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Wilhelm II. und seine Flotte

Autor: Paul Simsa
Titel: Wilhelm II. und seine Flotte
Untertitel: Epochen der Weltgeschichte
Seiten: 319
Grafiken: 7
Verlag: Motorbuch-Verlag
Ort, Jahr: Stuttgart, 2012
ISBN 978-3-613-03480-8

Ein neues Buch zum Thema Wilhelm II. und „seiner“ Flotte lässt gewisse Kreise, zu denen sich der Rezensent zählt, immer aufhorchen, zumal der Autor - zumindest der mittlerweile in die Jahre kommenden älteren Lesergeneration - durch seine inzwischen 40 Jahre alte Veröffentlichung, „Marine intern - Entwicklung und Fehlentwicklung der Deutschen Marine 1888-1939“, kein Unbekannter sein dürfte. Was durfte man also erwarten? Eine überarbeitete, den in diesem Zeitraum partiell doch recht umfangreich sprudelnden Informationsquellen angepasste, auf die Kaiserliche Marine beschränkte Darstellung, wo der Vorläufer zumindest noch in Teilen auch die Entwicklung der Reichs- und Kriegsmarine mit einbezog? Womöglich sogar eine modernisierte Darstellungsweise; hatte das alte Buch doch vor allem unter dem bewussten Verzicht auf jedwede Quellenangaben gelitten - verbrämt mit der Bemerkung, dies wäre der Wunsch des Verlages gewesen, und der Autor hätte nur „ein zur Diskussion anregendes Lesebuch mit historischen Impressionen“ liefern wollen?

Doch „lasst alle Hoffnung fahren“ - so etwa kann man den Eindruck des Rezensenten beschreiben, als er das vorliegende Buch dann schließlich in den Händen hielt. Wer die Veröffentlichung aus dem Jahre 1972 sein Eigen nennt, braucht an dieser Stelle nicht weiterzulesen, es handelt sich tatsächlich nur um eine unveränderte, um einige Kapitel gekürzte Wiederauflage des alten Bandes. Ja, diese Veröffentlichungspraxis - beispielsweise findet sich in der Bewerbung des „neuen“ Buches kein Hinweis auf die eigentliche Herkunft - ist sogar insoweit zu hinterfragen, als an dem Inhaltsverzeichnis die Kürzung spurlos vorübergegangen ist; es enthält weiter alle bisherigen Kapitel und verweist auf Seitenzahlen die überhaupt nicht mehr vorkommen (!?!). Auch der katastrophale Seitenumbruchfehler auf den Seiten 25 - 28, bei dem einzelne Textstellen komplett unterschnitten, ist 1 : 1 in die neue Auflage übernommen worden. Lohnt unter diesen Umständen eine weitere Betrachtung noch? Ein vorsichtiges „Ja“ ist die Antwort, gibt es doch inzwischen auch einige jüngere Interessenten an der Materie, und die alte Ausgabe findet sich gar nicht einmal so häufig in den Angeboten von Antiquariaten.

Es geht/ging dem Autor - von Haus aus wohl Motorjournalist, ob aber heute noch lebend, wird in der mehr als spärlichen Biografie verschwiegen - damals primär um die Aufdeckung von Missständen in der Geschichte der drei behandelten Marinen, die es zuvor so noch nicht - wenn, dann allenfalls partiell - in einem Werk gegeben hatte. Alles das, was im besprochenen Zeitraum von den jeweils Verantwortlichen seiner Meinung nach falsch gemacht und/oder später falsch dargestellt worden ist, und demnach zu dem Weg in den totalen Untergang 1945 - mit der Zwischenstufe November 1918 - beigetragen hat. Damit ist gleichzeitig auch seine Affinität zu jener Generation von Historikern deutlich erkennbar, die einer unbedingten Kontinuität zwischen II.- und III.-Reich das Wort redeten.

Insgesamt ist die Darstellung grob chronologisch, von der Thronbesteigung Wilhelm II. im Juni 1888 an, wobei sich in Seitenblicken beispielsweise auch der Jugend des Kaisers oder der Herkunft und Jugend von Tirpitz als wichtigsten Protagonisten angenommen wird. Die Erzählweise ist dergestalt, dass das jeweilig aufgegriffene Thema des Kapitels mit einer Fülle von Zitaten hauptsächlich aus der nachgeschriebenen Memoirenliteratur gefüllt wird - so diese Zitate denn zu der Intention des Autors passen. Insofern relativiert sich das oben aufgeführte Negativum der fehlenden Quellenangaben etwas, denn diesen meist wörtlich übernommenen Zitaten sind wohl meistens die Namen der jeweiligen Autoren beigeordnet; weitere Hinweise auf Titel und Erscheinungsjahr/Auflage, Verlag, etc. fehlen aber gänzlich.

Lässt sich das Ganze zu Beginn noch recht unterhaltsam an - vor allem eben aufgrund dieser Breite von Zitaten aus den persönlichen Erinnerungen vieler -, herrscht spätestens ab 1898 die klare Tendenz vor, den Kaiser und vor allem seinen Technokraten-Admiral, Tirpitz, ordentlich an den Pranger zu stellen und ihnen Fehler nachzuweisen. Neben dem vor allem beherrschenden Thema „Flottengesetze“ gilt das exemplarisch für die vermeintlich technische und artilleristische Unterlegenheit der deutschen Schiffsbauten, die Rückständigkeit im Aufgreifen neuer Erfindungen, wie dem Unterseeboot oder dem Luftschiff, aber auch den sozialen Fragen, wie der klaren Dominanz des Seeoffiziersstandes gegenüber der technischen oder der Deckoffizierslaufbahn. Kulminationspunkt all dieser Missstände sind dann zwangsläufig die Ereignisse im Oktober/November 1918, mit dem Zwischenschritt der „Marinemeutereien“ im Sommer 1917.

Der Autor/Neuherausgeber kann sich an dieser Stelle allerdings nicht beschränken, das Ende der Kaiserlichen Marine zum Ende auch seiner Betrachtung zu machen, sondern erliegt der Versuchung auch noch ein wenig in späteren Gefilden wie dem Kapp-Putsch zu „wildern“. Auch die kritiklose Übernahme des Hakenkreuzes in die Reichskriegsflagge späterer Jahre darf schließlich nicht unerwähnt bleiben.

Was bietet demnach die „unveränderte“ Neuauflage eines 40 Jahre alten Buches dem heutigen Leser, was sollte ihn vom Kauf überzeugen, wo doch - zumindest in Teilaspekten - die Forschung deutlich weiter ist, als die hier präsentierten durchgängig negativen Einschätzungen und Thesen aus dem vergangenen Jahrhundert? Es ist genau die oben vorgenommene Einschränkung bezüglich der „Teilaspekte“, die ihm noch einen gewissen Wert zumisst. Aufgrund der Darstellungsbreite werden viele Punkte behandelt, die selbst im Abstand von jetzt 100 Jahren (bzw. 40 Jahren nach der Erstausgabe) rückständig und zu Kritik Anlass gebend wirken, ohne dass sich dieses Bild auch durch neuere Veröffentlichungen gewandelt hat. Ganz oben steht dabei sicherlich die soziale Frage, die allenfalls aus ihrer Zeit erklärt werden kann, wenngleich die Distanz des Mannschafts- zum Offiziersstand und das daraus resultierende Innenverhältnis definitiv kein spezifisch kaiserlich deutscher Sonderweg war. Und dazu die Zitate der damals Betroffenen zu lesen, bzw. die publizierten Ergebnisse beispielsweise des offiziellen Reichtagsuntersuchungsausschusses, ist ohne Frage zeitlos und zum Nachdenken anregend.

Demgegenüber stehen die Arbeiten insbesondere der letzten 15 Jahre zu den Flottengesetzen, den Schiffsbauten, der implizierten Seestrategie und schließlich auch zum Kaiser selbst. Hier wurden viele der Aussagen des Buches in der Zwischenzeit schlichtweg deklassiert und unhaltbar - es seien aus naheliegenden Gründen nur die Ausführungen auf Seite 22 (beider Ausgaben) zur Brandenburg-Klasse genannt.

Und damit sind wir erneut bei dem hauptsächlichen Dilemma der (Wieder-)Veröffentlichung. Wer zeigt dem interessierten Neueinsteiger in die Materie, der sich dieses Materials erstmals annimmt, die Grenze zwischen „gut“ und „böse“, „wertvoll“ und „wertlos“ auf - wobei diese Grenze durchaus fließend ist? Geschichtsforschung ist bekanntlich kein starrer Prozess. Selbstverständlich war nicht alles „gut“ in der Marine Wilhelm II., aber ebenso selbstverständlich war auch nicht alles so schlecht, dilettantisch, rückständig oder konzeptionslos, wie hier dargestellt. Man braucht allerdings eine umfangreiche Menge mehr an Material, um das erkennen und werten zu können. Wenn man aber dieses Mehrmenge erst einmal benutzt hat oder gar besitzt - von der Benutzung von Primärquellen, wie Aktenmaterial, wollen wir nicht erst sprechen - wer braucht dann noch dieses Buch? Für sich allein stehend zeichnet es jedenfalls nicht den heutigen Forschungsstand auf.

Dirk Nottelmann


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