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Mit S.M.S. Zenta in China

Herausgeber: Claudia Ham, Christian Ortner
Titel: Mit S.M.S. Zenta in China
Untertitel: „Mich hatte auch diesmal der Tod nicht gewollt ...“ - Aus dem Tagebuch eines k.u.k. Matrosen während des Boxeraufstands
Seiten: 160
Abbildungen: durchgängig illustriert mit Fotos, Abbildungen und Faksimiles,
Verlag: E.S. Mittler & Sohn
Ort, Jahr: Hamburg, Berlin, Bonn, 2000
ISBN 3-8132-0745-5

Sogar einen „abgebrühten“ Rezensenten kann man noch überraschen, z. B. mit so einem Buch. In nahezu keiner Vorausschau bisher angekündigt, landete es auf seinem Tisch - zu dessen nicht geringer Freude; aber der Reihe nach: Den meisten heutzutage völlig unbekannt, tobte vor genau hundert Jahren ein fremdenfeindlicher Aufstand im Reich der Mitte, durch dessen Niederschlagung mittels einer internationalen Intervention die Weltgeschichte eine Reihe von Störungen erlitt - die sogar im Bewußtsein einiger Völker noch heute nachwirken: Man denke an die „Hunnenrede“ Kaiser Wilhelms in Bremerhaven, an den nicht minder populären (überbewerteten) Schlachtruf: „the germans to the front“ sowie einige mehr marineinterne Ereignisse. Auch Österreich-Ungarn war im Kreise der Nationen präsent, vergleichsweise bescheiden zwar, doch die Intention im Hintergrund war gleichermaßen kolonial orientiert - eigentlich suchte man zu jener Zeit ebenfalls eine Marinebasis in China.

An Bord des „Torpedokreuzers“ Zenta befand sich der 21jährige Matrose Anton Vierheilig, der zu jener Landungsabteilung gehören sollte, die sich nach dem Ausbruch der Unruhen der Abteilung des britischen Admirals Seymour unterstellte. Diese internationale Landungsabteilung, in die Weltgeschichte als „Seymour-Expedition“ eingegangen, hatte den Auftrag, das in Peking eingeschlossene diplomatische Korps zu entsetzen und es gegen Übergriffe der sogenannten „Boxer“ zu schützen. Anton Vierheilig hielt die Ereignisse dieser als Spaziergang geplanten Expedition in einem minutiösen Tagebuch fest, welches vor kurzem im Heeresgeschichtlichen Museum, Wien, wieder entdeckt wurde.

Die beiden Herausgeber, Historiker des Museums, unternahmen es nun, um dieses Tagebuch herum nicht nur eine Geschichte des Kreuzers Zenta von seinem Stapellauf, seiner Einbindung in die Typenfrage, seinen Auslandsreisen und letztlich auch seiner Versenkung aufzubauen, sondern vor allem die Ereignisse vor hundert Jahren in China näher zu beleuchten und mit Hintergrundinformationen zu füllen. Kern dabei bleiben aber immer die Schilderungen aus dem Tagebuch, welche eine faszinierende Quelle über den Ablauf der gescheiterten Mission bilden. Selbstverständlich ist es nicht Aufgabe des Buches, den Ablauf aller Operationen bis hin zum letztlich erfolgten Entsatz von Peking bis ins Kleinste zu schildern - die Abhandlungen darüber füllen Bände -, selten aber dürfte zumindest die „Seymour-Expedition“ lebendiger und auch den Leser berührender geschildert worden sein.

Dabei erschloß sich für den Rezensenten ein völlig neuer Aspekt der Weltgeschichte, hielt er doch bisher insbesondere die Aussendung des deutschen Expeditionskorps für das berüchtigte „mit Kanonen auf Spatzen schießen“! Angesichts der hier vorliegenden Schilderung wurde ihm erstmals die wahre Dimension dieses Aufstandes, der mehr und mehr den Charakter einer Volkserhebung erhielt, bewußt. Und - es gilt vielleicht noch ein weiteres Geschichtsbild auf den Prüfstand zu stellen, wenn es auch ein Tanz auf sehr dünnem Eis ist: Ohne Zweifel werden die Erlebnisse und Erzählungen von der Kampfesweise der Chinesen (um das arg belastete Wort „Greueltaten“ zu vermeiden) nicht nur den Weg in das Tagebuch, sondern auch nach Europa gefunden haben. Ist es da ein Wunder, wenn der bekanntermaßen empfindsame, wenn auch gerne überzeichnende Kaiser, die Worte zu seiner „Hunnenrede“ wählte?

Wir, die wir heute tagtäglich mit grausamen Bildern gefüttert werden, sollten vielleicht mit ein wenig mehr Distanz an die Verurteilung von vor hundert Jahren agierender Personen herangehen, die - und das ist aus den Zeilen deutlich herauszulesen - mit echter Betroffenheit diesen Handlungsweisen gegenüberstanden. Mag auch die Vorgeschichte zu dem Aufstand ein Musterbeispiel imperialer Politik gewesen sein, die „Seymour-Expedition“ jedenfalls war kein Eroberungsfeldzug, sondern trägt bereits Züge heutiger „Blauhelmeinsätze“. Und es bedarf nur wenig Vorstellungsvermögen, die Worte und Handlungen heutiger Politiker (mit Ausnahme deutscher natürlich) zu erahnen, wenn heutzutage neben UN-Soldaten akkreditierte Diplomaten „abgeschlachtet“ würden.

Alles in allem ein faszinierendes Buch, bei dem auch an der Ausstattung nicht gespart wurde, und das wirklich jedem nur ans Herz gelegt werden kann - seine Schilderungen sind manchmal sogar beklemmend aktuell.

Dirk Nottelmann (2000)


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