit durch Novitäten glänzen. Es bleibt kaum ein Gesichtspunkt unbetrachtet und analysiert, wobei man insbesondere zu dem Weltbild des kaiserlichen Marineoffizierskorps einen überzeugenden Zugang findet. Unbekannter waren hingegen die Weltbilder und Denkmuster auf der britischen Seite, die überzeugend herausgearbeitet wurden, und sich bei näherer Betrachtung gar nicht so sehr von denen ihrer deutschen Kollegen unterschieden. Im Sinne der Aufgabenstellung liegt allerdings auch das größte „Manko“ der Arbeit, nämlich ihre Beschränkung auf Teile des deutschen und britischen Offizierskorps, was wiederum der Reduzierung des Umfangs auf ein vertretbares Maß geschuldet ist. Nicht berücksichtigt/nicht vorhanden sind aber beispielsweise Schilderungen von Offizieren der kleineren, aktiveren Einheiten oder der U-Bootwaffe. Hier gab es bekanntlich nicht in vergleichbarem Maße diese Probleme der Langeweile oder auch der unüberbrückbaren Distanz zwischen Offizieren und Mannschaften. Nach der Lektüre wünschte man sich weiterhin ihre Ausweitung auch auf Zeugnisse aus dem Mannschaftsstand, wobei - abgesehen von dem auch herangezogenen Tagebuch Richard Stumpfs - die Quellenlage deutlich ungünstiger sein dürfte.

Alles in allem bleibt noch ein großer Bereich für die Forschung, doch ein überzeugender Anfang ist gemacht. Er sollte eine weite Verbreitung finden.

Dirk Nottelmann (2009)


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