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Wurden torpediert, schickt Hilfe

Autor: Diana Preston
Titel: Wurden torpediert, schickt Hilfe
Untertitel: Der Untergang der Lusitania 1915
Seiten: 548
s/w-Abbildungen: 82
Verlag: Deutsche Verlagsanstalt
Ort, Jahr: München, 2004
ISBN 3-421-05408-8

In der erkennbaren Tendenz der internationalen Historiographie, sich vermehrt den Ereignissen um den Ersten Weltkrieg zuzuwenden - der 90. Jahrestag des Kriegsausbruches mag damit zusammenhängen -, erschien vor einiger Zeit auch dieses Buch einer britischen Historikerin in deutscher Erstübersetzung. Im Impressum können wir weiterhin lesen, es handele sich um eine leicht abgewandelte Überarbeitung des im Jahre 2002 veröffentlichten, etwas reißerischen Titels: "Wilful Murder. The Sinking of the Lusitania". Worin die "Überarbeitung" allerdings liegt, läßt sich allein an der deutschen Ausgabe nicht festmachen, es sei denn, sie sei die Ursache für deren eingearbeitete Schwächen - dann wären wir mit einer reinen Übersetzung vielleicht besser bedient gewesen. Es wird unten darauf zurückzukommen sein.

Das Thema an sich "erfreut" sich, noch über die oben angesprochene Tendenz hinaus, in der jüngeren Vergangenheit einer regelrechten Renaissance. Dem Rezensenten sind - zumindest vom Titel her - gut ein halbes Dutzend Veröffentlichungen jüngeren Datums bekannt, welche sich mehr oder minder wissenschaftlich mit dem Untergang des Schiffes auseinandersetzen; nimmt man die Zeit seit dem Ende des Ersten Weltkrieges als Maßstab, so wird deren Zahl unüberschaubar. Der vorliegenden, jüngsten Edition kommt damit insofern ein Vorteil zu, als die Essenz der "wichtigsten" jener Veröffentlichungen in die Analyse mit einfließen konnten - über die vorgenommene Gewichtung sei dabei noch nichts gesagt.

Auffällig ist jedenfalls, daß sich keine einzige Veröffentlichung aus deutscher Sicht explizit mit dem Thema befaßt (hat). Allenfalls im Rahmen von wenigen historisch ernstzunehmenden Abhandlungen in deutscher Sprache über den U-Boot-Krieg an sich, mußte zwangsläufig auch die Lusitania-Affäre ein Teil davon werden. Kein deutscher Historiker hat es bislang aber gewagt, sich der langjährigen "Verdammungsflut" - oder auch "Verdummungsflut" - aus dem Ausland, mit ihren z. T. grotesken Überzeichnungen entgegenzustellen. Offenbar ist auch 90 Jahre nach Ausbruch des Ersten und nahezu 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs das Rückgrat der offiziellen Geschichtsschreibung noch immer gebrochen, bzw. ist jene nach wie vor in bequemen, politisch korrekten Selbstanklagen gefangen. Nach wie vor hat dazu das Wort eines britischen Historikers Bestand, der einst, ob der permanenten Angriffe auf Deutschland befragt, sinngemäß verkündete: "Es kann doch nicht unsere Aufgabe sein, eure Sicht der Dinge, ob Gegendarstellungen oder Rechtfertigungen, zu schreiben!" Dabei wäre es so einfach jene eingefahrenen Gleise zu verlassen, baut doch vor allem die ernstzunehmende angelsächsische Geschichtsschreibung inzwischen goldene Brücken zur vorurteilsfreien Betrachtung. Ein gutes Beispiel dafür bietet dieses Buch:

Man durfte insofern gespannt sein, als es sich bei der Autorin um eine englische Historikerin handelt und sich die Historiographie jenes Landes besonders zum Thema Lusitania bis zuletzt in einseitigen Schuldzuweisungen gefiel, anders als beispielsweise schottische, irische oder amerikanische Autoren. Man beachte durchaus die feinen Unterschiede der Nationalitäten. Zur Ehrenrettung des Mutterlandes sei aber gesagt, das diese Autorin das enge Korsett endlich gesprengt hat, wobei letzte Reste zwar noch übrigblieben - insbesondere wenn es um die personelle Integrität ihrer Landsleute geht -, aber vermeintliche Ikonen, wie Churchill, mittlerweile auf ein menschliches Maß reduziert werden. Sakrosankt ist jener offenbar wiederum nur im offiziellen Deutschland. Auf jeden Fall bemühte sie sich erstmals auch um eine deutsche Sicht der Dinge und zog dazu sogar - eine Ausnahme unter auswärtigen Geschichtsschreibern im Bereich der Marinegeschichte - deutsches Archivmaterial und deutsches Schriftgut zu Rate.

In ihrem Bestreben zur ausgewogenen Darstellung sind Frau Preston in dem gesetzten Rahmen de facto natürlich die geschilderten Ereignisse ein unüberwindliches Hindernis. Wer, wie sie es getan hat, den reinen chronologischen Ablauf und die schließende Analyse einbettet in eine breite Schilderung von Einzelschicksalen an Bord befindlicher Passagiere, der ruft zwangsläufig - ob nun gewollt oder nicht - Mitleid mit diesen vom Schicksal betroffenen Personen hervor. In Konsequenz kann somit nur die Verdammung des Kaisers und seiner "willfährigen Helfer" folgen - die Fronten sind abgesteckt. Auf dieser Ebene blieben bislang nahezu sämtliche erschienenen Bücher nichtdeutscher Herkunft stehen. Ein derart spektakuläres Ereignis, welches sich - je nach Auslegung - zumindest an den Grenzen des Völkerrechts bewegte, weckt zweifellos mehr Emotionen als die nicht quantifizierbaren anonymen Opfer der britischen Fern- oder Hungerblockade, welche mindestens ebensowenig völkerrechtlich legitimiert war.

Jedoch, und das ist das unbestreitbare Verdienst dieses Buches, werden hier alle Betrachtungsperspektiven einbezogen, gegeneinander gestellt und analysiert. Wohl erstmalig im angelsächsischen Sprachraum gesteht die Autorin der deutschen Seite eine Berechtigung zum Führen des uneingeschränkten U-Bootkrieges nach dem Notwehrprinzip zu, nachdem alle Hoffnungen auf ausgewogene Interventionen des "großen Neutralen" fruchtlos geblieben waren und offensichtlich mit zweierlei Maß gemessen wurde. Die amerikanische Seite muß sich dementsprechend unter anderem die entscheidende latente Frage stellen lassen, auf welcher Rechtsgrundlage sie eigentlich erwartete, daß Bürger ihres Landes auf Schiffen von Kombattanten eine jederzeit ungestörte Reise ins Kriegsgebiet erleben dürften. [Hier steht immer noch die ketzerische Frage im Raum, welche Antwort beispielsweise die schweizerische Regierung seitens der USA erhalten hätte, wenn Schweizer Bürger durch die Einwirkung von Koalitionsstreitkräften bei dem Versuch umgekommen wären, im Frühjahr 2002 einen touristischen Ausflug nach Bagdad zu machen, und die schweizerische Regierung auf deren legitime Rechte gepocht hätte.] Auf der anderen Seite stellt sie selbstverständlich auch der deutschen Seite keinen Freibrief aus, was sich exemplarisch in der Analyse des einzigen überlieferten - und offenbar manipulierten - KTB von U 20 im BA/MA zeigt. Dieser Abschnitt ist hochinteressant und originär im Ansatz. An anderen Stellen hingegen sind die Argumentationen manches Mal ein wenig schwach oder zu akademisch ausfallen.

Da zählen Soldaten in Zivil unter den Passagieren plötzlich nicht mehr als Kombattanten, weiterhin wäre die an Bord befindliche Munition zwar durchaus ein Grund gewesen das Schiff anzuhalten und nach Prisenrecht zu verfahren, nicht aber, es Warnungslos zu versenken. Weiterhin sei der Operationsbefehl für U 20 zwar überliefert, in dem explizit nichts über einen direkten Ansatz auf das Passagierschiff stünde - es wäre aber Usus gewesen, daß der Führer der U-Boote der Hochseeflotte kurz vor dem Auslaufen noch mündliche Ergänzungen gemacht hätte, usw.

Es sollen hier nicht alle Argumente, Fakten und Schlußfolgerungen im einzelnen rezitiert werden, vieles gäbe es zu kommentieren, doch das möge letztlich jedem Leser nach seiner Interessenlage überlassen bleiben. Beschränken wir uns abschließend auf ein Zitat aus der Feder eines der damals handelnden Personen und einer Schlußfolgerung der Autorin. Das Zitat stammt von niemand geringerem als dem ehemaligen 1. Seelord, "Jacky" Fisher, als Brief gerichtet an Tirpitz nach dessen "Abgang" im März 1916. Nach Wissen des Rezensenten hat noch kein Historiker dieses interessante Dokument herangezogen [Begründung: siehe oben] so daß seine hier vorgenommene Veröffentlichung ein weiteres positives Licht auf die Sorgfalt der Autorin lenkt. Fisher schrieb offen an Tirpitz: "... Kopf hoch alter Junge! (...) Sie sind der einzige deutsche Seemann der etwas vom Krieg versteht! Den Feind töten, ohne selbst getötet zu werden. Ich mache Ihnen keinen Vorwurf wegen der Sache mit den U-Booten, ich hätte das genauso gemacht (...)".

Und die Autorin an anderer Stelle: "Im schlechtesten Fall lautet das Urteil über die amerikanische Regierung, daß sie vor dem LUSITANIA-Zwischenfall der Sache der Allierten nicht neutral sondern parteilich gegenüberstand und diese Parteilichkeit zu kaschieren suchte, indem sie die völkerrechtlichen Bestimmungen sehr großzügig auslegte. Danach war sie ebenso wie die britische Regierung bemüht, ihre dem Zwischenfall vorausgehenden Handlungen zu rechtfertigen, unliebsame Fragen abzublocken und vorrangig nach Beweisen für deutsches Unrecht zu suchen. Wäre Wilson infolge dieses Vorgehens von den Deutschen nicht als Heuchler eingeschätzt worden, so wären seine Vermittlungsversuche bei ihnen und ihrem mißtrauischen, empfindlichen und gelegentlich auch paranoiden Kaiser sicherlich wohlwollender aufgenommen worden."

Als Fazit über den Inhalt dieses Buches darf man wohl behaupten, es handele sich dabei um die gründlichste, ausgewogenste und dabei umfangreichste - vielleicht sogar etwas zu umfangreiche - Darstellung, welche zu dem brisanten Thema bislang veröffentlicht wurde, die Editionen von pseudo-Historikern vom Schlage "Ballard" weit überragend. Die Einschränkung bezieht sich auf die sehr umfangreichen Beschreibungen der an Bord befindlichen Personen und deren Schicksal - welche letztlich nichts neues bringen -, zu Lasten einer noch gründlicheren Analyse der Ereignisse. Man könnte es dennoch uneingeschränkt empfehlen, wären da nicht die oben angesprochenen, zumindest das Lesevergnügen des Rezensenten stark trübenden Schwächen.

Jene Schwächen resultieren aus der offenbar etwas ungenügenden Kenntnis der Autorin hinsichtlich des Seemännischen, was bei einem nahezu 100% darauf bezogenen Thema schon etwas störend wirkt. Doch damit nicht genug, denn diese Tendenz wurde offenbar durch die Übersetzung noch verstärkt - ein leider häufiger zu beobachtender Umstand, wenn die Übersetzer nicht vom Fach zu seien scheinen. Der Rezensent wiederholt sich mit seiner Meinung, daß zu einem vermeintlich sorgfältig recherchierten Buch auch der sorgfältige Umgang mit den Fachbegriffen gehört, anderenfalls man leicht verleitet wird, Rückschlüsse auf die verwandte Sorgfalt zu ziehen. Es mag vielleicht noch angehen, wenn Tirpitz häufiger als "Marineminister" tituliert wird, "Oberkommandierender der Marine" war er jedenfalls nicht. Noch merkwürdiger kommt der folgende Satz daher: "Cunard hatte zu Beginn des Krieges einen der vier Heizkessel geschlossen - aus wirtschaftlichen Gründen." Den Unterschied zwischen einem Heizraum und einem Heizkessel zu kennen, sollte doch wohl erwartet werden dürfen? Eine weitere besonders evidente Mißinterpretation seemännischer Begriffe findet sich im Kommentar zu dem [mit einiger Sicherheit tatsächlich gefälschten] KTB von U 20 und soll hier als letztes Beispiel einmal wörtlich zitiert werden. Die Autorin schreibt: "Als die U 20 [sic] nach Schwiegers Kriegstagebuch die Lusitania zum ersten Mal sichtete, war sie "recht voraus", und gleichzeitig berichtete er, man habe "4 Schornsteine und 2 Masten" ausgemacht. Tatsächlich wäre es so gut wie unmöglich gewesen, die Zahl der Schornsteine zu sehen, wenn das Schiff unmittelbar von vorn auf das U-Boot zufuhr." Es bedarf in diesem Forum wohl keiner großen Erläuterung der hier vorgenommenen Überinterpretation. Selbstverständlich bezieht sich der Begriff "recht voraus" immer auf die Lage des eigenen Schiffes. Wenn also Schwieger den Dampfer recht voraus über die Kimm kommen sah, könnte er theoretisch jeden Kurswinkel zwischen 180 und 90 gegenüber dem eigenen Kurs gehabt haben und somit - außer als genauer Entgegenkommer - wäre die gemachte Beobachtung immer möglich gewesen.

Beenden wir die Betrachtung also mit der Bemerkung, daß, trotz aller positiven Ansätze, das rundum gelungene Lusitania-Buch noch immer aussteht.

Dirk Nottelmann (2004)


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